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Notstand im Gesundheitssystem : Eine, die es einfach gern macht

  • -Aktualisiert am

Ihr Arbeitsplatz ist keine Insel der Glückseligkeit, aber auf der Station von Havva Özkan versucht man, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Bild: Tim Kummert

Havva Özkan ist zur „Pflegerin des Jahres“ gekürt worden. An ihr kann man sehen, wie Pflege gelingen kann – trotz des Notstands im Gesundheitssystem.

          Havva Özkan spricht mit ruhiger Stimme, doch die zierliche Frau ist wütend. Ihre Wut merkt man allein daran, dass sie ein wenig fester das Lenkrad ihres Autos beim Fahren packt: „Ja, wir haben einen Pflegenotstand in Deutschland, natürlich ist die Situation teilweise katastrophal, aber zu lamentieren bringt mich in meinem Alltag nicht voran. Gerade wir Pfleger müssen schlicht das Beste draus machen – auch wenn das manchmal schwer ist.“ Özkan sitzt in ihrem Auto. Sie ist unterwegs zu ihrem Arbeitsplatz, dem St.-Joseph-Hospital zwischen Köln und Bonn, und erzählt dabei von der allgemeinen Pflegedebatte in Deutschland: „Lamentieren ist einfach nicht mein Ding. 8000 Arbeitsplätze schafft die Große Koalition in der Pflege, natürlich reicht das noch nicht. Aber es ist zumindest mal ein Anfang.“ Havva Özkan weiß, wovon sie redet. Sie ist ausgebildete Altenpflegerin, und sie trägt nun einen besonderen Titel: Özkan ist „Pflegerin des Jahres“, die 33-Jährige wurde gestern in Berlin mit dem Titel, der vom Unternehmen „Jobtour“ vergeben wird, von einer achtköpfigen Jury ausgezeichnet. 750 Bewerbungen waren eingegangen. Schirmherr der Veranstaltung ist Gesundheitsminister Jens Spahn.

          Die Nominierungen für Özkan lesen sich beeindruckend, vier verschiedene Personen schlugen sie für den Preis vor: Eine erzählt, wie Özkan für einen todkranken Sportler einen Handball aus seinem Verein kommen ließ, auf dem seine ganze Mannschaft unterschrieben hatte, weil der Patient so gern noch mal „das Gummi anfassen“ wollte. In einer anderen Nominierung wird beschrieben, wie ein Mann in einem Hospiz, der „nur noch sterben wollte“, sagte: „Ich warte den ganzen Tag, bis die Nacht kommt. Nachts ist jemand da, mit dem ich reden kann.“ Die Rede ist von Özkan, die in dem Hospiz, wo der Mann lag, knapp fünf Jahre viele Nachtschichten übernommen hat.

          Dann hat sie gewechselt, seit einem guten Jahr arbeitet sie im Krankenhaus St. Joseph, dort ist sie nun angekommen von der Fahrt. Bevor sie das Haus betritt, bedient sie einen Desinfektionsspender am Eingang und verteilt die Flüssigkeit sorgfältig zwischen ihren Fingern. Ihr Arbeitsort dort ist die Palliativstation. Der Weg führt durch lange Gänge, vorbei an hohen Fenstern, Kunst an den Wänden, die Tür zu einer großen Kapelle mitten im Krankenhaus ist angelehnt. „Wir haben Glück, wir sind wirklich gut ausgestattet. Der Träger, ein Franziskaner-Orden, steckt hier echt Geld rein“, sagt Özkan. Leise betritt sie die Palliativstation, gedämpftes Licht, jeweils fünf Betten auf zwei Stockwerken. Die diensthabende Kollegin am Empfang umarmt sie: „Glückwunsch zu diesem Preis! Du hast es wirklich verdient!“ Özkan winkt bescheiden ab, doch die Freude steht ihr ins Gesicht geschrieben.

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          Dann bittet sie raus auf die Terrasse und erzählt im Schnelldurchlauf ihre eigene Geschichte: Mit drei Jahren zog sie mit ihren Eltern aus der Türkei in ein hessisches Dorf, mit 14 Jahren ging es für sie weiter nach Bonn: „Der makabere Humor des Rheinlands war mir neu, das war schon ein kleiner Umbruch in meinem jungen Leben.“ Eines blieb aber gleich, erklärt sie: ihr Wunsch danach, als Pflegerin mit alten Menschen zu arbeiten. Diesen Entschluss fasste sie mit acht Jahren: „Damals hatten wir meine kleine Schwester aus dem Krankenhaus abgeholt, die gerade frischgeboren worden war.“ Mit 16 Jahren half sie freiwillig in einem Krankenhaus mit, übernahm einfache Aufgaben bei der Pflege von älteren Menschen, anschließend absolvierte sie eine einjährige Ausbildung zur Krankenpflegehelferin, dann zur Altenpflegerin. Etliche Jahre arbeitete sie im Hospiz, seit Januar 2017 im Krankenhaus auf der Palliativstation.

          „So kann man in Frieden sterben“

          Plötzlich unterbricht Özkan ihre Erzählung, „Hallo Rainer!“, ruft sie. „Unser Oberarzt.“ Alle duzten sich hier duzen: Ärzte, Schwestern, Putzkräfte. Ist dieses Arbeitsumfeld mit ein Grund dafür, dass sie ihre Arbeit so gut machen kann und deshalb auch den Preis bekommen hat? „Klar, das ist schon ein Grund. Hier herrscht ein Arbeitsumfeld, bei dem alle eng und auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Doch damit das klargestellt ist: Hier ist nicht die absolute Insel der Glückseligkeit, auch wir haben ganz normale Alltagsprobleme.“

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