https://www.faz.net/-gum-8ku3d

Mutter Teresa : Extremistin der Nächstenliebe

  • -Aktualisiert am

Die Schriften des Loreto-Ordens, eines Missionsordens, brachte die frommen und abenteuerlichen Geschichten aus fernen Missionsländern in ihr Elternhaus und weckten schon im Schulkind den Wunsch, selbst Missionarin zu werden. Mit 18 Jahren trat sie dem Orden der Loreto-Schwestern bei und ging dafür nach Irland. Schon wenige Monate später, im Herbst 1928, wurde sie nach Bengalen entsandt, wo sie 17 Jahre lang als Lehrerin und Schuldirektorin arbeitete.

Die ersten Patienten waren Obdachlose und Leprakranke

Ihr Leben änderte sich, wie sie selbst später erzählte, in einem einzigen Augenblick radikal - und zwar durch eine Begebenheit, die sie als mystische Offenbarung erlebte, als einen Moment, in dem ihr Jesus selbst, wie Mutter Teresa es beschreibt, den Auftrag gab, sich ganz den „Ärmsten der Armen“ zuzuwenden. Zunächst gegen den Widerstand der Ordensoberen und der Kirchenleitung begann die jetzt 36 Jahre alte Nonne, die im Orden den Namen der französischen Heiligen Therese von Lisieux angenommen hatte, mit der Pflege von Todkranken in Kalkutta.

Wallfahrt an Maria Himmelfahrt zur Schwarzen Madonna von Letnica: Vor dieser Marienfigur verspürte Mutter Teresa ihre Berufung zur Missionsschwester.
Wallfahrt an Maria Himmelfahrt zur Schwarzen Madonna von Letnica: Vor dieser Marienfigur verspürte Mutter Teresa ihre Berufung zur Missionsschwester. : Bild: AFP

Die ersten Patienten waren Obdachlose und Leprakranke, die sie praktisch von der Straße aufsammelte und in ihr „Haus der Sterbenden“ brachte. Sie nahm damals die indische Staatsangehörigkeit an, Bengali sprach sie zu diesem Zeitpunkt ohnehin längst fließend. In den Jahren darauf schlossen sich ihr andere junge Frauen an, oftmals waren es frühere Schülerinnen. So entstand bald eine neue Schwesterngemeinschaft.

In Indien hatte die Arbeit schon große Anerkennung gefunden, als 1968 der britische Journalist Malcolm Muggeridge nach Kalkutta reiste und einen Dokumentarfilm über sie drehte. Der Film hatte im Leben der Nonne wie auch im Leben des Filmemachers dramatische Konsequenzen: Muggeridge, der frühere Kommunist und Atheist, sah während der Dreharbeiten ein „göttliches Licht“, wie er sagte, bekannte sich fortan zum Christentum und wurde später katholisch; Mutter Teresa aber wurde durch den Film über Nacht weltberühmt. Vor allem in Westeuropa und Amerika wurde sie zum Star einer neuen religiösen Bewegung, sie ging auf Vortragsreisen, sammelte Spenden ein und empfing immer mehr prominente Besucher in ihren Krankenstationen und Waisenhäusern in Indien.

Mutter Teresa hatte keine Hemmungen, auch Diktatoren die Hand zu schütteln

Als sie 1979 den Friedensnobelpreis bekam, kannte man ihr Gesicht und ihren Namen längst überall auf der Welt, und Schulbücher, auch in Deutschland, erzählten ihre Lebensgeschichte. Ihr Orden wuchs, nahm immer neue Schwestern auf und gründete Waisenhäuser und Krankenstationen in immer neuen Ländern, jetzt verstärkt auch außerhalb der sogenannten Dritten Welt, in westlichen Industriestaaten und Ländern des kommunistischen Ostblocks.

Zeremonie im Vatikan : Mutter Teresa ist offiziell heiliggesprochen worden

Wenn es die Tür für den Orden und ihre Hilfsprojekte öffnete, hatte Mutter Teresa keine Hemmungen, auch Diktatoren die Hand zu schütteln. Und sie hatte auch keine Scheu, ihre Berühmtheit gezielt einzusetzen, etwa als sie 1982 auf Wunsch des Roten Kreuzes nach Beirut flog und geistig behinderte Kinder aus der vom Bürgerkrieg zerstörten Stadt evakuierte, indem sie sie auf der Stelle mitnahm und ausfliegen ließ.

Sie nannte Abtreibung „Mord“

Bis ins hohe Alter bereiste sie die ganze Welt und warb um Unterstützung für ihre Arbeit. Oft vermittelte sie auch Kinder an Adoptiveltern. In Städten wie London, New York und Washington, die sie viel bereiste, leben noch heute diejenigen, die durch ihre Vermittlung zu Adoptiveltern im Westen gekommen sind. Als Mutter Teresa 1997 starb, hatte ihr Orden der „Missionarinnen der Nächstenliebe“ über 3000 Ordensschwestern in 133 Ländern. Ein Männerorden mit über 500 Brüdern ist parallel dazu entstanden.

Weitere Themen

Ein Fest für die Augen

Nasa-Rover sendet Panoramabild : Ein Fest für die Augen

Es besteht aus 142 Einzelaufnahmen: Das erste hochaufgelöste Panoramabild des Mars-Rover Perseverance zeigt den roten Planten nicht nur schärfer, sondern auch umfassender als das menschliche Auge ihn wahrnehmen könnte.

Topmeldungen

Bisher wurden in Deutschland vor allem Ältere geimpft.

Corona-Schutzmaßnahmen : Alt gegen Jung in der Pandemie

Der Staat schützt derzeit vor allem die Senioren. Das empfinden manche Jüngere als ungerecht. Zerbricht an Corona der Generationenvertrag?
Präsident Biden spricht am Freitag mit einem Texaner beim Besuch einer Tafel in Houston.

Texas in Not : Biden als Tröster der Nation

Texas ringt mit den Folgen eines heftigen Wintereinbruchs. Bei seinem Besuch spielt Amerikas Präsident seine große Stärke aus. Die positiven Bilder kommen für Joe Biden zur rechten Zeit.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.