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Interview mit Henriette Reker : „Ich war zum ersten Mal froh, keine Kinder zu haben“

Wie hat sich die Debatte verändert? Ist die Zeit der Illusionen vorbei?

Die Diskussion über Flüchtlinge ist offener geworden. Und offene Diskussionen schaden nie. Sie dürfen aber nicht abgleiten und dazu führen, dass man die Gesamtheit der Flüchtlinge dafür verantwortlich macht, was ein kleiner Teil begangen hat. Interessant ist auch, dass das Ereignis bei einigen ganz wesentlich dazu beigetragen hat, dass Videoüberwachung und Polizeipräsenz kein Teufelszeug, sondern eine Notwendigkeit sind.

Sie spielen auf die Grünen an, von denen Sie maßgeblich im Wahlkampf unterstützt wurden?

Ja. Ein gewisser Schutz gehört einfach dazu, wenn man friedlich miteinander leben will. Ein Ergebnis der Silvesternacht ist, dass wir alle realistischer geworden sind. Wir sind heute freier, ohne Vorbehalte Dinge anzusprechen. So wenig wie die Silvesternacht eignet sich nun allerdings auch der Anschlag in Berlin als Projektionsfläche für populistische Forderungen.

Es gab nach der Silvesternacht Feministinnen, die die Massenübergriffe damit zu beschönigen versuchten, auch deutsche Männer belästigten Frauen. Kann es sein, dass manche die Sorge, als Rassist zu gelten, davon abhält, Sexismus klar zu verurteilen?

Es darf keinen Grund geben, Sexismus und sexuelle Übergriffe nicht zu verurteilen. Ich finde, man muss doch nur mal versuchen, sich in die Lage der Mädchen und Frauen in der Silvesternacht zu versetzen. Es war ein furchtbares Spießrutenlaufen für die Opfer, organisiert von einer geifernden Menge junger Männer insbesondere aus Nordafrika und Arabien.

„Ein russisches Fernsehteam fragte, wann nun die Ausschreitungen zwischen den Karnevalisten und den Migranten begännen“: Reker ist über manche Medienfragen mehr als irritiert.

Nun wird auch verstärkt über eine Obergrenze bei der Flüchtlingsaufnahme diskutiert. Sehen Sie für Köln eine Grenze der Belastbarkeit?

Wir haben derzeit etwa 14.000 Flüchtlinge. Das ist etwas mehr als 1,4 Prozent der Bevölkerung. Konkret geht es letztlich immer um die Frage: Haben die Leute Ängste, in deren Stadtviertel eine Flüchtlingsunterkunft kommen soll? Damit muss man offen umgehen. Ich habe schon vor Jahren Bürgerversammlungen dazu gemacht. Eine Obergrenze kann ich mir mit Blick auf das Völkerrecht und unser Grundgesetz nicht vorstellen.

Wo werden Sie in der Silvesternacht 2016 sein?

Auf der Domplatte.

Ist das Dienstpflicht?

Ja, aber ich bin auch auf die Lichtinstallation von Philipp Geist gespannt. Das wird bestimmt toll. Da wird der ganze Raum am Dom erlebbar gemacht. Journalisten aus aller Welt haben sich angemeldet.

Die kommen doch nicht wegen der Lichtinstallation, sondern weil sie berichten wollen, wie die Kölner Silvesternacht 2015 die deutsche Politik verändert hat.

Das steht zu vermuten. Auch die vielen Interviews von Zeitungen und Fernsehstationen, die ich in den vergangenen Monaten gegeben habe, deuten durchaus darauf hin, dass manche ihre Geschichte schon fertig im Kopf haben. Es gab Journalisten von durchaus seriösen Medien aus Frankreich oder Amerika, die mich fragten, wann denn die Deutschen endlich Kanzlerin Merkel als Reaktion auf „Köln“ aus dem Amt jagen. Das schrägste Erlebnis hatten wir an Karneval mit einem russischen Sender. Dieses Team fragte uns – und das war ganz ernst gemeint –, wann nun die Ausschreitungen zwischen den Karnevalisten und den Migranten begännen. Und dann hat ja noch Donald Trump die Silvesternacht für seinen Wahlkampf ausgeschlachtet. Sie sehen: Uns kann wirklich nichts mehr schrecken.

Die Fragen stellte Reiner Burger.

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