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Mutter Teresa : Extremistin der Nächstenliebe

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Immer wieder finden sich Bekenntnisse des Zweifels

Innerkirchlich kommt eine ganz andere Kritik hinzu, und sie kommt eher von rechts. Unter katholischen Traditionalisten gehen die Meinungen über Mutter Teresa auseinander, und manche halten ihr bis heute vor, dass sie am Grab von Mahatma Gandhi gebetet hat. Schwerer noch wiegt in den Augen dieser Kritiker ein berühmtes Zitat, das in keiner Aphorismensammlung von Mutter Teresa fehlt: „Ich liebe alle Religionen.“ Man muss schon recht borniert sein, um darin theologische Indifferenz zu erkennen und die allumfassende Liebe zu jedem Menschen, auch zum Andersgläubigen, zu übersehen.

Schwestern vom katholischen Orden der Teresa-Schwestern in Chemnitz.
Schwestern vom katholischen Orden der Teresa-Schwestern in Chemnitz. : Bild: dpa

Mehr als die unterschiedlichen und oft polemischen Angriffe auf Mutter Teresa hat ihre Bewunderer der schriftliche Nachlass der Nonne verunsichert. Im Zuge des Heiligsprechungsprozesses wurden private Briefe und Notizen gesammelt und veröffentlicht, die Mutter Teresa lieber hatte vernichten wollen und die nicht immer das unerschütterliche Gottvertrauen zeigen, das die Welt mit Mutter Teresa verbindet.

Stattdessen finden sich über fünfzig Lebensjahre verstreut immer wieder Bekenntnisse des Zweifels und der Einsamkeit, hilflose Fragen nach Gott und tiefe Skepsis gegenüber der Welt. Manche Zeilen lesen sich wie aus den Abgründen einer brüchigen, zweifelnden und mitunter verzweifelten Existenz. „Ich bin allein . . . wo ist mein Glaube . . . selbst ganz tief in mir ist nichts als Leere und Dunkelheit . . . Mein Gott . . . wie schmerzhaft ist das . . . Ich habe keinen Glauben . . . Man sagt mir, dass Gott mich liebt, aber die Dunkelheit und Kälte und Leere ist so groß, dass nichts meine Seele berührt.“

Die Glaubenskrise endete erst mit dem Tod

Die Glaubenskrise begann für Mutter Teresa etwa zu der Zeit, als sie in Kalkutta die ersten Armen aufnahm, und sie endete erst mit ihrem Tod. Öffentlich ließ sie sich davon nichts anmerken, sondern trug, wie sie in einem Brief einräumt, eine „Maske“, um andere in dem Glauben zu ermutigen, an dem sie selbst bisweilen zweifelte.

Für die Kritiker der Ordensschwester sind diese Aufzeichnungen ein weiterer Beweis dafür, dass der Mythos um Mutter Teresa die Realität verschleiert und ihre Frömmigkeit nur „Heuchelei“ war, wie Hitchens meinte. Man kann es auch anders sehen: Auf ihrer Suche nach Gott hat Mutter Teresa die Anfechtung ihres Glaubens und genau jene Gottverlassenheit erlebt, die vor ihr schon viele Heilige, auch ihre Namenspatronin Therese von Lisieux, erlebt hatten. Mehr noch: Vielleicht zeigt sich gerade in der Fortsetzung ihres Lebensweges durch alle Zweifel hindurch jene Beharrlichkeit, die ihr ermöglichte, Übermenschliches zu vollbringen und Millionen von Menschen zu inspirieren.

Papst Franziskus jedenfalls hat sich weder von den persönlichen Aufzeichnungen noch von den Kontroversen um Leben und Werk Mutter Teresas beeindrucken lassen, sondern den Prozess der Heiligsprechung, der 2002 begann, zum Abschluss gebracht.

Wie für Mutter Teresa steht auch im Pontifikat des Argentiniers die Zuwendung zu den Armen und Randgruppen im Mittelpunkt und nicht die theologische Schärfe. Wohl auch deshalb zitiert Papst Franziskus Mutter Teresa oft und gern und beruft sich auf ihr Leben und ihre Weisheiten. Als dem Papst in diesem Frühjahr vorgeworfen wurde, seine Aufnahme von syrischen Flüchtlingen sei ein rein symbolischer Akt, der an der verzweifelten Lage der Menschen in Syrien gar nichts ändere, antwortete er mit einem der vielen legendären Zitate von Mutter Teresa: „Was ich tue, ist nur ein Tropfen im Ozean. Aber der Ozean wird danach nie mehr derselbe sein wie zuvor.“

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