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Hausfrauen : Toll, dass du zu Hause bist

Das bisschen Haushalt …Sie kennen das ja. Bild: Fotex/Camerique

Es gibt sie noch, die Hausfrau – auch wenn Politik, Wirtschaft und die „working moms“ sie mehr und mehr belächeln. Zu Unrecht!

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          Manchmal stellt sich Julia Altmann* schon die Frage: Wer bin ich eigentlich? Letztens zum Beispiel, als sich bei einem Elternabend im Kindergarten alle Mütter in der Runde als working mums vorstellten, Mütter also, die arbeiten. Julia Altmann arbeitet auch: Sie kauft ein, sie kocht, sie putzt, sie repariert die Spüle, sie organisiert das Sommerfest in der Schule, sie mistet den Keller aus. Aber es ist eine Arbeit, für die sie nicht bezahlt wird. Deshalb kann sie sich nicht working mom nennen, sondern sagt auf Nachfrage: „Ich bin Hausfrau.“ Regelmäßig schaut sie dann in ungläubige Gesichter. Hausfrau? Im Jahr 2015? Schreibt sie ihre Korrespondenz vielleicht auch noch auf der Schreibmaschine?

          Anke Schipp
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Hausfrau, das gilt als ein Modell aus dem vorigen Jahrhundert. Natürlich gibt es sie noch, aber die Entwicklung zeigt: nicht mehr lange. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts waren im Jahr 2012 in Deutschland 71,5 Prozent aller Frauen im Alter von 20 bis 64 Jahren erwerbstätig, 2002 lag die Quote noch bei 61,8 Prozent.

          Die Personalabteilungen deutscher Unternehmen dürften sich angesichts dieser Zahlen ebenso freuen wie das Familienministerium, denn sie klingen nach Gleichberechtigung. Seit die Krippenplätze ausgebaut werden und man sogar über die 24-Stunden-Betreuung von Kindern nachdenkt, steht den vielen gut ausgebildeten Frauen in Deutschland nichts mehr im Weg. Es gibt keinen Grund mehr, nicht zu arbeiten, nicht beruflich durchzustarten und mit wehenden Fahnen die Vorstandsetagen zu erobern.

          Oder doch?

          Der Tag von Katharina Vogt* beginnt um 6 Uhr morgens. Sie zieht sich an, geht in die Küche, stellt das Müsli auf den Tisch, schmiert Brote für die Brotboxen. Dann macht sie gemeinsam mit ihrem Mann die vier Kinder zwischen drei und neun Jahren fertig. Um 7.30 Uhr verlassen die beiden Schulkinder gemeinsam mit ihrem Mann das Haus, Vogt bringt die beiden Kleinen in den Kindergarten. Dann betreut sie entweder das Elterncafé im Kindergarten, hilft in der Schulbücherei aus oder macht den Haushalt: Spülmaschine einräumen, Betten machen, Wohnzimmer saugen oder den riesigen Berg Wäsche abarbeiten. Noch schnell drei E-Mails für den Förderverein des Kindergartens, schon stehen die beiden Großen vor der Tür - kochen, essen, Hausaufgaben.

          Nachmittags pendelt Vogt zwischen ihrem Zuhause, dem Fußballplatz, Turnhalle und dem Reiterhof und springt schon mal ein, wenn eine berufstätige Mutter einen Engpass hat und nicht weiß, wohin mit ihren Kindern. Nebenbei muss sie vieles im Blick haben, was noch zu erledigen ist: das Geschenk für den Kindergeburtstag besorgen, Kinderarzttermin ausmachen, Winterkleidung aussortieren, Sandalen für alle vier Kinder kaufen.

          Auf die Frage von anderen Müttern „Und wann fängst du wieder an zu arbeiten?“ rechtfertigte sich Katharina Vogt früher oft mit dem Argument, dass ihr Mann eine 60-Stunden-Woche habe, dass sie das auch hätte, wenn sie in ihren Beruf als Controllerin zurückkehren würde, was wiederum mit vier Kindern nicht realisierbar sei. Mittlerweile entgegnet sie nur noch: „Mach doch mal zwei Wochen Praktikum bei mir, und sag mir dann, wann genau ich arbeiten soll.“

