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Holocaust-Überlebende de Vries : „Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat“

Auch im hohen Alter von 95 Jahren reist Erna de Vries noch von Schule zu Schule, um junge Leute über die Verbrechen während der NS-Zeit aufzuklären. Bild: Holde Schneider

Erna de Vries hat Auschwitz überlebt. Seit 20 Jahren fährt sie jede Woche in Schulen, um Schülerinnen und Schülern davon zu erzählen. Unsere Autorin hat sie begleitet.

          8 Min.

          Lathen im Emsland. Lautes Schimpfen, nachdem man auf die Klingel mit dem Namen „De Vries“ gedrückt hat, und nach einigen Minuten im nasskalten Morgen wird einem die Tür geöffnet. Alicia, Erna de Vries’ neue Betreuerin, steht da und winkt einen herein: „Kommen Sie, kommen Sie“, sagt sie und geht voran. Man läuft einen Moment zu lang durch einen dunklen Flur, quetscht sich an einem Rollator vorbei, steht im hell erleuchteten Esszimmer. Und da sitzt Erna de Vries, 95-jährig, in einem mit Perlen besetzten Rollkragenpullover, am gedeckten Frühstückstisch, und isst ein Knäckebrot mit braun-rosa Creme darauf. Sie winkt einen zu sich, Alicia bringt eine Tasse, Filterkaffee, schwarz, Knäckebrot? Nein, danke. Erna de Vries lächelt liebenswürdig, beugt sich viel herüber, tätschelt einem den Arm. Alicia steht hinter ihr und spricht so laut, dass sie fast schreit, weil Erna de Vries so schwerhörig ist, dass sie sie trotzdem nicht versteht. Bedächtig schmiert de Vries den Aufstrich aufs Knäckebrot. „Hunger kenne ich heute nicht“, sagt sie. „Das ist kein Hunger, was wir fühlen, das ist nur Appetit.“ Bis heute kann sie es nicht ertragen, wenn Lebensmittel weggeschmissen werden.

          Johanna Dürrholz
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Acht Tage ist Alicia jetzt hier, mit den beiden passt es einfach nicht recht. Oft ruft die Betreuerin etwas Lautes von irgendwoher, dann beugt sich Erna de Vries verschwörerisch herüber: „Sie weiß doch, dass ich sie nicht verstehe.“ Ob Alicia die Geschichte von de Vries kennt? Erst sagt sie „Nein“, dann „Ja“. Es klingelt, Alicia schimpft wieder, geht zur Tür, Ralf Haustein ist da. Er ist Schulleiter der Erna-de-Vries-Schule in Lathen, eine Grund- und Oberschule, die sich vor zwei Jahren nach de Vries umbenannt hat. Er fährt uns heute nach Münster, in eine andere Realschule, die auch Erna-de-Vries-Schule heißt. Dort wird Erna de Vries das tun, was sie seit 1998 tut: ihre Lebensgeschichte erzählen, genauer: ihre Überlebensgeschichte.

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