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Hollywood-Stars bei Scientology : „Das Geschäft läuft gut“

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Botschafter Travolta: Scientology will auch Dich Bild: dpa

Wenn John Travolta am Wochenende bei „Wetten, dass . . . ?“ erscheint, befürchten viele einen Werbeauftritt für die umstrittene Scientology-Sekte. Gezielt wirbt die Organisation um die Gunst von Prominenten - mit einem offensichtlich gut funktionierenden Netzwerk in Hollywood.

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          Wenn es bei Scientology einen Himmel gäbe, würde der Gründer der Organisation heute zufrieden von dort auf die Erde blicken. Erst hat ein liebestoller Tom Cruise der Gruppe mit seiner Hochzeit auf einem italienischen Schloss zu weltumspannender Publicity verholfen, jetzt verschafft ihr John Travolta ausgerechnet in Deutschland, das die Organisation nicht als Religionsgemeinschaft akzeptiert, noch mehr Aufmerksamkeit. Am Wochenende wird der Schauspieler bei „Wetten, dass ...?“ erwartet, um seinen neuen Film „Born to be wild“ vorzustellen. Als Mitglied der „Church of Scientology“ gehört es dabei auch zu Travoltas Mission, durch seine bloße Präsenz Werbung für die Organisation zu machen (siehe auch: „Ernstes Thema Scientology“: ZDF lädt Travolta nicht aus). Das verlangt zumindest das „Project Celebrity“ ihres Gründers L. Ron Hubbard, der sich nicht umsonst bis zu seinem Tod 1986 „Commodore“ nennen ließ.

          Schon in den fünfziger Jahren erkannte Hubbard, dass mit berühmten Gesichtern viel Geld zu verdienen ist. Um neue Anhänger für Scientology zu rekrutieren, setzte er daher auf Schauspieler, Musiker und Studiobosse: „Es kann für die Scientology-Organisation nur gut sein, wenn prominente Informationsträger ihren Namen hin und wieder fallenlassen“, sagte er. Mit der Anwerbung dieser „Communicators“ tat sich Hubbard anfangs jedoch schwer. Seine Wunschkandidaten, neben Walt Disney, Greta Garbo und Ernest Hemingway auch Marlene Dietrich, konnten seinen Annäherungsversuchen widerstehen. Hubbards Expertise als Autor seichter Science-Fiction-Romane schien in Hollywood keinen Eindruck zu machen.

          Heer von „Botschaftern“ aus Hollywood

          Was ihm damals nicht glücken wollte, hat sein Nachfolger David Miscavige inzwischen zur Perfektion gebracht. Miscavige, im vergangenen Herbst Trauzeuge bei Tom Cruise und Katie Holmes, kann sich über ein Heer von Hollywood-Persönlichkeiten freuen, die im Namen von Scientology aktiv sind. Kirstie Alley („Kuck mal, wer da spricht“) nutzte vor Jahren einen Fernsehauftritt, um die Umweltbroschüre der Organisation in die Kamera zu halten. Seit Jahrzehnten wirbt die früher kokainsüchtige Schauspielerin auch für Narconon, die Drogenselbsthilfe der Scientologen. Priscilla Presley, Elvis' frühere Ehefrau und Darstellerin in Filmen wie „Die nackte Kanone“, ist ebenfalls für Scientology unterwegs, vermeidet aber jede Diskussion. Im Interview mit Larry King, Talk-Ikone des Senders CNN, beschränkte Presley sich auf ein „Das Geschäft läuft gut“. Dem Jazzpianisten Chick Corea dagegen eilt der Ruf voraus, selbst bei Fragen zu seiner Musik ständig abzudriften: „Scientology steht hinter allen Menschenrechten. Das Brillante an Hubbard ist, dass er Techniken entwickelt hat, durch die jeder Mensch in sich gut werden kann.“

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          Für die Einweisung in diese „Techniken“, bei denen eine Art Lügendetektor angeblich persönliche Schwächen anzeigt, müssen die Mitglieder der Organisation zahlen. Nach Berichten ehemaliger Anhänger der oft als Psychokult beschriebenen Gruppe liegt der Stundensatz für Gespräche und Beratungen bei etwa 400 Dollar. Während Scientology behauptet, eine Religionsgemeinschaft zu sein, betrachten Kritiker die Gruppe daher als Wirtschaftsunternehmen und zitieren L. Ron Hubbard: „Macht Geld, macht mehr Geld!“

          Beratung bei Karriereknicks

          Ob auch Celebritys zur Kasse gebeten werden, ist nicht klar. Einige Abtrünnige berichten, dass sie bis zu zehn Prozent ihres Einkommens abtreten mussten. Der frühere Scientologe Lawrence Wollersheim, dem vor Gericht neun Millionen Dollar Schmerzensgeld von der „Church of Scientology“ zugesprochen wurden, berichtet dagegen, dass Schauspieler für ihre Marketing-Kampagnen großzügig honoriert werden. Besonders beliebt seien Aufenthalte in einem der luxuriösen Celebrity Centres. Die bekannteste dieser Einrichtungen steht an der Franklin Avenue in Los Angeles, gleich unterhalb des berühmten Hollywood-Zeichens und nur ein paar Schritte entfernt von den rosafarbenen Sternen des Walk of Fame. Vor der Verleihung der Oscars Ende Februar sollen hier Jennifer Lopez und Marc Anthony genächtigt haben, ebenso eine ehemalige Freundin von Tom Cruise, die „Vanilla Sky“-Darstellerin Penelope Cruz. Der schlossähnliche Bau aus Hollywoods goldenen Tagen beherbergt in seinem Rokoko-Ambiente ein Restaurant, plüschige Hotelzimmer, Räume für private Screenings und das holzgetäfelte Büro L. Ron Hubbards. Nach Vorstellung der Scientologen ist sein irdisches Dasein beendet, als unsterbliches spirituelles Wesen existiere er aber weiter.

