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Harfenistin Silke Aichhorn : „Waschen Sie sich die Hände, dann dürfen Sie auch mal zupfen!“

„Harfe ist ein bisschen wie Ballett. Das Klischee erwartet eher eine Frau.“ Gegen solche Vorbehalte kämpft die Harfenistin Silke Aichhorn an. Bild: Jan Roeder

Silke Aichhorn ist eine der bekanntesten Harfenistinnen Europas – und spielt mit Vorliebe auf Beerdigungen. Im Interview spricht sie über ihren Kampf gegen Geschlechter-Klischees und ihre Mission, die Harfe bekannter zu machen.

          Frau Aichhorn, Sie haben nach einem Handbruch im vergangenen Jahr ein Buch über Skurriles aus Ihrem Leben als Profi-Harfenistin geschrieben. Es ist so launig, dass man glatt vergisst, dass die Harfe ein in jeder Hinsicht schweres Instrument ist. Wie schwer tatsächlich?

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Meine Harfe wiegt 40 Kilo. Man spielt sie mit Händen und Füßen, es gibt sieben Pedale. Damit das Publikum das sieht, sage ich immer in meinen Konzerten: Kommen Sie, schauen Sie, waschen Sie sich die Hände, dann dürfen Sie auch mal zupfen.

          Kann man da nichts kaputtmachen?

          So viel Fingerkraft wie ich haben die wenigsten Konzertbesucher.

          Man braucht Kraft?

          Aber hallo! Die Harfe hat eine Zugspannung von 1,5 Tonnen, die muss man erst mal in Bewegung bringen. Erschwerend kommt hinzu, dass man beim Spielen gerne mal nur auf einer Pobacke sitzt, beide Beine in der Luft, die Harfe auf der Schulter. Die Harfe ist ein sehr athletisches Instrument, bei dem man immer genau wissen muss, was man tut, wenig läuft dabei rein intuitiv ab. Bei allen anderen Instrumenten verknüpft das Gehirn leichter einen Klang mit einem bestimmten Griff oder einer Position. Das ist bei der Harfe leider nicht so. Da sich alle Saiten gleich anfühlen, muss man permanent mit Hilfe der Augen kontrollieren, ob man überhaupt auf der richtigen Saite ist. Dazu hat man auch noch auf jeder Saite je nach Pedalstellung drei verschiedene Töne, die sich aber alle gleich anfühlen. Einfach erklärt: Eine Harfe ist wie ein Klavier mit weißen Tasten, je nach Stellung der Pedale klingen die Saiten wie eine schwarze Taste, fühlen sich aber an wie eine weiße...

          Ich höre heraus: Auf die Hand-Augen-Koordination kommt es an.

          Wenn jemand gut mit Bällen umgehen kann, dann kann er sich auch auf der Harfe zurechtfinden. Was nicht vonnöten ist, was aber oft mit der Harfe verbunden wird, ist ein ätherisches Wesen, das in den Raum schwebt und dann zart die Harfe streichelt – eben nicht! Auch unter den Superstars der Branche werden Sie keinen finden, der sein Spiel mit seligem Lächeln vorträgt.

          Gibt es unterschiedliche Technikschulen?

          Ja! Es ist wie beim Skifahren: Die einen fahren so, die anderen so – und jeder findet seine Methode die beste. Ich habe aber einige Sachen definitiv falsch gelernt und musste mühsam umlernen. Zum Beispiel habe ich früher mit durchgedrückten Fingern gespielt. Das ist so falsch wie mit durchgedrückten Fingern zu klettern. Es besteht erhöhte Gefahr, den Knorpel zu schädigen, man kann nicht so laut und auch nicht so schnell spielen.

          Sie haben keine gesundheitlichen Probleme?

          Nein! Ich habe das wahnsinnige Glück, dass ich 1,83 Meter groß bin und mich mit den großen Händen und den langen Armen nicht die ganze Zeit überstrecken muss. Das ist für kleinere Harfenspieler oft mühsamer.

          Die könnten doch eine kleinere Harfe nehmen.

          Mit der Harfe ist es wie mit einem Formel-1-Auto: Man braucht schon einen gewissen Hubraum, damit man vorne mitspielen kann.

          Ist was dran an dem Klischee, dass vor allem Frauen Harfe spielen?

          Harfe ist ein bisschen wie Ballett. Das Klischee erwartet eher eine Frau. Aber es gab und gibt immer auch tolle Männer an der Harfe. Diese werden heute gerne gehypt, nach dem Motto: „Wenn schon ein exotisches Instrument, dann bitte auch gleich noch mit Mann!“ Es gibt einen sehr berühmten Harfenisten, der hatte eine Zeitlang im Lebenslauf stehen, er wolle die Harfe endlich aus dem seichten Tal der langen Haare befreien... Was soll man da noch sagen? Anscheinend traut man einer Frau nach wie vor nicht zu, dieses Instrument seriös zu bedienen und dafür bekannt zu sein.

          Wie berühmt sind Sie?

