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Holocaust-Gedenktag : Der älteste Mann auf Erden?

Yisrael Kristal, vor wenigen Tagen in Haifa fotografiert, ist vermutlich der älteste Mensch auf der Welt. Sicher ist: Er ist 112 Jahre alt und hat den Holocaust überlebt. Bild: AFP

An diesem Mittwoch vor 71 Jahren befreite die sowjetische Armee Auschwitz. Yisrael Kristal hat das Vernichtungslager überlebt. Der 112-Jährige wurde 1903 in Polen geboren, lebt heute in Israel – und gilt als ältester Mann der Welt.

          Yisrael Kristal ist dankbar. Er hat zwei Weltkriege, das Getto von Lodz und das Vernichtungslager Auschwitz überlebt, das die sowjetische Armee am 27. Januar vor 71 Jahren befreite. Im September feierte der fromme Jude mit der schwarzen Kippa auf dem Kopf in Haifa seinen 112. Geburtstag.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Vieles spricht dafür, dass der Holocaust-Überlebende der älteste Mann auf der Welt ist. Seit die Zeitung „Haaretz“ vergangene Woche über Kristal berichtete, traten in Polen weitere Dokumente zutage, die das belegen sollen.

          Vor einer Woche war in Japan Jasutaro Koide mit fast 113 Jahren gestorben. Um nach ihm als ältester Mann anerkannt zu werden, fehlt bislang noch ein amtlicher Nachweis des Geburtsdatums aus den ersten 20 Lebensjahren. Für einen Eintrag im „Guinness-Buch der Rekorde“ reicht die 87 Jahre alte Heiratsurkunde aus Polen nicht aus, die Kristal mitbrachte, als er 1950 nach Israel auswanderte. Seine erste Ehefrau, die er mit 25 Jahren heiratete, wurde in Auschwitz ermordet; ihre beiden Kinder kamen im Getto ums Leben.

          Nach dem Holocaust fing er in Israel neu an

          Doch Kristal ist nicht verbittert. Er heiratete wieder, bekam zwei Kinder und fing in Israel neu an. Der Holocaust habe ihm den Glauben nicht genommen, sagte seine Tochter Shula Kuperstoch der „Jerusalem Post“. Er selbst gibt keine Interviews mehr. Für ihn sei es Gottes Wille gewesen, der ihn so lange leben ließ, sagt sie. Jeden Tag legt er die Gebietsriemen an und betet – auswendig, weil die Augen schlecht geworden sind. „Mein Vater ist immer froh. Er ist optimistisch, klug und schätzt, was er hat“, sagt sie.

          Yisrael Kristal stammt aus einer frommen Konditorfamilie. Er wurde am 15. September 1903 in Zarnow, einem Dorf bei Lodz, geboren. Er war drei, als seine religiöse Ausbildung begann und er Hebräisch lernte. Sein strenger Vater, ein Tora-Gelehrter, weckte ihn um fünf Uhr und unterrichtete ihn anfangs selbst. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, begegnete er dem österreichischen Kaiser Franz Josef.

          Nach dem Krieg arbeitete er in Lodz in der Konditorei der Familie. Er führte den Betrieb auch weiter, nachdem die Wehrmacht einmarschiert war und die Juden ins Getto verbannt wurden. In Haifa eröffnete er wieder eine Konditorei. Sie wurde bekannt für die Schokoladenfläschchen mit Likör.

          Viele Holocaust-Überlebende in Israel sind arm, krank oder einsam

          Seit mehr als 40 Jahren ist Yisrael Kristal im Ruhestand, und es geht ihm besser als vielen der 189.000 Holocaust-Überlebenden, die 2015 in Israel lebten. Eine Pflegerin versorgt ihn zu Hause, die Tochter wohnt in der Nähe. Viele von ihnen sind krank und vereinsamt. 40 Überlebende sterben jeden Tag. Obwohl die Regierung die Unterstützung erhöht hat, ist ein Drittel von ihnen arm, wie die „Foundation for the Benefit of Holocaust Victims in Israel“ 2015 zum israelischen Gedenktag mitteilte, der im Frühjahr begangen wird, nicht wie in Deutschland am 27. Januar.

          An diesem Mittwoch titt der Bundestag zu einer Gedenkstunde zusammen. Am Montagabend kam Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Eröffnung der Ausstellung „Kunst aus dem Holocaust – 100 Werke aus der Gedenkstätte Yad Vashem“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin.

          Ein Rezept für ein langes Leben hat Kristal nicht. Er empfiehlt, alles in Maßen zu tun, nicht zu viel zu essen und nicht zu viel zu schlafen. Man müsse die Kontrolle über das eigene Leben behalten und den Rest Gott überlassen, berichtet seine Tochter. Von der modernen Welt hält er nicht viel. Der „Haaretz“ sagte er vor Jahren, heute sei alles erlaubt, niemand müsse sich mehr groß anstrengen, und die Kinder hörten nicht mehr auf die Eltern.

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