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Interview mit Henriette Reker : „Ich war zum ersten Mal froh, keine Kinder zu haben“

Kölns Oberbürgermeisterin Reker: Plädiert für besonnene Reaktionen nach Anschlägen. Bild: Stefan Finger

Sie kennt sich aus mit der Angst: Oberbürgermeisterin Henriette Reker überstand 2015 ein Attentat. Im Interview spricht sie davon, über die Silvesternacht von Köln und eine dadurch veränderte Debatte über Migration.

          Frau Reker, Sie haben ein verrücktes, dramatisches erstes Amtsjahr hinter sich.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          O ja. Es ging schon damit los, dass ich im Schlaf gewählt wurde. Ich musste dann erst einmal in diesem Gedanken ankommen, dass ich Oberbürgermeisterin bin. Wenn man einen Wahlabend erlebt, kann man bestimmt schneller verstehen: Jetzt hast du gewonnen.

          Als Sie am 17. Oktober 2015 zur Kölner Oberbürgermeisterin gewählt wurden, lagen Sie auf der Intensivstation im künstlichen Koma, weil ein Rechtsextremer Sie mit einem Kampfmesser lebensgefährlich am Hals verletzt hatte. Wer hat Ihnen mitgeteilt, dass Sie die Wahl gewonnen hatten?

          Es war an dem Tag, als ich aus dem künstlichen Koma erwacht war. Mein Mann sagte: „Die Mehrheit der Kölner Wähler hat entschieden, dass du Oberbürgermeisterin bist.“ Ich habe mich im Rahmen des Möglichen gefreut. In so einer Situation sind ja so schrecklich viele Schläuche an einem. Der Erste, der mit mir sprach, war aber nicht mein Mann, sondern einer der Mediziner. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, aber er hat es mir neulich erzählt. Er fragte, wie es mir gehe. Ich soll nicht einfach „gut“ oder „schlecht“ gesagt haben, sondern: „Es ist schwer, angegriffen zu werden.“

          Haben Sie damals geglaubt, dass Sie Ihr Amt jemals antreten könnten?

          Ich habe den Ärzten geglaubt. Sie sagten, ich würde wieder komplett genesen. Als Kölner Gesundheitsdezernentin kannte ich einige der Mediziner recht gut. Ich sagte mir, die werden mich nicht nur trösten wollen. Nach wenigen Tagen habe ich mir dann den Terminplan aus dem Oberbürgermeister-Büro bringen lassen, und da fiel mir eine Sache ins Auge: die Verleihung des Heinrich-Böll-Preises an Herta Müller am 20. November. Ich sagte mir, das ist doch ein schöner Termin! Wann kann man schon mal eine Literaturnobelpreisträgerin kennenlernen? So habe ich von früh an auf den 20. November als meinen ersten Arbeitstag hingearbeitet. Den Ärzten und meinen Mitarbeitern habe ich das allerdings erst mal nicht verraten.

          Hat man Sie im vergangenen Jahr oft gefragt, welche Erinnerungen Sie an das Attentat haben?

          Ehrlich gesagt: Das hat mich fast niemand gefragt. Sie sind einer der Ersten, der das fragt. Mir erzählen immer nur alle, wie sie den Vormittag erlebt haben, wo sie die Nachricht von dem Attentat auf mich erhalten haben und so weiter. Das ist sicher ganz lieb und nett gemeint. Der Attentäter griff blitzschnell an, es tat noch nicht einmal besonders weh. Was so unfassbar war, war dieses entwertende Gefühl, abgestochen zu werden.

          Eine schlimmere Entwertung kann man sich kaum vorstellen...

          Da bin ich mir gar nicht so sicher. Ich weiß von einer Stewardess, die hat eineinhalb Stunden in einer Flugzeugtoilette mit einem Attentäter verbringen müssen, der sie mit dem Tod bedrohte. Das war bestimmt schlimmer als bei mir.

          Sie wurden aber körperlich verletzt, Ihr Leben hing an einem seidenen Faden.

          Aber bei mir ging eben alles schnell. Ich habe das Bewusstsein nicht verloren, ich wusste, wie ich mich zu verhalten habe: Ich brachte mich in die stabile Seitenlage und versuchte, die Blutung in den Griff zu bekommen, indem ich den Finger in die Wunde am Hals steckte. So habe ich auf den Rettungswagen gewartet, während Wahlhelfer den Attentäter in Schach hielten.

          Wie konnten Sie so unglaublich besonnen sein?

          Ich behalte in schwierigen Situationen die Nerven. Und von Arbeitsunfällen verstehe ich einiges, weil ich zu Beginn meiner beruflichen Karriere bei einer Berufsgenossenschaft gearbeitet habe. Es war die Holzberufsgenossenschaft. In den entsprechenden Berufen fallen leider auch mal Handwerker vom Dach auf irgendwelche spitzen Gegenstände. Ich wusste also ziemlich genau, wie man sich zu verhalten hat. Wenn ich bewusstlos geworden wäre, dann hätte ich das Attentat nicht überlebt.

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