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Muse des Bossa Nova : Das Mädchen vom Strand

  • -Aktualisiert am

So sah die Muse von „Girl From Ipanema“, Helô Pinheiro, in den 60er Jahren aus. Bild: action press

Helô Pinheiro ist das „Girl From Ipanema“. Durch das Lied ist sie berühmt geworden. Zu verdanken hat sie das dem jüngst verstorbenen João Gilberto, dem Vater des Bossa Nova.

          An der Kreuzung der Straßen Vinicius de Moraes und Prudente Morais in Rio de Janeiros Viertel Ipanema erhebt sich das Restaurant „Garota de Ipanema“. Drinnen zieht es im tropischen Winter, auf der Karte stehen zwei Gerichte, eines mit Fleisch und eines mit Fisch, „à garota“. Nach Garota-Art. Das Restaurant ist ein touristischer Ort, außer Portugiesisch sind Englisch und Spanisch zu hören. Helô Pinheiro kommt auch ins „Garota“, erst vor ein paar Tagen sei sie da gewesen, erzählt einer der Kellner. Sie möge allerdings lieber Vorspeisen wie „Bolinhos de Bacalhau“, Kabeljau-Bällchen.

          Einst hieß das Restaurant „Veloso“. Den Tisch, an dem einst Antônio Carlos „Tom“ Jobim und Vinicius de Moraes gesessen und das Lied geschrieben haben, das Helô Pinheiro berühmt machte, gibt es noch. Er ist nicht aus Holz, sondern aus Marmor. Darüber hängt ein überdimensionaler Auszug mit den Liedzeilen von „Garota de Ipanema“.

          Gut 60 Jahre ist es her, dass „Chega de Saudade“ herausgekommen ist. Das Lied, das ebenfalls von Jobim und de Moraes stammt und von João Gilberto in Rio de Janeiro aufgenommen wurde, hat den Bossa Nova begründet. Die Welt aber eroberte später „The Girl From Ipanema“, in einer Version, die Stan Getz und João Gilberto zusammen mit der Sängerin Astrud Gilberto in New York im Jahr 1964 produzierten. Doch es wurde vielfach interpretiert und konkurriert mit Paul McCartneys „Yesterday“ um den Rang eines der meistinterpretierten Stücke des 20. Jahrhunderts.

          Zwei Verehrer am Tisch im „Veloso“

          Am Samstag ist João Gilberto nun im Alter von 88 Jahren verarmt und einsam in Rio de Janeiro gestorben. „Wir sind Waisen des ,Vaters der Bossa Nova‘“, sagt Helô Pinheiro im Gespräch mit dieser Zeitung. Sie weiß um den enormen Beitrag, den João Gilberto zur brasilianischen Kultur geleistet hat. Auch wenn sie eher mit der Generation von Tom Jobim und Vinicius de Moraes befreundet war, da Gilberto in den siebziger Jahren nach New York gezogen war und danach nur selten in Rio war.

          Aus dem Fotoalbum von Hêlo Pinheiro: in den sechziger Jahren am Strand von Rio de Janeiro

          Helô Pinheiro, die am Sonntag ihren 74. Geburtstag feierte, ist immer noch „A Garota de Ipanema“. Sie ist sogar „A Eterna Garota de Ipanema“, so der Titel ihres Buchs, „Das ewige Mädchen von Ipanema“. Sie hat es zu ihrer Marke gemacht. Helô Pinheiro, damals natürlich brünett und im Bikini wie auf den bekannten Schwarz-Weiß-Fotos, ist heute blond und trägt ein langes Kleid. Wie keine andere verkörpert sie den Bossa Nova, den man überall in den Straßen von Rio hört. Von irgendwoher wird der Klang eines Saxophons und die Melodie von „Girl From Ipanema“ wie vom Wind hergeweht, so wie das Lied auch in Bars in der ganzen Welt als Hintergrundmusik gespielt wird. Mit ihm werden die Wellen und die Sonne vom Strand in Ipanema überall hin gespült.

          Helô Pinheiro steht auch 60 Jahre nach dem Entstehen der Neuen Welle, des Bossa Nova, für genau dieses Gefühl, das die Musik in uns weckt. Davon lebt sie, hat ihre eigene Modemarke, präsentiert Shows und Veranstaltungen. Helô Pinheiro stand auch als Schauspielerin vor vielen Kameras, nachdem Tom Jobim und Vinicius de Moraes enthüllt hatten, wer das Mädchen aus dem Lied ist. Sie kam damals immer wieder an den beiden vorbei, wie sie da an ihrem Tisch im „Veloso“ saßen. Sie kam von der Bushaltestelle, war auf dem Weg zum Strand oder holte Zigaretten für ihre Mutter. Dabei trug sie Schuluniform oder Bikini. Die beiden Männer, die ihr Komplimente machten und ihr hinterher pfiffen, inspirierte sie mit ihrem Hüftschwung, was sie aber nicht wahrgenommen haben will.

          Er soll ihr einen Heiratsantrag gemacht haben

          Die Siebzehnjährige bereitete sich damals darauf vor, Lehrerin zu werden, jobbte dann aber als Model, Moderatorin, Schauspielerin. Noch war sie einfach Helô Pinheiro und nicht die „Garota de Ipanema“. Dass eine glückliche Fügung sie zur Muse gemacht hatte, fand sie erst spät heraus. Da war sie schon ihrem Mann in die Wirtschaftsmetropole São Paulo gefolgt, weil das Unternehmen seiner Familie in die Krise geraten war. Er versuchte zu retten, was zu retten war. Die Firma ging dennoch pleite. Während ihr Mann einen neuen Job suchte, fing sie an, als „Garota de Ipanema“ zu arbeiten.

          Inzwischen lebt das Mädchen vom Strand als Geschäftsfrau im Häusermeer von São Paulo und kommt nur noch sporadisch nach Rio. Die „Garota de Ipanema“ verdient ihr Geld mit Produkten, die mit Strand, Sonnencreme und Bikini verbunden sind. Sie hat Erfolg damit. Doch als Helô Pinheiro in São Paulo und in Rio neben einer Bar „Garota de Ipanema“ auch einen „Garota de Ipanema“-Laden aufmachte, bekam sie die gerichtliche Aufforderung, den Namen zu ändern.

          Dahinter steckten die Familien von Tom Jobims und Vincius de Moraes, die beide mit 64 Jahren gestorben waren. Sie konnte das nicht verstehen. Sie sei doch die einzig wahre „Garota de Ipanema“, das habe Vinicius de Moraes selbst zu ihr gesagt. Der Streit hat möglicherweise mehr mit menschlichen Gefühlen, mit Neid und Eifersucht als mit wirtschaftlichen Interessen zu tun. Tom Jobim hatte Helô Pinheiro nicht nur ein Lied geschrieben, er soll ihr auch einen Heiratsantrag gemacht haben.

          Auch nach der Hochzeit mit seiner zweiten Frau soll er viel von Helô gesprochen haben. Einmal sagte er sogar, er habe Ana Lontra nur geheiratet, weil sie Helô Pinheiro ähnlich sehe. „Wenn ich ihn geheiratet hätte, wäre ich heute Witwe“, sagt Helô Pinheiro. Sie wäre aber auch reich. Ana Lontra Jobim, die Fotografin geworden ist, konnte nach Toms Tod aufhören zu arbeiten. Seither widmet sie sich dessen Erbe und verwaltet unter anderem die Rechte an dem Lied, das Helô Pinheiro berühmt gemacht hat.

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