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Sexskandal in Hollywood : Entmachtet die Despoten!

Gefürchtet, gehasst und extrem erfolgreich: Produzent Harvey Weinstein Bild: dpa

Von sexuellem Missbrauch mag nicht jeder gewusst haben, von Harvey Weinsteins Schreckensherrschaft als Chef aber schon. Warum lässt man Leute wie ihn gewähren?

          Es ist gut, dass Harvey Weinstein aus dem Verkehr gezogen worden ist. Dass der Produzent in Hollywood nie wieder eine wesentliche Rolle spielen wird, dass er nie wieder einer jungen Schauspielerin, die voller Hoffnung auf eine Kinokarriere zu ihm kommt, seelisches und körperliches Leid zufügen wird. Was Weinstein angerichtet hat, wird jedoch weder er selbst wiedergutmachen können noch das System aus Freunden, Günstlingen und Geschäftspartnern, das ihn so erschreckend lange gedeckt hat.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dass er Frauen sexuell bedrängt, genötigt und missbraucht hat, darüber, so heißt es, habe es in Hollywood stets Gerüchte gegeben. Seine Mitwisser, seine Opfer und deren Vertraute aber schwiegen. Nachdem sich die ersten mutigen Frauen hervorgewagt haben, schütten nun immer mehr Menschen ihr Herz aus, täglich gelangen neue Horrorgeschichten über Weinstein an die Öffentlichkeit, und immer mehr Hollywood-Größen bekennen, nicht nur von Gerüchten gewusst zu haben. „Ich habe genug gewusst, um mehr zu tun, als ich getan habe“, hat Quentin Tarantino gesagt. Das „Schweigekomplott“, wie es die nach eigenen Angaben mehrfach von Weinstein bedrohte und belästigte Oscar-Preisträgerin Lupita Nyong’o genannt hat, ist gebrochen, und immer häufiger hört man auch den Satz, dass Weinstein in Hollywoods jüngerer Vergangenheit vielleicht der schlimmste Sittenstrolch, aber längst nicht der einzige war.

          Weinstein war ein ekelhafter Despot

          Selbst wenn man über seine sexuellen Schandtaten nicht reden konnte oder wollte: Zu erzählen gab es über Harvey Weinstein immer noch genug. Was jeder, und in Hollywood anscheinend wirklich jeder, wusste: Weinstein war nicht nur gegenüber Frauen, die in sein Beuteschema passten, ein Ekel. Er war auch ein bisweilen schrecklicher Chef und Geschäftspartner. Hierüber gab es nie ein Schweigekomplott. Weinstein war gefürchtet für seine Launen und Wutanfälle, er konnte aus heiterem Himmel herumbrüllen, fluchen, seine Mitarbeiter beschimpfen, seien es Männer oder Frauen; er war rüde und rücksichtslos, vulgär, arrogant, manipulativ, despotisch. Gläser, Aschenbecher, sogar Familienfotos im Bilderrahmen konnten angeblich bei ihm zu Wurfgeschossen werden. Doch Weinstein war erfolgreich, extrem erfolgreich, und manche glaubten offenbar, dies hinge untrennbar mit all dem anderen zusammen.

          „Andere stoßen Ihnen ein Messer in den Rücken, Harvey stößt es Ihnen in die Stirn“, sagte Christoph Waltz 2013 dieser Zeitung. Es war als Kompliment gemeint. Verhält sich jemand derart indiskutabel und ist kein armseliger Straßengangster, sondern ein Chef, dann finden sich für sein Treiben zahlreiche Euphemismen: streitbar, von seiner Sache besessen, dynamisch, durchsetzungsfähig, ein Alphatier, ein Patriarch, ein Exzentriker. Oder auch einfach: männlich.

          Das Männerbild, das sich hier offenbart, könnte kaputter nicht sein, und angesichts der nun massenhaft bekanntgewordenen Missbrauchsvorwürfe bleibt die eigentlich wenig überraschende Erkenntnis, dass ein Arschloch sich als Arschloch erweist.

          Natürlich, das bezeugen ebenfalls viele, konnte Weinstein auch ganz anders sein. Charmant, geistreich, der Mittelpunkt jeder Party. Das hat man häufig bei Leuten mit einem verheerenden Ruf als Menschenschinder: Jede nette Geste, jedes freundliche Wort, das sie einem zuteilwerden lassen, wird von den Geschundenen wie eine große Gnade erfahren. Nach solchen Momenten werden sie gieren und dabei mehr und mehr zu Kriechern und Duckmäusern werden.

          Das Drangsalieren von Untergebenen und das Bedrängen von Frauen, so weit ist das nicht voneinander entfernt: Beides ist ein Missbrauch von Macht. Und das eine kann durchaus den Keim für das andere bilden. Gewiss kann sexueller Missbrauch auch vom lockeren Kumpeltyp ausgehen, auch vom introvertierten Aktenhengst; am niedrigsten aber dürfte die Schwelle für denjenigen sein, der es gewohnt ist, sich auch sonst alles herausnehmen zu dürfen. Wer nichts und niemanden respektiert, der respektiert auch keine jungen Frauen.

          „Er kann dein fürchterlichster Albtraum sein“

          Ein Fünfjähriger wird die Trümmer des Spielzeugs, das er in einem Wutausbruch gegen die Wand gefeuert hat, selbst wieder aufräumen müssen, sofern die Eltern einen Funken erzieherischen Verstandes besitzen. Ein Firmenchef hat dafür seine Assistenten oder Sekretärin; ihn zu erziehen, versucht niemand mehr. Und das ist ein großer Fehler.

          Um es klar zu sagen: Kein cholerischer Anfall im Angesicht eines Mitarbeiters ist zu vergleichen mit sexuellem Missbrauch. Und doch sollte eine Gesellschaft, die den Missbrauch bekämpfen will, auch andere Unsitten nicht tolerieren. Wer straffe Hierarchien verwechselt mit dem Ausüben einer Terrorherrschaft, der darf dafür keine Bewunderung mehr ernten. Wer pöbelt, schreit und andere demütigt, gehört nicht in den Chefsessel, sondern auf die Couch des Psychologen. Man muss es sich vor Augen führen: Wäre Weinstein nun nicht über seine sexuellen Verfehlungen gestürzt, er würde seine Untergebenen weiter quälen – und viele würden das ganz normal finden. Vielleicht, weil es in vielen, vor allem von Männern geführten Firmen auch ganz normal ist.

          Im Jahr 2012, als Harvey Weinstein vom „Time“-Magazin zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Erde gekürt wurde, schrieb sein langjähriger Bekannter Johnny Depp über ihn: „Er kann dein fürchterlichster Albtraum sein und dein engster Freund.“ Es ist an der Zeit, solche Albträume zu beenden.

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