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Fund aus dem Nemisee bei Rom : Hitlers Truppen sollen antike Schiffe Caligulas zerstört haben

Im Auftrag Mussolinis ausgegraben: Caligulas Schiffe. Bild: SZ Photo

Das Städtchen Nemi fordert von Deutschland Wiedergutmachung, um zwei 1944 zerstörte Schiffe des Kaisers Caligula mittels 3-D-Druck zu rekonstruieren. Die Kähne waren erst 1940 auf Betreiben Mussolinis entdeckt worden.

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          Nemi ist ein Städtchen von rund 1900 Einwohnern in den Albaner Bergen nahe Rom. Wenn im Sommer die Hitze über der Ewigen Stadt brütet, unternehmen viele Römer Wochenendausflüge in die als Castelli Romani bekannte Gegend im Südosten der Hauptstadt. Dort ist es kühler und nicht so voll und laut wie am Strand von Ostia. In den waldreichen Bergen liegen malerische Orte wie Castel Gandolfo mit der Sommerresidenz der Päpste sowie Frascati mit seinen Weingütern und einem Dutzend Schlösser italienischer Adelsgeschlechter. Und eben auch Nemi, das wegen seiner Walderdbeeren hoch gerühmt, man könnte auch sagen: gut vermarktet, wird. Jedes Jahr gibt es Anfang Juni die „Sagra delle fragole“, das Erdbeerfest von Nemi. Dann ist das Städtchen, dessen historisches Zentrum sich an den Kraterhang eines erloschenen Vulkans krallt, so voll und laut wie der Strand von Ostia.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die 87. Ausgabe der „Sagra delle fragole“ musste in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie ausfallen. Es gab zwar ein virtuelles Ersatzfest im Internet, aber da konnten die Händler von Nemi ihre frischen Beeren, ihre Konfitüren und Liköre nicht verkaufen. Für das gesamte Gastgewerbe war die Absage des Fests ein weiterer schwerer Schlag. Denn wegen des Lockdown von März bis Mai war schon die gesamte Frühjahrssaison ein Totalausfall.

          Das Castelli-Romani-Gebiet: Die Krater des eingestürzten Latium-Vulkans besetzen der kleine Nemisee und der größere Albano-See.
          Das Castelli-Romani-Gebiet: Die Krater des eingestürzten Latium-Vulkans besetzen der kleine Nemisee und der größere Albano-See. : Bild: dpa

          Bürgermeister Alberto Bertucci und der Gemeinderat von Nemi wollen nun, mit tatkräftiger und vor allem finanzieller Hilfe Deutschlands, ein zusätzliches Vermarktungsinstrument besser nutzen: die antiken Schiffe des Kaisers Caligula. Deren mysteriöse Geschichte zieht sich über fast zwei Jahrtausende hin – und schießt in ihren aktuellen Windungen in den Namen Benito Mussolini, Adolf Hitler und Angela Merkel zusammen.

          Versteckt im Schlick

          Die Gegend um Nemi ist seit der Bronzezeit besiedelt. Davon zeugen archäologische Funde rund um den See, der zu Füßen der Stadt Nemi im Krater eines erloschenen Vulkans liegt. Das unglaublich blaue Wasser ist bis zu 33 Meter tief. Historiographisch verbürgt ist, dass in der Gegend der römischen Jagdgöttin Diana gehuldigt wurde. Den Diana-Kult betrieb und beförderte Kaiser Gaius Augustus Germanicus, besser bekannt unter dem Beinamen Caligula. Im Jahre zwölf nach Christus in der Hafenstadt Anzio geboren, erklomm Caligula anno 37 den römischen Kaiserthron. Seine zunehmend autokratische, ja größenwahnsinnige Herrschaft kam aber schon vier Jahre später durch ein Mordkomplott der Prätorianergarde zu einem jähen Ende.

          Seit dem frühen Mittelalter gab es Berichte, wonach Fischer im Nemisee neben ihrem Fang immer wieder Sonderbares zutage förderten: Gegenstände aus Bronze, Teile von Mosaiken, Bruchstücke von Marmorstatuen. Mitte des 15. Jahrhunderts beauftragte dann Kardinal Prospero Colonna den Architekten und Kunsttheoretiker Leon Battista Alberti, im Nemisee nach den angeblich dort versunkenen römischen Schiffen zu suchen. Doch die Suchoperation blieb erfolglos.

