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Chöre im Aufwind : Lasst euch erfassen vom Notenrausch

  • -Aktualisiert am

Notenblatt und Stimmgabel: das Handwerkszeug des Dirigenten. Um als Chorleiter zu reüssieren, bedarf es jedoch viel mehr, zum Beispiel Talent, Ausdauer und Hingabe. Bild: Daniel Pilar

Der spießige Männergesangsverein hat ausgedient: Millionen Deutsche singen mit Freude in meist gemischten Chören. Ganz Mutige werden Dirigenten. Aber wie wird man das eigentlich?

          Ein langer Ton. Jürgen Homanns Stimmgabel lässt das vertraute A ertönen, er ist in dem Klang zu Hause wie in einem kuscheligen weichen Hemd. So fällt es ihm leicht, auf der Tonleitertreppe zwei Halbtonschritte hinauf zum H gehen: Das ist der Ton für den Sopran. Dann gleitet er eine Terz runter zum G: ja, das ist der Ton für den Alt. Schließlich noch eine Terz runter zum E: für Bass und Tenor. Homann – joviale, raumgreifende Erscheinung, grauer Bart, Brille – singt mit seiner schönen sonoren Stimme dem vor ihm im Halbkreis stehenden Chor aus 19 Frauen und Männern die Dreierkette H-G-E vor, es klingt ein wenig melancholisch, E-moll halt. Wenn der erste Dreiklang nicht stimmt, stürzt das Prüfungsstück sofort ab. Und aus einem wehmütigen Freiheitslied wird Gejaule. Homann streckt die Arme sehr entschlossen vor den Körper, dreht die Handrücken nach außen und gibt durch Heben der Hände den Einsatz. Attacke!

          Jeder Mensch kann singen. Eigentlich. Bei vielen verkümmern natürliche Anlage, Talent und Lust jedoch durch unsensible Lehrer oder Freunde, die Singen spießig finden, weil sie damit aus dem 19. Jahrhundert stammende Männergesangsvereine verbinden, die nach dem Proben in düster getäfelten Wirtshausstuben ein Bierchen zischen und froh sind, ihren Ehefrauen einen Abend lang zu entkommen. So bleibt manch potentieller Chorsänger schamhaft hinter dem Duschvorhang versteckt. Oder übt einsam und allein beim Autofahren Liebesschwüre zu Singalong-Apps.

          Die Kunst des Dirigierens

          Doch Deutschland erlebt einen neuen Boom des Chorsingens. Vier Millionen Menschen über 14 Jahren singen nach Angabe des Deutschen Musikinformationszentrums in der Bundesrepublik in Chören, ungefähr die Hälfte davon ist in Verbänden organisiert. (Im Vergleich: Der Deutsche Fußball-Bund zählt sieben Millionen Mitglieder.)

          In diese Welt der vier Millionen Sopranistinnen, Altistinnen, Tenöre und Bässe und deren Universum der Harmonien und Schwingungen ist auch Jürgen, Homann, 60, jetzt wieder eingetaucht. Während der Woche steuert er einen Lkw durchs Land, doch an diesem Winterwochenende lernt er an der Landesmusikakademie Niedersachsen in Wolfenbüttel, diplomierter Laienchorleiter zu sein. Ein echter Dirigent. Oft helfen ihm bei dieser Lehre seine lange Erfahrung als Sänger und das Chorprojekt-Management aus seinem Gospel-Ensemble. Doch plötzlich am schwarzen Chefpult zu stehen bedeutet auch für reiß- und stoßfeste Chorsänger, in eine neue, manchmal einsame Daseinsform einzutauchen, für die man trainieren muss, um zu überleben.

          Lkw-Fahrer, Sänger, Dirigent: Jürgen Homann beim Kurs in Wolfenbüttel

          Zum Beispiel gerade eben, als er seinem Chor die Anfangstöne von „Donna Donna“, einem durch Joan Baez und Donovan populär gewordenen Lied, füttern musste. Und zwar zack, zack. Und wie alle Schüler des heutigen C2-Kurses muss er zeigen, dass er seinen vier Stimmfraktionen die Anfangstöne elegant und sicher wie ein Saalchef im Drei-Sterne-Restaurant servieren kann. Und wie der Maître im Sternerestaurant ist er streng auf ein Ritual trainiert: Die auf 440 Hertz gestimmte Gabel lässig an einen Knochen des linken Handrückens schlagen, ohne sich weh zu tun. Das vibrierende Metall ans rechte Ohr halten. Sich vom Ton A die drei Anfangstöne des Prüfungsliedes vorstellen und sie blitzsauber vorsingen. Allein in den ersten dreißig Sekunden des Tonsuchens könnten dreißig Sachen schiefgehen: Mal fällt die Gabel vor Nervosität runter, mal hat das Hirn einen Blackout und statt des A herrscht Stille im Ohr.

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