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Homosexueller Mönch : Ein Mann, der in der Nische lebt

  • -Aktualisiert am

Mönche laufen im Kloster Santa Croce in Assisi. „Ich würde nicht sagen, es ist ein armes Leben, sondern ein einfaches“, sagt Bruder Eugenio. Bild: plainpicture/Millennium/Aldo Pav

Bruder Eugenio ist Mönch – und homosexuell. Er wünscht sich, dass jeder Christ lieben kann, wen er will. Die katholische Kirche müsse offener werden und das Zölibat für Priester abschaffen.

          Der Mönch geht über Rot - und fühlt sich ertappt. Normalerweise macht er das nicht. Er dreht sich um und lächelt unbeholfen. Fehlt nur noch, dass er zurückläuft, um noch einmal auf Grün zu warten. Aber jetzt ist er ja schon auf der anderen Seite. Jetzt ist es zu spät. Grenzüberschreitungen sind seine Sache. Nicht. Er lebt sie jedenfalls nicht in letzter Konsequenz. Er schaut zurück auf die Straßenseite, von der er gekommen ist, geht dann aber doch weiter, richtet den Blick wieder nach vorne.

          Er macht einen Spaziergang vom Hauptbahnhof einer großen deutschen Stadt in die Fußgängerzone. Der Mönch möchte „in der Welt“ wirken, nicht hinter dicken Ordensmauern. Deswegen ist er Franziskaner geworden; Franz von Assisi ist sein Vorbild, der Gründer des Bettelordens, der sich der Welt zuwendet und ohne Besitz unter den Armen im Zeichen des Gebets lebt - und die Welt der Oberschicht hinter sich lässt.

          „In der Welt„ wirken, aber nicht zu sehr

          Der Mönch läuft im Habit, in seiner braunen Kutte, an einem Sexshop vorbei. Ein Mann und eine Frau stehen davor und schauen ihm irritiert hinterher. Der Mönch hat es nicht bemerkt. Er eilt weiter, um an einem Ein-Euro-Laden mit bunten Kissen anzuhalten. Ganz ohne Besitz lebt der Franziskaner-Mönch von heute nicht. Er betrachtet die Kissen mit den lachenden und weinenden Smileys. Dann hält er sich eines vor das Gesicht. Der Mönch hat ein Handy, aber kein Smartphone. Er weiß nicht, dass die Kissen den Emoticons des Messenger-Dienstes WhatsApp nachempfunden sind. Diese gebückten Menschen, die den ganzen Tag auf ihr Smartphone starren, versteht er nicht. „In der Welt“ wirken? Ja. Aber vielleicht auch nicht zu sehr. Wenn die Welt ihm zu viel wird, dann zieht er sich zurück in das Kloster, in dem er mit einer Handvoll Mitbrüdern lebt.

          Er hat Angst, dass sein Oberer von dem Interview erfährt. Deswegen heißt er in diesem Text auch anders als im wirklichen Leben. „Mir war lange nicht bewusst, dass ich homosexuell bin“, sagt Bruder Eugenio und läuft vorbei an einem Mann, der einen riesigen rosafarbenen Hello-Kitty-Ballon hinter sich herzieht. Wie viele der Ordensleute in Deutschland im Verborgenen ähnlich fühlen wie Eugenio, wie viele der Nonnen und Mönche homosexuell sind, lässt sich nicht sagen. Auch die „Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche“, in der deutschlandweit 380 Menschen organisiert sind, kann dazu keine Auskunft geben.

          Eugenio jedenfalls wusste schon als kleiner Junge, dass er keine Familie und keine Kinder will. „Vater-Mutter-Kind-Spiele fand ich blöd.“ Dafür hat er schon immer eine „religiöse Ader“ gehabt, wie er sagt. Es ist nicht so sehr die Kirche, die ihn damals fasziniert - vielmehr der Gedanke, dass es einen barmherzigen Gott gibt, der ihn so gewollt hat, wie er ist.

          „Vieles in der Kirche scheinheilig“

          Der Pfarrer seiner Heimatgemeinde fragt ihn, ob er Messdiener werden wolle. „Nein“, sagt der junge Eugenio damals, er gehe nicht so gerne in die Kirche. Zwar lässt er sich als Jugendlicher noch firmen, entfernt sich aber als junger Erwachsener immer weiter von der Institution. Vieles erscheint ihm scheinheilig. Dass Frauen nicht Priesterinnen werden können zum Beispiel. „Da erzählen Männer in Frauenkleidern am Altar Frauen, die ja in der Regel den Großteil der Kirchengemeinde ausmachen, was richtig und falsch ist“, wundert er sich.

          Die Homosexualität war damals noch kein Thema, sagt Eugenio. Er hatte nie eine Beziehung, auch nicht zu einer Frau. „Ich habe schon gewusst, dass da etwas nicht stimmt“, so drückt Eugenio es heute aus. „Was den meisten Jungs Spaß machte, hat mir keinen Spaß gemacht. Ich hatte jede Menge Freundinnen, aber keine Freunde.“ Wenn er schwärmt, schwärmt er für Männer. Als er als Erwachsener mit seiner Schwester einmal in das Musical „Rocky Horror Picture Show“ geht, ist er begeistert von dem Sänger. „Du bist schwul“, sagt seine Schwester da zu ihm. „Eindeutig.“ Er habe mit den Schultern gezuckt und gesagt: „Na gut, dann bin ich es halt“, als sei das nichts Essentielles, kein Stück seiner Identität.

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