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Mutter Teresa : Extremistin der Nächstenliebe

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Mutter Teresa: Ihre Gebete und Texte sind Bestseller in Dutzenden von Sprachen. Bild: dpa

Das Leben von Mutter Teresa inspiriert bis heute Millionen von Menschen. Doch auch die Kritik an ihr ist lauter geworden. Zu Recht? Nein, sagt der Papst. Nun will er sie heiligsprechen.

          Dass der Papst Mutter Teresa am Sonntag zur Heiligen erklären will, hat sogar viele Katholiken überrascht. Die meisten von ihnen dachten nämlich, dass ihre Heiligsprechung längst stattgefunden habe. Seit etwa einem halben Jahrhundert ist die Ordensschwester, die den größten Teil ihres Lebens in den indischen Slums verbrachte und 1997 starb, überall auf der Welt der Inbegriff der Selbstlosigkeit, ein Vorbild an Aufopferungsbereitschaft und praktischer Nächstenliebe. Neben Martin Luther King und Mahatma Gandhi gehört sie zu den am meisten bewunderten Figuren der jüngeren Geschichte und wird in Schulaufsätzen überall auf der Welt häufiger als jede andere Frau als Vorbild genannt.

          Als die Leser des amerikanischen Magazins „Biography“ neulich die einflussreichsten Frauen der Geschichte wählen sollten, landete Mutter Teresa auf Platz eins, das „Time Magazine“ erklärte sie zur „Ikone des 20. Jahrhunderts“, und das Meinungsforschungsinstitut Gallup ermittelte, dass kein anderer Mensch des letzten Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten solche Bewunderung genießt.

          Ihre Gebete und Texte sind Bestseller in Dutzenden von Sprachen und längst schon fester Bestandteil der christlichen Literatur über alle Konfessionsgrenzen hinweg. Da scheint die Heiligsprechung durch Papst Franziskus eher wie der verspätete und rein administrative Nachvollzug einer längst unbestreitbaren Realität: Die Welt hat Mutter Teresa schon zu Lebzeiten heiliggesprochen; die Kirche stimmt nun mit Verspätung zu.

          Der Heiligsprechungsprozess offenbart ungeahnte innere Konflikte

          Doch so einfach, wie es scheint, ist es nicht. Der Heiligsprechungsprozess der letzten fünfzehn Jahre hat von der Ordensfrau, die jedermann zu kennen glaubt, ein neues, differenzierteres Lebensbild entworfen. Es ist ein Bild, das in Teilen dem öffentlichen Eindruck zu Lebzeiten widerspricht und ungeahnte innere Konflikte offenbart, ja sogar Zeiten tiefgreifender Glaubens- und Selbstzweifel, von denen nicht einmal die Mitschwestern im Kloster etwas geahnt hatten.

          Ein Bild von Mutter Teresa in Kalkutta: Sie hatte keine Scheu, ihre Berühmtheit gezielt einzusetzen.

          Und auch das Urteil über die Arbeit von Mutter Teresa ist heute längst nicht mehr so einhellig wie vor 50 und vor 25 Jahren. Im Gegenteil, eine wachsende Zahl von Kritikern, einerseits in Indien selbst, andererseits auch in Ländern wie den Vereinigten Staaten und Großbritannien, macht der Ordensgründerin immer neue Vorwürfe und versucht nach Kräften, sie vom humanitären oder auch kirchlichen Denkmalsockel zu stoßen.

          Heiligsprechung ist auch ein Akt der Selbstverteidigung

          Da ist die „Erhebung zu den Altären“, wie es in der Sprache der Kirche offiziell bei der Heiligsprechung heißt, auch ein Akt der Verteidigung: Papst Franziskus stellt sich an die Spitze derer, die Mutter Teresa gegen die Angriffe eines veränderten Zeitgeistes in Schutz nehmen wollen. Ob man ihm oder den Kritikern von Mutter Teresa recht geben will, hängt vom eigenen Standpunkt, von persönlichen Werturteilen und vom Bewusstsein eigener Befangenheiten ab. Mutter Teresa war in allem auch ein Kind ihrer Zeit; ihre Kritiker von heute sind es aber auch.

          Als Agnes Gonxha Bojaxhiu im August 1910 zur Welt kam, gab es noch das Osmanische Reich. Als Tochter albanischer Eltern wurde sie in Üsküp geboren, dem heutigen Skopje, der Hauptstadt Mazedoniens, und bekam durch die Wechselfälle der Geschichte auf dem Balkan schon in den ersten Lebensjahren mehrfach eine neue Staatsangehörigkeit. Ihr Vater starb, als sie neun Jahre alt war.

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