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Homosexuelle Jugendliche : Man muss sich doch in eine Frau verlieben, oder?

Unbekümmert: Nicht viele schwule Jugendliche gehen so offen wie diese beiden (auf einer Party in Berlin) mit ihrer Zuneigung um. Bild: Martim Ramos / Kameraphoto / Pic

Nach der Entscheidung der Iren debattiert Deutschland wieder über die „Homo-Ehe“. Wie schwer ist es heute noch, sich hierzulande als schwul oder lesbisch zu outen? Fünf Teenager berichten von ihren Erfahrungen.

          Als er vierzehn und noch auf der Hauptschule war, hat Simon sich das erste Mal für Jungs interessiert. Damals ging er - ein beinharter Fußballer - wie selbstverständlich davon aus, dass „das“ wieder weggehen würde. Mit fünfzehn, schon weniger sicher, dachte er: Das muss unbedingt wieder weggehen. Mit sechzehn dann: Vielleicht bleibt es ja so? Und mit 17, als er schon eine Lehre machte und zu einem gefürchteten Innenverteidiger herangewachsen war, der mit seinen 82 Kilo und dem kleinen Bäuchlein beim Fußball alles abräumte, da wusste er: Es wird so bleiben.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Kurz darauf brachte er seinen damaligen Freund zum ersten Mal mit nach Hause und erklärte seinen verdutzten Eltern: „Ich bin schwul.“ Es folgte eine lange Pause. Dann rief sein Vater, ein Facharbeiter: „Wir sind total enttäuscht, wie kannst du uns das nur antun, du bist unser einziger Sohn, das ist eine Schande!“ Und die Mutter, eine Verkäuferin, fügte hinzu: „Hoffentlich ist das nur eine Phase, wir wollen doch Enkel!“

          Nicht jedes Outing verläuft so dramatisch

          Simon und sein Freund flüchteten, der Sohn ließ sich danach zwei Tage lang nicht zu Hause blicken, obwohl er dort wohnt. „Ich war voll enttäuscht, ich hatte mir was anderes erhofft“, erzählt er heute, ein halbes Jahr später. Beim Sport und bei der Arbeit sei er unkonzentriert gewesen, er habe viel Wut in sich gespürt und die an anderen ausgelassen: „Wenn jemand nur über WhatsApp geschrieben hat: ,Hi, wie geht’s?’, dann antwortete ich: ,Jetzt geh’ mir nicht auf den Sack.‘“

          Drei Wochen lang hätten die Eltern überhaupt nicht mit ihm geredet, „und seitdem tun sie so, als ob ich es ihnen nie gesagt hätte und auf Mädchen stehen würde. Sie fragen nicht, wie es ist, schwul zu sein, oder wie ich es bemerkt habe. Nichts. Gar nichts“, sagt Simon, der inzwischen 18 und wegen seiner Eltern ziemlich verbittert ist. Er lässt sie nicht mehr an sich ran und redet kaum noch mit ihnen. Dass er einen neuen Freund hat, wissen sie auch nicht. Simon will bald ausziehen.

          Nicht jedes Outing muss so dramatisch verlaufen. Die Akzeptanz von Schwulen und Lesben hat sich seit der Entkriminalisierung der Homosexualität Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre dramatisch verbessert. Mit der Legalisierung schwand auch die Vorstellung, dass Homosexualität krankhaft sei, und mit der Hippie-Kultur und der damit verbundenen Veränderung der Vorstellungen von der persönlichen Lebensführung nahm die soziale Verachtung ab. Heute hängt es vor allem von Bildung, Alter, Kirchennähe und Wohnort ab, ob Menschen etwas gegen Schwule und Lesben haben; auf dem Land ist die Akzeptanz geringer als in der Stadt.

          „So geht man nicht mit seinem Kind um“: Paar junger Frauen

          Alles in Butter ist aber noch lange nicht: Laut der 1999 veröffentlichten Studie „Sie liebt sie. Er liebt ihn“ des Berliner Senats mit 217 Teilnehmern haben sechs von zehn homo- oder bisexuellen jungen Menschen zwischen 15 und 27 Jahren schon einmal daran gedacht, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Fast jeder fünfte Befragte hatte mindestens einen Suizidversuch hinter sich. Oliver König, Pädagoge beim Jugendzentrum „Kuss 41“ in Frankfurt, beobachtet: „Die Leute, die zu uns kommen, haben meist ein großes Gefühl von Einsamkeit und Isolation.“ Sie fühlten sich unverstanden und seien vorsichtig damit, sich zu outen. Auch die Jugendlichen in diesem Text heißen eigentlich anders.

          Man muss sich doch in eine Frau verlieben

          Daniel etwa, 14, einziger Sohn eines Erfurter Finanzbeamten und einer Verkäuferin, hat noch nie jemandem von seinen Gefühlen für Jungs erzählt. Seit April ist er auf der Internetplattform „dbna“ unterwegs - einer Community für „schwule Jungs“. Er hat ein Profil angelegt und ein Foto hochgeladen, darauf trägt er Seitenscheitel, eine riesige Hornbrille und ein gebügeltes Hemd. Wie ein Musterschüler sieht er aus, und er ist auch einer: Sein letzter Zeugnisdurchschnitt in der 9. Klasse eines Erfurter Gymnasiums war 1,4 - Lieblingsfächer Geschichte, Politik und Latein.

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