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Hassfigur aus dem Harz : „Knöllchen-Horst“ muss zehn Euro zahlen

  • -Aktualisiert am

Horst-Werner Nilges vor Gericht: 15.000 Falschparker brachte „Knöllchen-Horst” zur Anzeige Bild: ddp

Horst-Werner Nilges hat 15.000 Autofahrer wegen Falschparkens angezeigt. Am Dienstag stand er in Herzberg vor Gericht - und wurde wegen Tempo-Verstoßes verurteilt.

          Um 14.25 Uhr betritt er den größten Gerichtssaal im Welfenschloss von Herzberg. Horst-Werner Nilges wird zur Last gelegt, am 10. März am Ortsrand von Herzberg die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 50 Kilometer in der Stunde um zehn Kilometer pro Stunde überschritten zu haben. Das Bußgeld von zehn Euro plus 23,50 Euro Verwaltungsgebühr zahlte er nicht. Er legte vielmehr Einspruch ein. Nun wird die Sache vor dem Amtsgericht Herzberg verhandelt. Das wäre nicht des Aufhebens wert, wenn der Frührentner Horst-Werner Nilges nicht berühmt wäre - als „Knöllchen-Horst“.

          Dieser Mann, der mit dem zartesten Lächeln den Saal betritt, hat ein Hobby, das ihn im Harz zur Hassfigur macht. Täglich schreibt er die Kennzeichen falsch parkender Autos auf, um die Ordnungswidrigkeiten der Polizei zu melden. Horst-Werner Nilges wohnt in Badenhausen, 2000 Einwohner, Samtgemeinde Bad Grund, Landkreis Osterode am Harz, Bundesland Niedersachsen. Die Bußgelder müssen aber meist die Bewohner von Osterode zahlen, wo der Ordnungshüter von eigenen Gnaden regelmäßig beim Cappuccino über Falschparker „stolpert“, wie er einmal in RTL sagte.

          15.000 Falschparker angezeigt

          Die Osteroder zahlen es Nilges heim: In manchen Cafés hat er Hausverbot. Auf seinem täglichen Rundgang durch die Stadt wird er von feindseligen Blicken der Einwohner begleitet. Nilges, 56 Jahre alt, ein ehemaliger Maschinenbautechniker, der früher auch Taxi gefahren ist, bleibt ruhig, grinst und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen: „Die Leute sollen sich über sich selbst ärgern!“ Die Morddrohungen auf seinem Anrufbeantworter überhört er, die Schäden an seinem Auto bringen ihn nicht von seinem liebsten Hobby ab. Täglich entdeckt er Falschparker. Seit 2004 hat er rund 15.000 zur Anzeige gebracht. Einmal hatte er der Polizei gemeldet, dass ein Rettungshubschrauber auf einem Gehweg gelandet war und behindernd parkte. Das allerdings, so meinte er, sei ein Scherz gewesen.

          In Herzberg stellt sich der Beschuldigte am Dienstag selbstbewusst der Öffentlichkeit, lässt die Fotografen blitzen und die Kameraleute filmen. Im beigefarbenen Poloshirt mit braunen Querstreifen, das locker über die Hose hängt, blickt er mal ernst, mal freundlich in die Objektive und winkt einigen Zuschauern im Saal zu. Sein Anwalt teilt dem Richter mit, dass er keine Angaben zur Sache machen werde. Horst-Werner Nilges setzt sogleich nach: „und zur wirtschaftlichen Situation auch nicht“.

          Nilges übernimmt das Verhör

          Dass Nilges zu schnell fuhr, kommt nicht zur Sprache. Denn der Anwalt zieht in Zweifel, dass die Videoaufnahme von der Geschwindigkeitsübertretung rechtmäßig entstanden ist. Die Kamera laufe permanent, filme jeden Verkehrsteilnehmer. Solche verdachtsunabhängig gefertigten Aufnahmen dürften nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts nicht ausgewertet werden. Nur verdachtsabhängig gefertigte Bilder sind verwertbar. Die Zeugin, eine Verwaltungsfachangestellte, hat die Ordnungswidrigkeit mit einer Messanlage aus einem Fahrzeug heraus festgestellt. Sie beteuert, sie filme verdachtsabhängig und schalte die Kamera ein, wenn sie vermute, dass ein Fahrzeug zu schnell fahre. Der Anwalt insistiert: Wie sie die geringe Differenz von zehn Kilometern pro Stunde mit dem bloßen Auge wahrnehmen wolle? Die Frau erwidert: „Man macht das schon länger, hört die Rollgeräusche, hat einen Eindruck und Berufserfahrung.“

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