          An der Franklin Avenue wird nicht nur vornehm geruht und gut gegessen. Das Celebrity Centre dient auch als Anlaufstelle für stressgeplagte Stars. Bei Karriereknicks werden sie dort beraten, können Kontakte mit Kollegen, Drehbuchautoren oder Filmstudios pflegen oder sich den Reinigungsriten der Organisation unterziehen. Auch bei persönlichen Krisen steht das Centre den Stars zur Seite. So soll Kirstie Alley hier die Modalitäten ihrer teuren Scheidung von Parker Stevenson verhandelt haben - unter Aufsicht eines ranghohen Scientologen. Lisa Marie Presley, wie ihre Mutter Mitglied, hat dagegen nach Angaben von Wollersheim 1994 Hilfestellung bei dem Heiratsarrangement mit dem King of Pop Michael Jackson bekommen. Die Organisation habe gehofft, dass Jackson unter seinen jungen Anhängern künftige Scientologen rekrutieren werde.

          Rollen trotz teils mäßigen Talents

          Tom Cruise, Leah Remini, Jenna Elfman, John Travolta und seine Frau, die Schauspielerin Kelly Preston, gehören zu den aktivsten Mitgliedern des Celebrity Centre in Los Angeles. Sie verdingen sich für die verschiedenen Aktionen der Organisation wie Leseprogramme für Kinder, Scientology-Werbung in Gefängnissen und Umweltschutz à la Hubbard. Wie Scientology selbst ist auch der Zweck dieser Programme umstritten. Kritiker sehen in ihnen nur den Versuch, zahlungsfähige Neukunden für Hubbards Bücher und „Techniken“ zu werben. Ihre Anhänger dagegen loben die Segnungen seiner Lehren. „Wer ein reiches, erfülltes Dasein haben und richtig glücklich sein möchte, braucht Scientology. Früher war ich eine Einzelgängerin, heute übernehme ich eine große Verantwortung für die Menschheit“, sagt Kelly Preston, die schon in der Schauspielschule durch ihren Lehrer angeworben wurde. Ihre Karriere scheint von den Verbindungen der Gruppe in Hollywood profitiert zu haben. Neben Tom Cruise durfte Preston in der Sportsaga „Jerry Maguire: Spiel des Lebens“ mitwirken und bekommt trotz des ihr nachgesagten mäßigen Talents immer wieder Rollen angeboten.

          Zu ihren peinlicheren Werken gehört ausgerechnet „Battlefield Earth“, die Verfilmung des gleichnamigen Science-Fiction-Romans von L. Ron Hubbard. Vor 75 Millionen Jahren, so der Plot, bringt ein böser galaktischer Herrscher Milliarden von Außerirdischen auf die Erde und setzt sie an Vulkanen ab, um sie danach mit Wasserstoffbomben in die Luft zu sprengen. Die Seelen der Aliens rotten sich aber zusammen, klammern sich an die Menschen und verseuchen dort bis heute Körper und Geist. Was sich wie ein Drehbuch liest, ist tatsächlich das inhaltliche Fundament von Scientology. Rettung vor den Seelen der Außerirdischen bieten demnach einzig Hubbards teure „Techniken“. Der verstorbene Produzent Don Simpson, der mit Tom Cruise „Top Gun“ gedreht hat und selbst Scientologe war, nannte das Ganze nach Verlassen der Organisation schlicht „Bauernfängerei“.

          Travolta auf höchstem Erkenntnis-Level

          In Hollywood scheint die Werbung neuer Mitglieder meist über persönliche Kontakte zu funktionieren. John Travolta hörte vor mehr als 30 Jahren während Dreharbeiten zum ersten Mal von L. Ron Hubbard und ist seitdem dabei. Auf der Mitgliederliste der Organisation wird der Schauspieler inzwischen als „OT VIII“ geführt. Damit repräsentiert Travolta in der strengen Hierarchie Scientologys das höchste Level der Erkenntnis.

          Tom Cruise, in der Organisation eine Stufe unter Travolta angesiedelt, soll Ende der achtziger Jahre durch seine erste Frau, die Schauspielerin und Scientologin Mimi Rogers, angeworben worden sein. Er wiederum hat Hubbards Ideen später seiner zweiten Frau (Nicole Kidman) und seiner dritten Frau (Katie Holmes) näher gebracht. Zuletzt bemühte sich Cruise unter anderen um Talkshow-Moderator Larry King und Schauspielerkollege Jim Carrey. Während sich Carrey offenbar zu einem ersten Scientology-Kursus überreden ließ, zeigte sich King auch nach einer Führung durchs Celebrity Centre nicht begeistert: „Ich mag Tom. Aber ich teile die Ansichten seiner Kirche nicht.“ Nun kursieren Gerüchte in Los Angeles, dass die dritte Mrs Cruise sich um die frisch aus Madrid übersiedelten Beckhams bemüht hat. Victoria Beckham habe eine Mitgliedschaft bei Scientology aber ebenfalls abgelehnt - aus Kostengründen.

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