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Interview mit Henriette Reker : „Ich war zum ersten Mal froh, keine Kinder zu haben“

Dieser Schock ist uns allen in die Glieder gefahren. Allen, die für die Sicherheit in Metropolen verantwortlich sind, war die abstrakte Gefährdungslage bekannt. Trotzdem war ich bestürzt, dass es zu diesem schweren Anschlag gekommen ist. Er hätte auch Köln treffen können. Ich bin froh, dass die Kölner Polizei sofort sichtbare Maßnahmen ergriffen hat. Große Zufahrtsstraßen zu den Weihnachtsmärkten wurden mit Polizeifahrzeugen verstellt, an den Zugängen Beamte mit Maschinenpistolen postiert. Mich erinnert das ein bisschen an Paris.

Was raten Sie persönlich Menschen gegen die Angst?

Auch aus meiner eigenen Erfahrung sage ich: Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen. Es ist ja gerade das Ziel des Terrors, dass wir unsere Lebensweise ändern. Das werden wir aber nicht tun.

Gehört die Angst spätestens nach dem Anschlag in Berlin nicht doch auch in Deutschland unweigerlich zum Lebensgefühl der Städte dazu?

Mich stimmt zuversichtlich, dass die Menschen deutliche Zeichen setzen. Dass es an der Berliner Gedächtniskirche ein Chorkonzert gab, dass dort Menschen verschiedener Religionen zusammengefunden haben. Das sind Zeichen der Zuversicht: Lasst uns zusammenstehen gegen den Terror, gegen die Angst.

Ein zweites Ereignis, das Ihr erstes Jahr geprägt hat: Kaum waren Sie im Amt, passierte die Silvesternacht. Im Schatten des Domes wurden Frauen massenweise von jungen Migranten beraubt und sexuell belästigt. Wann war Ihnen die wahre Dimension des Ereignisses bewusst?

Die Informationslage verdichtete sich ja erst Tage nach dem Ereignis. Das war ein schleppender Prozess. In der Pressekonferenz Anfang Januar habe ich das gesagt, was mir zuvor der damalige Polizeipräsident mitgeteilt hatte. So kam auch meine Aussage zustande, dass unter den Tatverdächtigen keine in Köln untergebrachten Flüchtlinge seien. Daraus machten dann die meisten Medien „Keine Flüchtlinge unter den Tatverdächtigen“. Auch bei der Sache mit der „Armlänge Abstand“ haben manche mich schlicht missverstehen wollen. Ich wurde bei der Pressekonferenz mit Blick auf Karneval von einer Journalistin nach dem Inhalt des städtischen Faltblatts „Partysicherheit für Frauen und Mädchen“ gefragt. Ich berichtete schlicht davon, dass darin empfohlen wird, möglichst mehr als eine Armlänge Abstand zu halten. Das war kein Tipp von mir, wie die Frauen sich am Silvesterabend hätten verhalten sollen. Aber genau so haben es manche hingedreht.

„Ein Spießrutenlaufen“: Vorplatz des Hauptbahnhofs in Köln, 31.12.2015.

Ärgert Sie die Sache noch?

Meine Gelassenheit ist heute noch größer als früher. Fast skurril fand ich allerdings manche Aspekte der Debatte, die sich aus der Causa „Armlänge“ entwickelte. Es gab sogar einen Psychologen, der meine Aussage deutete. Er erklärte das so: Mit der Armlänge wolle ich mir als Opfer eines Anschlags die Illusion der Wehrhaftigkeit aufrechterhalten. Das fand ich eine schöne Deutung eines Zitats, das es so gar nicht gegeben hat.

„Köln“ ist durch die Ereignisse der Silvesternacht zur Chiffre geworden. Wie nehmen Sie den Wandel in der Flüchtlingsdebatte seither wahr?

Es gibt diesen Wandel ohne Zweifel. In Köln war der Schock groß: Unser tolerantes Köln, in dem alle friedlich und fröhlich feiern, ausgerechnet uns passiert das und dann auch noch in diesem Ausmaß und mitten in der Stadt. Viele, die die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Merkel kritisch sehen, sind durch „Köln“ ermutigt worden, Fragen zu stellen. Und das ist auch gut so. Denn Fragen kann man nur beantworten, wenn man sie kennt und den Hintergrund objektivieren kann. Das kann dann auch die Angst nehmen. Ich behaupte: In Köln selbst hat sich der Blick auf Flüchtlinge am allerwenigsten gewandelt. Die Vielfalt liegt in der DNA dieser Stadt. Die Kölner haben vor Fremden keine Angst, die sind immer neugierig auf Fremdes gewesen. Willkommenskultur ist etwas Urkölsches. Die Ängste außerhalb Kölns sind aber deutlich größer geworden seit „Köln“. Ich merke das, wenn ich anderswo unterwegs bin.

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