https://www.faz.net/-gum-710zl

Hauptberuf: Demonstrantin : Die Aktivistin Ihres Vertrauens

Jutter Sundermann protestiert häufig und hauptberuflich. Diesmal gegen die Deutsche Bank Bild: Fricke, Helmut

Ob gegen Atomkraft, Bankenmacht oder Gentechnik – Jutta Sundermann protestiert hauptberuflich. Ihr Job heißt „Bewegungsarbeiterin“. Bezahlt wird sie von Leuten, die für eigenes Engagement zu wenig Zeit haben.

          Es ist Donnerstagmorgen kurz nach acht Uhr, als Jutta Sundermann mit einem Elektro-Blasebalg vor der Messe-Festhalle in Frankfurt eine Gummipalme aufpumpt. Sie hockt zwischen Aktivisten von Attac, die hier gleich 5000 zur Hauptversammlung der Deutschen Bank strömende Aktionäre mit fragwürdigen Geschäften ihres Instituts konfrontieren wollen. „Werden wir drinnen auch von Ihnen überrascht?“, fragt sichtlich nervös ein herbeigeeilter Bank-Mitarbeiter. „Dann wär’s ja keine Überraschung“, sagt Sundermann. „So richtig beruhigend klingt das nicht“, erwidert er, als sie sich umdreht. „Wir kennen uns doch noch vom letzten Mal!“ - „Stimmt!“, sagt sie und grüßt freundlich.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          „Diesmal gehen wir nicht rein“, sagt Sundermann, als der Mann außer Hörweite ist. 2011 war sie, als Joseph Ackermanns Rede begann, aus der ersten Reihe aufgesprungen und trillerpfeifend durch den Saal gerannt. In diesem Jahr wollte sie Ackermann mit einem großen Zapfenstreich verabschieden, aber woher eine Blaskapelle nehmen? Also hat sie sich die Symbolik mit der Palme ausgedacht und dazu ein aufblasbares Maschinengewehr und einen Sack mit Getreide besorgt. „Wollt Ihr Steuerflucht? Waffenhandel? Zocken mit Nahrungsmitteln?“, rufen sie nun im Chor den Aktionären zu und antworten mit „Nein!“ sowie dem Nachsatz: „Jain, lass es sein!“ Anshu Jain ist der neue Bank-Chef. Die Truppe ist ein begehrtes Motiv für Fotografen und Kameraleute.

          „Ich glaube, ich arbeite mehr als du“

          „Es geht ja vor allem um Aufmerksamkeit“, sagt Sundermann, die sich freut, dass ihre Idee so gut ankommt. Sie verteilt Handzettel mit Fakten zum Protest und gibt viele Interviews. „Haben Sie eigentlich auch ’nen Job?“, erkundigt sich plötzlich ein junger Mann aus einer Gruppe der Bank-Azubis. „Ich lebe von Spenden“, sagt Jutta Sundermann. „Spenden?“, fragt der Mann. „Ich geh lieber arbeiten und verdiene mein Geld selber.“ - „Ich glaube, ich arbeite mehr als du“, entgegnet sie.

          Sundermann ist 41 Jahre alt, hat zwei Kinder und ein Haus und ist freiberuflich Aktivistin. Sie hatte noch nie in ihrem Leben einen festen Job, stattdessen engagiert sie sich Vollzeit gegen Gentechnik, Atomkraft oder das Finanzkapital. Ihre Eltern, der Vater Ingenieur, die Mutter Dolmetscherin, hofften lange, dass die älteste Tochter irgendwann „zur Vernunft“ kommt. Stattdessen ist sie rastlos unterwegs, immer im Dienst einer besseren Welt. Es ist nicht so, dass ihr nichts Besseres eingefallen oder nichts anderes übrig geblieben wäre, im Gegenteil: Sie hat ihr Abitur mit 1,2 bestanden, und sie hat dieses Leben bewusst gewählt.

          Das imponiert Leuten, die mehr Geld haben, als sie zu einem guten Leben brauchen, so sehr, dass sie Sundermanns Protest-Existenz finanzieren. Rund 900 Euro im Monat erhält sie von 24 Spendern aus der ganzen Republik. Eine von ihnen ist die Berlinerin Marguerite Keck, die es „ziemlich mutig“ findet, so zu leben. „Nur Protest wäre nichts für mich gewesen“, sagt die 63-Jährige. „Ich wollte einen bürgerlichen Beruf.“ Keck studierte Ende der sechziger Jahre BWL, war in der Frauenbewegung aktiv, aber für mehr Rebellion blieb keine Zeit. Sie wurde Handelslehrerin an einer Berufsschule, bekam zwei Kinder, kümmerte sich um den Haushalt. Vor einigen Jahren erbte sie und ging in Rente. „Mir geht es gut“, sagt sie, aber sie findet, dass Banken heute zu mächtig und Vermögen ungerecht verteilt sind.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ehemaliger Lebensmittelladen in Loitz: Der Solidaritätszuschlag dient in erster Linie zur Finanzierung der Kosten, die die deutsche Wiedervereinigung verursacht hat. (Archiv)

          Wortbruch der Union : Soli-Schmerzen

          Dass ein Teil des Soli bleibt, dürfte für die Betroffenen finanziell zu verschmerzen sein. Nicht aber der Wortbruch der Union – und das bittere Gefühl, dass ihr Sondereinsatz für das Land nicht einmal wertgeschätzt wird.
          Trotz Sanktionen: Schweißer arbeiten Anfang April im Karosseriebau des Mercedes-Benz Werks im Industriepark Jessipowo bei Moskau

          Russland-Sanktionen : Der Preis des Zurückweichens

          Die Russland-Sanktionen waren ein Signal. Deren Aufhebung wäre es erst recht – die EU würde damit demonstrativ vor Moskaus Politik der Gewalt und Drohung zurückweichen.

          FAZ Plus Artikel: Youtube : Die neue Mündlichkeit

          Rezos Video rechnet mit Lesern, die lesen können, aber meistens nicht gelesen haben, was er für sie gelesen hat. Wie Youtube das Verhältnis von gesprochenem Wort, Schrift und Wissen verändert.
          Der frühere Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, Olivier Blanchard. (Archiv)

          EZB-Konferenz in Sintra : „Es gibt keine Schuldenkrise“

          Die Eurozone braucht eine expansive Finanzpolitik und weniger strenge Schuldenregeln, sagt der Ökonom Olivier Blanchard bei der EZB-Konferenz in Sintra. Strukturreformen alleine genügten nicht, um das Wirtschaftswachstum zu beleben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.