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Interview mit Henriette Reker : „Ich war zum ersten Mal froh, keine Kinder zu haben“

Und auch nicht, wenn Sie dann Ihre Wunde nicht selbst hätten erstversorgen können?

Ja. Ich bin froh, dass ich auch mit einer so extremen Situation umgehen konnte. Ich habe immer wieder darüber nachgedacht in den Monaten seither. Ich bin zum Schluss gekommen, es muss an den Genen liegen. Meine Eltern haben als junge Menschen beide unter schwierigsten Verhältnissen den Krieg überlebt. Mein Vater war Flieger. Er ist dreimal abgeschossen worden. Er musste dreimal aus einem brennenden Flugzeug mit dem Fallschirm abspringen. Meine Mutter floh unter schweren Verhältnissen aus Schlesien. Als der Krieg zu Ende war, waren beide 25 und gesund.

Hatten Sie Angst, sterben zu müssen?

Ich war mir sicher, dass es noch nicht Zeit ist zum Sterben. Ich hatte allerdings Angst, gelähmt zu sein. Ich weiß noch sehr genau, wie ich da so auf dem Boden liegend an Wolfgang Schäuble denken musste, der ja 1990 von einem Attentäter schwer verletzt wurde. Ich dachte daran, wie Schäuble kämpft. Ich bewundere ihn dafür. Ich dachte: Dafür hast du nicht die Kraft. Wie ich da so lag, hatte ich keine Angst vor dem Tod. Aber ich hatte Angst vor dem Rollstuhl, Angst davor, mit einem Rollstuhl nicht mehr durch die Badezimmertür zu kommen.

Reker überlebte den Anschlag auf sie nur dank ihres eigenen besonnenen Handelns: Sie brachte sich selbst in eine stabile Seitenlage und hielt die Wunde mit der Hand zu.

Erinnern Sie sich im Alltag immer wieder unversehens an das Attentat?

Ja, aber da ist kein Schrecken mehr. Ich habe keine Angst, mich in größeren Menschenmengen zu bewegen. Ich bin überzeugt: Man wird nicht zweimal Opfer eines Attentats. Auch Albträume habe ich nicht mehr. Offenbar ist die Phase der Bewältigungsträume hinter mir. Meistens erfüllt mich eine ganz große Dankbarkeit, zu leben und wieder ganz gesund zu sein. Ich bin ein gläubiger Mensch. Als Christin bin ich der Überzeugung, dass Gott noch eine Aufgabe für mich hat. Und zwar etwas, was auf dieser Erde, in dieser Stadt dringender zu erfüllen ist als irgendwo anders und eben ganz offensichtlich auch als im Jenseits.

Was relativiert eine so extreme Gewalterfahrung im Leben?

Man lernt, noch klarer das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Ich rege mich noch viel weniger über Sachen auf als früher, über Behauptungen, Schuldzuweisungen. Der Attentäter hatte die Demokratie zum Ziel. Ich war nur zufällig das Ziel.

Ihr Attentäter ist ein Extremist. Aber es gibt mittlerweile auch von ganz gewöhnlichen Menschen Hass-Botschaften gegen Politiker. Was raten Sie Kollegen im Umgang damit?

Wichtig ist, ganz bei sich zu bleiben. Wenn man Angst um sich und seine Familie hat, ist es klug, sich nicht aus Karrieregründen oder der Reputation wegen verpflichtet zu fühlen, das durchzustehen. Ich habe mir immer gewünscht, Kinder zu haben. Als das Attentat passierte, war ich das erste Mal froh, keine Kinder zu haben.

Woher kommt diese Enthemmung, die in der Gesellschaft Raum greift?

Es war immer so in der Geschichte, dass auf Worte und Parolen Taten gefolgt sind. Bei der Verleihung des Böll-Preises sagte Herta Müller: „Wenn Hassparolen wie ‚Volksverräter‘ oder ‚Lügenpresse‘ spazieren gehen, dann geht auch irgendwann ein Messer spazieren.“ Einer der schlimmsten Tage seit dem Attentat war für mich, als im Juni die Labour-Abgeordnete Jo Cox ermordet wurde. Da bin ich so früh wie möglich nach Hause gegangen, habe mich ins Bett gelegt. Das hat mich wirklich umgehauen.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von dem mutmaßlich islamistischen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin gehört haben?

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