          Das Geheimnis des Lago di Nemi konnte erst ein weiteres halbes Jahrtausend später durch einen anderen autokratischen, ja größenwahnsinnigen Herrscher Roms gelüftet werden. Der faschistische Diktator Benito Mussolini, immer auf der Suche nach antiken Großtaten, an die er anknüpfen konnte, ließ von 1927 an den Nemisee ablaufen. Dazu musste ein mehr als anderthalb Kilometer langer unterirdischer Kanal, den die Bewohner der Stadt Ariccia schon in vorrömischer Zeit zur Bewässerung ihrer Felder durch die westliche Kraterwand geschlagen hatten, der aber im Mittelalter verfallen und zusammengestürzt war, wieder geöffnet werden.

          1932 war das Wasser abgeflossen. Und tatsächlich fanden sich im Schlick die gut erhaltenen Reste zweier stattlicher Holzschiffe, die Caligula hatte bauen lassen. Das größere der beiden, 73 Meter lang und 24 Meter breit, dürfte einen Diana-Tempel beherbergt haben. Das zweite Schiff, mit den Maßen 71 auf 20 Meter, nutzte Caligula wohl als schwimmenden Palast. Weit konnte er sich bei seinen Vergnügungsfahrten freilich nicht rudern lassen: Der Durchmesser des fast kreisrunden Nemisees beträgt kaum einen Kilometer. Vermutlich wurden die Schiffe kurz nach der Ermordung Caligulas versenkt, beim „Bildersturm“ zur Auslöschung der Spuren von dessen Gewaltherrschaft.

          Nur vier Jahre später brannte das Museum ab

          Zur Rekonstruktion und Unterbringung der Schiffe ließ Mussolini am Ufer des Sees gleich ein passendes Museum mit zwei Hangars errichten. Die Einweihung „Museo delle Navi Romane“, im April 1940 im Beisein des Duce, war ein großes Ereignis. Doch schon vier Jahre später, in der Nacht auf den 1. Juni 1944, wurden Caligulas Schiffe beim Brand des Museums vollständig zerstört. Bisher war sich die Geschichtsschreibung uneins, ob das Museum beim amerikanischen Bombardement einer Stellung der Wehrmacht getroffen wurde oder ob die deutschen Truppen den Brand vorsätzlich gelegt haben.

          Diese Zweifel sind nach Ansicht von Bürgermeister Bertucci und seinem Gemeinderat nun ausgeräumt. Für den Brand seien eindeutig die Truppen Hitlers verantwortlich gewesen, sagte Bertucci nach einer Gemeinderatssitzung am Freitag. Soldaten der schweren Flakabteilung 163 hätten das Gebäude vor ihrem Rückzug vor den anrückenden Alliierten vom 2. Juni angezündet. „Wir haben Berichte, umfangreiche Dokumente und Zeugnisse gefunden“, versicherte Betrucci: „Die Nazis vertrieben alle Bewohner und den Museumsverwalter. Sie beschlossen, diese Schätze in Brand zu setzen. Es gibt keinen Zweifel.“

          Die Gemeinde Nemi, so der Bürgermeister, fordere nun von der Bundesrepublik Deutschland Wiedergutmachung „für die irreparablen moralischen und materiellen Schäden, die die Gemeinschaft von Nemi erlitten hat“. Und zwar „als sichtbares Zeichen des europäischen Geistes“. Der Bürgermeister hat sich in der Sache an die Kanzlei des aus Deutschland stammenden Anwalts Joachim Lau in Florenz gewandt, der in der Vergangenheit Entschädigungsforderungen von Nachfahren italienischer Opfer von SS-Massakern geltend gemacht hat. „Nemi fordert Schadenersatz von Merkel“, lauteten am Wochenende die Schlagzeilen in italienischen Medien.

          Im Museum von Nemi stehen, neben allerlei Exponaten, die bei dem Feuer von 1944 nicht zerstört wurden, zwei Modelle von Caligulas Schiffen im Maßstab von eins zu fünf. In den Hangars wäre Platz für Nachbauten der beiden Schiffe in Originalgröße, die man im 3D-Druckverfahren herstellen könnte. Mit den Entschädigungen aus Deutschland, so heißt es in Nemi, könnten diese finanziert werden.

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