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Hochwasser in Deutschland : Kein Damm für Herrn Neumann

  • -Aktualisiert am

In Neumanns Garten steht das Wasser. Bild: Pilar, Daniel

Einen Deich, der sein Haus schützt, hatte man Werner Neumann schon vor 11 Jahren versprochen. Passiert ist nichts. Sein Haus und sein Grundstück im Örtchen Breese stehen unter Wasser.

          2 Min.

          Im Garten steht ein Tisch, darauf hat Werner Neumann ein Bier gestellt. Drumherum ein paar Stühle. Die Abendsonne taucht alles in orangefarbenes Licht. Gemütlich könnte man das hier nennen, stünde nicht alles im Wasser. Mitten darin steht Neumann in Gummistiefeln. „Ick halte die Stellung“, sagt er.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Die kleine Gemeinde Breese im Nordwesten Brandenburgs ist von der Elbflut betroffen. Auf dem Weg in die Ortschaft kommt man normalerweise durch eine weite Wiesenlandschaft. Aber die liegt nun unter einem riesigen See, aus dem vereinzelt große alte Bäume herausragen. Dabei liegt Breese gar nicht an der Elbe, sondern an der Stepenitz, einem kleinen Fluss, der normalerweise unweit von hier in den breiten Strom fließt. Aber wenn der Pegelstand steigt, schieben sich die Fluten der Elbe die Stepenitz hoch. Das war schon immer so. Aber noch nie stand das Wasser so hoch wie in diesem Jahr. 7,85 Meter zu Beginn der Woche. Fünf Meter über Normalniveau. Jetzt fällt der Pegel langsam, am Dienstag wurden 7,50 Meter gemessen.

          Damit das Wasser nicht nach Breese läuft, wurde auf der Einfahrstraße hastig ein vier Kilometer langer Damm errichtet. Aber der schützt nur die Häuser auf der einen Seite der Straße. Die 13 Häuser auf der anderen Seite wurden dem Wasser überlassen. Auch das von Neumann. Sein Haus könnte man also einen Kollateralschaden nennen. Die Goldfische aus seinem Garten schwimmen nun alle im Elbwasser.

          Werner Neumann: „Ick halte die Stellung“
          Werner Neumann: „Ick halte die Stellung“ : Bild: Pilar, Daniel

          Wenn Neumann auf sein Grundstück will, muss er über den Damm klettern, der ihn nicht schützt. Warum hat man diesen nicht hinter seinem Grundstück errichtet? Bei der Frage lacht Neumann, ein Goldzahn blitzt auf, und fährt sich durch die grauen Haare. „Schnell und günstig“, sagt er. Neumann sieht ein bisschen verwegen aus in seinem roten Unterhemd, aus dem graue Brusthaare hervorquellen. Gegenüber von Neumanns Grundstück, im geschützten Bereich hinter dem Damm, gießt eine Sprenkleranlage einen Garten. Es hat ja seit Tagen nicht geregnet hier.

          1945 ist Neumann als Flüchtling nach Breese gekommen und hat später in Wittenberge in der Ölfabrik gearbeitet. Aber die schloss nach der Wende, genauso wie die Ölmühle und die Nähmaschinenfabrik. Seit 55 Jahren lebt er jetzt hier und noch nie stand das Wasser in seinem Haus. „2002 war die Grenze da hinten“, sagt Neumann und deutet in den Garten des Nachbarn, dessen Haus nun auch im Wasser steht. Eigentlich sollte Neumann evakuiert werden, Frau und Enkel sind gegangen, aber er blieb einfach da, als Einziger. Die Nachbarn kommen ab und an und schauen nach ihren Häusern.

          Neumann in seinem Haus, auch hier steht das Wasser.
          Neumann in seinem Haus, auch hier steht das Wasser. : Bild: Pilar, Daniel

          Wenn Neumann jetzt durch seine Küche watet, plätschert es. Das Haus sei 260 Jahre alt, sagt er, innen seien Lehmwände, die lösten sich jetzt langsam auf. Auf dem Boden der Küche wellt das Laminat, vom den Küchenmöbeln steht das Holzimitat ab. Neumann schläft nun auf dem Dachboden und ernährt sich von Büchsennahrung. „Ick bin nich so anspruchsvoll“. Er wirkt trotz allem gelassen. Es lasse sich ja alles nicht ändern, sagt er. Neumann hat den Garten nun mit Sandsäcken unterteilt und versucht das Wasser wenigstens vor dem Haus loszuwerden. „Ick pumpe die ganze Zeit“, sagt er, und stützt sich auf sein Gartentor.

          Einen Deich, der auch sein Grundstück schützt, habe man ihm schon unmittelbar nach der Flut 2002 versprochen. Unzählige Briefe hätte er mit den Nachbarn geschrieben und Unterschriften gesammelt. „Nüschts passiert“.

          „Es gibt Planungen für einen neuen Deich“, bestätigt Werner Steiner, der ehrenamtliche Bürgermeister von Breese. „Es dauert, ich kann nichts ändern“. Die Planungen kämen nicht voran.  „Da wird erst mal geschaut, ob ein Kleeblatt und ob ein Käfer da ist“, sagt er wütend. Der Bürgermeister sagt, er habe keine Lust, der „Buhmann“ zu sein.

          Als die Flut kam, habe man erst gar nicht versucht, den provisorischen Damm um das gesamte Dorf herum zu bauen. Die Zeit und das Geld hätten nicht gereicht. „Dann wären nicht nur die 13 Häuser abgesoffen, sondern 80 Prozent von Breese“, sagt Steiner. „Wir haben ein Jahrtausendhochwasser hier, kein Jahrhunderthochwasser“

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