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Homosexuelle Sportler : Einsame Spitze

Der walisische Rugbyspieler Gareth Thomas outete sich in einem Interview Bild: AFP

Homosexuelle Sportler trauen sich nur selten an die Öffentlichkeit. Dabei gab es schon einige mutige Vorbilder. Bei den Olympischen Spielen in Vancouver soll es nun erstmals ein „Pride House“ geben, einen Treffpunkt für Schwule und Lesben.

          Ryan Miller war ein Hoffnungsträger. Der Snowboarder hatte die Chance, 2002 an den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City teilzunehmen. Dort wäre er der einzige offen homosexuelle Athlet gewesen. Doch Miller verletzte sich und konnte sich nicht rechtzeitig qualifizieren. Mental war er ebenfalls angeschlagen. Der Mann aus Colorado hatte sich im Winter 2000/2001 geoutet - während eines Wettkampfs im kanadischen Vancouver. Als seine Teamkollegen abends noch in ein Strip-Lokal fahren wollten, hatte der Vierundzwanzigjährige genug davon, so zu tun, als törnten ihn nackte Frauen an. „Da steh' ich nicht drauf“, sagte er zu seinen Kameraden. „Ich bin schwul.“ Was für ihn eine Befreiung war („ich musste nicht mehr lügen“), entpuppte sich für seine Karriere als schwerer Fehler. Miller war in seiner Mannschaft fortan Außenseiter. Keiner wollte mehr etwas mit ihm zu tun haben, er war unerwünscht, auch beim Trainer, und musste sich schließlich einen neuen Verein suchen.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Ryan Miller wäre in Salt Lake City eine Ausnahme gewesen. Kaum ein Sportler wagt es, sich während seiner aktiven Karriere zu outen. Die Gründe der meist noch jungen Aktiven sind vielschichtig: eigene Unsicherheit, Angst vor den Kollegen und vor der (Welt-)Öffentlichkeit - immerhin gibt es bis zu 70 Länder, in denen Homosexualität ein Straftatbestand ist, was für einen angehenden Sportstar zum Problem werden kann - und sei es nur, weil ihm lukrative Werbeverträge entgehen. Ist das Lügengebäude in jungen Jahren erst einmal errichtet, erscheint es einem versteckt lebenden homosexuellen Leistungssportler unmöglich, ja sogar gefährlich, die Existenz noch einmal in den Grundfesten zu erschüttern.

          Seine Ehe diente nur zur Tarnung

          Ausgerechnet einer der besten - gerade noch so aktiven - Rugby-Spieler der Welt wagte zuletzt den Schritt: der Waliser Gareth Thomas, der für sein Land zum Teil als Kapitän 100 Länderspiele bestritten hat. Kurz vor Weihnachten sagte Thomas in einem Interview, dass er schwul sei. Er wisse das schon seit seinem 16. Lebensjahr. In einem Sport, der als besonders männlich gilt, ließ er sich darauf ein, eine Jugendfreundin zu heiraten. Die Ehe, die ihm nur zur Tarnung diente, scheiterte 2006. Damals vertraute er sich auch seinem Trainer und zwei seiner Teamkollegen an. Ihre Reaktion: Ist uns doch egal. Thomas spielte weiter, als wäre nichts geschehen, und trat sogar bei der Rugby-Weltmeisterschaft 2007 in Frankreich an - vermutlich genauso wie noch einige andere nicht offen schwule Rugbyspieler.

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          Auch bei den Olympischen Winterspielen im Jahr 2002 gab es selbstverständlich homosexuelle Teilnehmer. Die schwedische Eishockeyspielerin Erika Holst zum Beispiel, die mit ihrer Mannschaft in Salt Lake City Bronze gewann. Dass sie lesbisch ist, erzählte sie erst vier Jahre später, wenige Wochen vor den Olympischen Spielen in Turin, bei denen sie sich mit ihrem Team eine zweite Medaille sichern konnte - Silber. Auch in Vancouver im Februar wird Holst wieder antreten. Dort könnte sie zum stolzen Vorbild werden. Denn erstmals wird es bei Olympischen Spielen ein „Pride House“ geben, das sich an homosexuelle Athleten wendet.

          Ein Treffpunkt für Schwule und Lesben

          Die Idee dazu hatte Dean Nelson. Den Treffpunkt für Schwule und Lesben - allerdings nicht ausschließlich - will er in einem Hotel in Whistler (British Columbia) einrichten, wo unter anderem die Ski-Alpin- und Biathlon-Wettbewerbe stattfinden. Das Organisationskomitee der Olympischen Spiele hat wissen lassen, dass es Nelsons Vorstoß durchaus begrüßt. Es legt aber Wert darauf, dass es keine offizielle Initiative von Seiten der Ausrichter sei - genauso wenig wie die anderen Nationenhäuser, die von vielen Teilnehmerländern für ihre Mannschaften zur Verfügung gestellt werden.

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