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Hiroshima-Opfer gestorben : Gezeichnet fürs Leben

Sunao Tsuboi: Trotz des Schreckens hatte er seinen Humor behalten. Bild: © 2015 Patrick Welter

Sunao Tsuboi war 20 Jahre alt, als die amerikanische Atombombe über Hiroshima explodierte. Er überlebte mit schweren Brandverletzungen am ganzen Körper – und engagierte sich seitdem gegen Atomwaffen. Jetzt ist er gestorben.

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          Wenn Sunao Tsuboi von den Schrecken der Atombombe auf Hiroshima berichtete, dann geschah das mit der Erfahrung desjenigen, der seine persönlichen Erlebnisse schon Hunderte oder Tausende Male erzählt hatte. Glattpoliert und distanziert wie bei manchen der Hibakusha, den Überlebenden der Atombombe, aber wirkte seine Geschichte des Grauens nicht. Tsuboi sprach zögerlich, stockte oft und es war offensichtlich, dass ihn die Erinnerung auch Jahrzehnte danach immer noch tief schmerzte. Trotz des Schreckens aber hatte er auch seinen Humor behalten.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          20 Jahre alt war Tsuboi, als am 6. August 1945 die amerikanische Atombombe über Hiroshima explodierte und etwa 140.000 Menschen den Tod brachte. Der Student war auf dem Weg zur Universität, als die Atombombe fiel. Etwa 1,2 Kilometer vom Hypozentrum der Bomber überlebte er mit schwersten Brandverletzungen am ganzen Körper, gezeichnet fürs Leben. „Den Blitz der Explosion habe ich nie vergessen“, sagte er vor sechs Jahren in einem Gespräch mit Journalisten.

          Dann schilderte er eines der Erlebnisse, das ihn besonders berührt hatte. Stunden nach der Explosion wurde er durch einen Armeelastwagen gerettet. Ein Mädchen aber schickten die Soldaten weg, weil sie nur an jungen Männern interessiert waren, die man eventuell noch in den Krieg hätte schicken können. „Weinend ging das Mädchen in Richtung Feuer. Ich konnte nichts tun. Bis ich sterbe, wird mich dieser Schmerz nicht verlassen", sagte Tsuboi.

          Das Erleben der Atombombe, aber auch die Grauen der damaligen militarisierten Gesellschaft, ließen Tsuboi später zu einem überzeugten Kämpfer gegen die Nuklearwaffen werden. Er arbeitete nach dem Krieg erst als Lehrer. Viele Jahre war er später Vorsitzender der obersten Vereinigung der Atombombenopfer in Japan, um sich für die Rechte der Hibakusha einzusetzen. Mit der Botschaft der Abschaffung aller Atomwaffen reiste Tsuboi durch die Welt. Als 2016 Barack Obama als erster amtierender amerikanischer Präsident die Gedenkstätte in Hiroshima besuchte, war es Tsuboi, der ihm nach der Zeremonie die Hand schütteln und ein paar Worte mit ihm sprechen durfte. Heute leben noch fast 128.000 Menschen in Japan, die den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und auf Nagasaki überlebt haben.

          Erst am Mittwoch wurde in Japan bekannt, dass Tsuboi am Sonntag im Alter von 96 Jahren gestorben ist. In den Abendnachrichten im Fernsehen war es die erste Meldung. Ministerpräsident Fumio Kishida, dessen Familie aus Hiroshima stammt und der dort seinen Wahlkreis hat, erinnerte auf Twitter an ihn. „Herr Tsuboi hat unserem Ziel geholfen, eine Welt ohne Atomwaffen zu realisieren", schrieb Kishida. Viele der Hibakusha kritisieren allerdings auch Kishida dafür, dass Japan den Vertrag zum Verbot aller Atomwaffen nicht unterzeichnet hat.

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