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Umfrage zu Hate Speech : „Gewalt ist im Netz eine Alltagserfahrung“

Nicht nur in Deutschland ein Problem: Protest gegen Hass im Netz auf den Philippinen Bild: AP

Jeder zweite junge Europäer hat laut einer Umfrage schon mal Beleidigungen, Drohungen oder andere Formen von digitaler Gewalt erlebt. Viele geben deshalb an, sich aus Angst vor Hass seltener im Netz zu äußern.

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          Ob beleidigende Direktnachrichten, hetzerische Kommentare oder sogar das Weiterverbreiten von geklauten Nacktfotos: Jeder zweite Europäer zwischen 18 und 35 Jahren war schon mal von digitaler Gewalt betroffen. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Donnerstag veröffentlichte Umfrage der deutschen Beratungsorganisation HateAid und dem Landecker Digital Justice Movement. Über alle befragten Altersgruppen hinweg haben knapp 30 Prozent der Männer und rund 27,5 Prozent der Frauen angegeben, schon mal persönlich von digitale Gewalt erlebt zu haben. Für die nach Angaben der Macher repräsentative Studie wurden 2000 Menschen im Alter von 18 bis 80 Jahren aus allen EU-Staaten befragt.

          Julia Anton
          Koordinatorin „Gesellschaft“.

          Die hohe Zahl der Betroffenen habe sie überrascht, sagt HateAid-Geschäftsführerin Anna-Lena von Hodenberg gegenüber der F.A.Z. Bei einer vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft ausgewerteten Online-Studie mit deutschen Teilnehmern hatte 2019 lediglich jeder Zwölfte angegeben, schon mal von Hate Speech betroffen gewesen zu sein. Als mögliche Gründe für die Zunahme führt von Hodenberg unter anderen die Corona-Krise an: „Seit der Pandemie bewegen sich alle Altersgruppen deutlich mehr im digitalen Raum.“ Gerade viele junge Erwachsene arbeiteten überwiegend digital. „Aber auch die mangelnde Strafverfolgung und die willkürliche Löschpraxis der Plattformen haben der Verrohung Vorschub geleistet.“

          Mehr als zwei Drittel der Befragten haben zudem angegeben, bereits digitale Gewalt gegen andere beobachtet zu haben. „Während man auf der Straße selten Beleidigungen erlebt, ist das im Netz eine Alltagserfahrung, gerade für junge Menschen“, sagt von Hodenberg. In der Altersgruppe der 18- bis 35-Jährigen haben sogar mehr als 90 Prozent angegeben, mehrfach Zeugen digitaler Gewalt geworden zu sein.

          Vor allem Frauen äußern sich seltener aus Angst vor Hass

          Bei der Beratungsorganisation aus Berlin hält man es für wichtig, nicht mehr nur von Hass und Hetze, sondern von Gewalt zu sprechen. „Die Phänomene haben sich verbreitert. Wenn Nacktfotos oder Adressen geklaut und verbreitet werden, geht das über Hass und Hetze hinaus“, erklärt Anna-Lena von Hodenberg. In der Umfrage wird digitale Gewalt als „verschiedene Formen der Herabsetzung, Belästigung, Diskriminierung, sozialen Isolation und Nötigung anderer Menschen im Internet“ definiert, neben Beleidigungen und Hassrede umfasse dies auch Cyberstalking und das Versenden von Dick-Pics.

          Während Frauen und Männer in etwa gleich häufig berichteten, schon mal digitale Gewalt erlebt zu haben, zeigen sich große Unterschiede in den Folgen. Während von den männlichen Befragten etwa 43 Prozent angaben, ihre Meinung aus Angst vor Hass seltener zu äußern, waren es unter den Frauen sogar 52 Prozent. „Heute finden viele öffentliche Debatten im digitalen Raum statt, aus denen viele Menschen, insbesondere Frauen, durch digitale Gewalt systematisch verdrängt werden“, warnt von Hodenberg. Es beeinträchtige die Meinungsfreiheit, aber auch politisches Engagement und die Pressefreiheit, wenn Politiker und Journalisten sich aus Angst nicht mehr äußern. „Soziale Netzwerke sind keine Freizeitbeschäftigung mehr, sondern öffentliche Plätze, an die man gehen muss, etwa um zu arbeiten oder sich an Debatten zu beteiligen.“

          Digitale Gewalt gegen Frauen kennzeichne dabei eine Sexualisierung, also etwa Vergewaltigungsdrohungen oder das Verbreiten von geklauten oder gefakten Nacktbildern. In der Beratung habe man zudem die Erfahrung gemacht, dass von Frauen gemeldete Inhalte häufiger justiziabel sein. Auffällig sei dabei zudem, dass viele unterschätzten, wie viele Inhalte sie tatsächlich zur Anzeige bringen könnten.

          Bessere Kontrolle der Plattformen gefordert

          HateAid fordert deshalb vom Gesetzgeber, die Plattformen mehr in die Verantwortung zu nehmen. Auf EU-Ebene wird derzeit ein Vorschlag für ein Gesetz über digitale Dienste, der Digital Services Act, erarbeitet. „Plattformen müssen illegale Inhalte löschen und auch dafür sorgen, dass sie nicht mehr weiterverbreitet werden“, so von Hodenberg. Im Falle eines verbreiteten Nacktfotos etwa müssten Nutzer derzeit die Löschung jedes einzelnen Posts beantragen. Neben eines Point of Contact in jedem Land, an den Nutzer unkompliziert Klagen zustellen können, sei außerdem mehr Transparenz bei den Algorithmen nötig. „Die Plattformen heben bestimmte Personen und Positionen besonders hervor. Nach welchem Kriterien geschieht das?“, fragt die HateAid-Geschäftsführerin. In der Umfrage gaben auch 80 Prozent der Nutzer den Wunsch an, die Algorithmen der Plattform besser steuern zu können. Ebenso viele beklagten, dass die Plattformen die Nutzer nicht ausreichend vor digitaler Gewalt schützten.

          Erst Mitte Oktober hatte ein Bericht der ehemaligen Facebook-Mitarbeiterin und Whistleblowerin Frances Haugen ein Schlaglicht auf Facebook und seine Algorithmen geworfen. Die Amerikanerin berichtete von Studien von Facebook, die zeigten, dass mit hasserfüllten Inhalten Nutzer leichter zu Engagement wie Likes und Kommentaren zu animieren seien. Dieses Engagement wiederum sei ein wichtiges Kriterium für den Algorithmus – Facebook fördere entsprechende Inhalte also bewusst. Zudem wisse der Konzern, dass derzeit viele problematische Inhalte mit seinem System nicht erkannt und gelöscht werden.

          „Wir müssen unsere Grundwerte auch im Netz wahren“, fordert Anna-Lena von Hodenberg. Bis der Gesetzgeber und die Plattformen tätig werden, könne auch die Zivilgesellschaft ihren Teil betragen: „Vielen Betroffenen hilft es, wenn sich jemand öffentlich an ihre Seite stellt und sie beim Erstatten von Anzeigen unterstützt.“ In einer Demokratie müsse gelten: „Ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf uns alle.“

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