          Hausfrauen sind heute Außenseiterinnen

          Früher galten berufstätige Mütter als Rabenmütter, weil sie sich angeblich nicht richtig um die Kinder kümmerten. Jetzt ist es umgekehrt: Hausfrauen sind die Außenseiterinnen, werden wahlweise als Latte-Macchiato-Mütter belächelt, die den ganzen Tag Kaffee trinken, oder als naive Schneewittchen, die den Feminismus verpennt haben und sich von einem Mann abhängig machen. Hinter ihrem Rücken wird getuschelt: „Was macht die eigentlich den ganzen Tag?“ Oder: „Die Arme, die muss ja frustriert sein!“

          Julia Altmann ist nicht aus Überzeugung Hausfrau. Es ist eher das Ergebnis jahrelanger Erfahrung. Seit ihr erstes Kind auf die Welt kam, hat sie alle Modelle ausprobiert: Vollzeit, Teilzeit, Projektarbeit, Freiberuflerin. Sie arbeitete als PR-Beraterin, ein Beruf, in dem Überstunden quasi zur Jobbeschreibung gehören. Nach der Geburt ihrer Tochter versuchte sie, so schnell wie möglich wieder einzusteigen. Sie machte erst eine Urlaubsvertretung, mit zehn Monaten kam das Kind in die Krippe.

          Es funktionierte einigermaßen, solange sie bei der Arbeit den Eindruck vermittelte, sie habe gar keine Kinder. Wenn ihre Tochter krank wurde und sie ansprach, dass ihr in diesem Fall gesetzliche Urlaubstage zustünden, entgegnete ihr Chef: „Davon weiß ich nichts.“ Als sie das zweite Mal schwanger wurde, fragte man sie offen, ob sie nicht kündigen wolle. Sie machte sich schließlich selbständig, arbeitete noch mehr, um letztlich nur einen Bruchteil ihres alten Verdienstes zu erreichen.

          Die Geburt ihres dritten Kindes und der Umzug in eine andere Stadt machten ihr klar: Es geht nicht mehr. Sie entschied sich, Hausfrau zu werden und zu Hause zu bleiben. Und sie fühlt sich wohl damit, weil es zur Entschleunigung in der Familie beigetragen hat. Erklären muss sie sich trotzdem immer wieder.

          Vermutlich hat sich manche arbeitende Mutter schon mal gewünscht, alles hinzuschmeißen - trotz Bestätigung im Beruf. Viele gelangen regelmäßig an ihre Grenzen. Wie die Wirtschaftsanwältin, die ihr Kind bis 17 Uhr in der Kita lässt und doch von den Kollegen nicht ernst genommen wird, weil sie nicht da ist, wenn sich um 21 Uhr der Mandant aus New York meldet. Oder die Krankenschwester in Teilzeit, die nur Nachtschichten zugeteilt bekommt und am nächsten Tag trotzdem fit sein muss, um die Kinder aus der Schule zu holen. Oder die Grafikerin in Vollzeit, bei der immer alles glatt lief, bis plötzlich ihre 13 Jahre alte Tochter gemobbt wird, sie jeden Tag heulend aus der Schule kommt und das ukrainische Au-Pair mit der Situation überfordert ist.

          Die Gesellschaft gaukelt einem vor, dass alles geht. Und wenn es nicht geht, ist man selbst schuld. Wer schnell in den Job zurückkehrt, womöglich noch bevor das Kind ein Jahr alt ist, gilt als Heldin. „Alles eine Frage der Organisation“, bekommen Frauen oft von anderen Frauen zu hören und glauben, dass sie etwas falsch machen, weil sie trotz guter Organisation am Rande des Nervenzusammenbruchs stehen. Viele Erwachsene erinnern sich noch gerne an ihre heile Kindheit, wenn sie nach Hause kamen und Mama den selbstgemachten Kartoffelbrei auf den Tisch stellte. Heute ist Mama oft genervt, wenn sie die Kinder vom Hort abholt und sie dann vorm Fernseher parkt, um schnell noch an einer wichtigen Telko teilzunehmen.

          Oft wird dem Mann keine Teilzeit gewährt

          Die Zahl der Mütter mit Erschöpfungssymptomen, Burn-out, Schlafstörungen oder ähnlichen Erkrankungen ist laut Müttergenesungswerk in den vergangenen zehn Jahren um 37 Prozentpunkte gestiegen. 49 000 Mütter haben 2013 eine Mutter- oder Mutter-Kind-Kur des Müttergenesungswerkes in Anspruch genommen, vor zehn Jahren waren es noch 3000 Mütter weniger. Viele davon sind begründet in der Doppelbelastung: berufstätig sein und doch auch eine gute, liebevolle, kochende, möglichst perfekte Mutter. Hinzu kommt, dass zwar immer mehr Frauen berufstätig sind, die Hausarbeit aber trotzdem weitgehend an ihnen hängenbleibt. Während Frauen durchschnittlich 164 Minuten am Tag putzen, kochen oder bügeln, verbringen Männer in Deutschland nach einer Studie der OECD nur knapp 90 Minuten mit diesen Tätigkeiten. Das verschiebt sich leicht in Partnerschaften, in denen beide in Vollzeit arbeiten, aber gleichberechtigt geht es auch hier nicht zu.

          Es gibt Mütter, die mit dem täglichen Dreiklang aus Kinderbetreuung, Job-Machen und Haushalt-Erledigen zurechtkommen. Man sollte es aber jenen nicht verdenken, die die Segel streichen und zumindest zeitweise ihren Beruf aufgeben, um das Gefühl zu haben, wenigstens eine Sache richtig zu machen. Belohnt werden sie dafür nicht. Im Gegenteil. Denn einige von ihnen sitzen später im Büro von Susanne Grohs-von Reichenbach, die für das Münchner Projekt „power m“ Mütter bei dem Wiedereinstieg in den Beruf berät. Es sind Mütter, die nach zehn Jahren Arbeitspause, wenn alle Kinder in der Schule sind, wieder Geld verdienen wollen, aber keinen Job finden. Und es sind Hausfrauen, die plötzlich vor großen Unsicherheiten stehen, weil ihr Mann sich getrennt hat.

          Eine Frau ist langfristig eigenverantwortlich für ihren Unterhalt, was vernünftig klingt. In vielen Fällen sieht es dann aber so aus: Der Mann kann nach einer Trennung unverändert seinem Beruf nachgehen, seine Karriere forcieren, die er überhaupt nur machte, weil die Ehefrau ihm den Rücken freigehalten hat. Die muss sich aber nun in der Regel hauptsächlich um die Kinder kümmern, die nicht selten durch die Trennung neben der Spur sind, sie muss im Eiltempo einen Job suchen, Fortbildungskurse belegen, irgendwie die Miete aufbringen. „Das sind keine Klischees“, sagt Grohs-von Reichenbach, „das sind leider oft die bitteren Realitäten.“ Selbst Frauen, die in Teilzeit arbeiten, droht im Fall einer Trennung die Altersarmut, weil es nun mal ihr eigenes Bier ist, dass sie sich Zeit für die Kinder genommen, keine Karriere gemacht und zu wenig in die Rentenkasse eingezahlt haben.

          Natürlich wäre das nicht der Fall, wenn von vornherein beide zum Beispiel jeweils 80 Prozent arbeiten und sich die Kinderbetreuung gleichberechtigt aufteilen würden. In der Realität ist es aber oft so, dass der Mann in einer Position ist, in der ihm keine Teilzeit gewährt wird. Oder dass er ins Ausland versetzt wird und die Frau zwangsläufig pausieren muss. Oder dass der Mann schlicht so viel mehr verdient, dass es einleuchtend ist, wenn er mit der Geburt der Kinder der Hauptverdiener bleibt.

          Auch Julia Altmann ist sich der Risiken bewusst, die das Hausfrauendasein birgt. Trotzdem ist sie froh, dass sie nicht einen Chef anrufen muss, weil ihr Sohn mal wieder eine Streptokokken-Infektion hat. Sie ist stolz, dass er jetzt auf dem Gymnasium ist, nachdem er in der Grundschule eine Ehrenrunde gedreht hat und sie ihm nachmittags bei den Hausaufgaben helfen konnte. Neulich sagte er: „Es ist so toll, dass du zu Hause bist.“

          Und was, wenn die Kinder aus dem Haus sind? Katharina Vogt sieht dem gelassen entgegen. Sie ist eben eine, die gerne kocht, die sich um den Garten kümmert, die oft Gäste einlädt und ihr Zuhause gerne so gestaltet, dass es tatsächlich wie in einer Wohnzeitschrift aussieht. Anerkennung bekommt sie von der Gesellschaft dafür nicht. Sie ist eine jener gut ausgebildeten Frauen, die dem Arbeitsmarkt verlorengingen. Aber sie kann am Ende trotzdem stolz darauf sein, in einem Land, das demographische Probleme hat, vier Kinder großgezogen zu haben.

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