          Unter den Solistinnen gehöre ich sicher zu den bekanntesten in Europa. Aber das ist wie bei Profi-Ruderern: Die kennt auch kaum einer.

          Sie kommen aus Bayern. Mögen Sie Volksmusik?

          Unbedingt. Ich selbst bin aber keine ausgewiesene Volksmusikerin – meine frühere Lehrerin hat das abgeblockt. Das sei unter unserer Würde. Mittlerweile spiele ich in Konzerten oft ein Volksmusikstück als Zugabe, da geht den Zuhörern das Herz auf.

          Warum spielen Sie nicht in einem Orchester?

          Ich habe viel in Orchestern gespielt, auch an großen Häusern. Aber ehrlich: Mich macht das nicht glücklich, ich bin kein guter Teamplayer, sondern ein typischer Freiberufler. Als Orchester-Harfe muss man unglaublich viel Geduld und super Nerven haben. Man hat in vielen Werken sehr wenig zu spielen, sitzt und sitzt und sitzt, dann spielt man ein paar Töne, dann sitzt man wieder eine halbe Stunde. Das ist wie in der Registratur in einem Amt, da kommt auch alle halbe Tage mal was rein, und dann ist wieder Ruhe. Ich kann so nicht arbeiten, bewundere aber die Menschen, die das gerne und gut machen.

          Die Pauke hat auch nicht so viel zu tun.

          Aber sie gehört wenigstens zur coolen Schlagwerkgruppe. Die Harfe hingegen ist meistens alleine, man muss alle Entscheidungen selbständig treffen. Oft wird man dann auch noch vom Dirigenten im Stich gelassen. Wenn zum Beispiel die Geigen 17 Takte Pause haben, bekommen sie natürlich ihren Einsatz. Wenn aber die Harfe 358 Takte Pause hat, kann sie sich selbst zusammensuchen, wann sie wieder dran ist. Dann macht sie einmal drrrt, und alle sagen, huch, Harfe ist auch dabei.

          Gibt es Solokonzerte für Harfe und Orchester?

          Leider nicht viele. Unser Problem ist: Wir haben keinen Tschaikowsky, keinen Beethoven, keinen Brahms. Ich merk das auch bei meinen Konzerten. Da sagt der Veranstalter: Naja, Elias Parish-Alvars, wer soll denn das sein? Was schreib ich denn da aufs Programm? Ich sag dann: Schreiben Sie Harfe drauf, dann kommen die Leute.

          Verbinden Sie mit dem Harfenspiel auch ein volkspädagogisches Ansinnen?

          Meine Mission ist es, die Harfe bekannter zu machen, sie zu entstauben, das Bild geradezurücken, das viele mit ihr verbinden: Weihnachten, Frohlocken, Kleid, Frau, kann also nicht so schwer sein.

          Was verlangen Sie als Gage?

          Nach oben offen, nach unten zu diskutieren... Nein, im Ernst: Mein Prinzip ist, von drei Faktoren müssen zwei gegeben sein: gut für die Karriere, gut für den Spaß, gut für die Kohle.

          Was trifft auf den Neujahrsempfang des bayerischen Ministerpräsidenten zu?

          Alle drei Faktoren.

          Während des Defilees haben Sie dort den Leuten, die für einen Neujahrsgruß von Markus Söder Schlange standen, das Warten versüßt. Ist das schwierig?

          Es ist zumindest nicht einfach, drei Stunden am Stück zu spielen und jedem der Defilierenden das Gefühl zu geben, man mache das nur für ihn. Ich muss auch immer so gut spielen, dass ich vor jemandem bestehen kann, der sich wirklich auskennt – man weiß ja nie, wer bei einem Neujahrsempfang so eingeladen ist. Mein Konzert bei Papst Benedikt XVI. im Vatikan habe ich zum Beispiel diesem Defilee zu verdanken. Mir ist es auch schon passiert, dass mich ein Herr bei einer Background-Mugge auf die Schulter tippte und sagte: Sie spielen aber schön, schicken Sie mir doch mal was: an Herrn soundso, Oper Frankfurt. Zwei Wochen später kam ein Brief vom Intendanten persönlich zurück. Er hat mich dann tatsächlich für zwei Konzerte eingeladen, was schon sehr lässig war.

          Sie spielen neben ihren vielen Konzerten und kabarettistischen Lesungen auch bei Hochzeiten und Beerdigungen. Was ist Ihnen lieber?

          Unbedingt Beerdigungen. Die Harfe ist in solchen Momenten wunderbar für die Seele. Viele sagen mir danach, danke, ich hätte Ihnen gerne noch Stunden zugehört, nach Tagen konnte ich wieder einmal durchschnaufen. Das kann die Harfe wie kein anderes Instrument: Ruhe reinbringen in den Wahnsinn der Welt. Bei Hochzeiten ist das ganz anders: Mittlerweile machen sich viele Brautpaare so einen Druck, dass der schönste Tag des Lebens auch ultraperfekt sein muss. Wenn man dann als Harfenistin erst mal 50 Wochen lang in E-Mails Musikvorschläge und -wünsche diskutieren muss, wird mir das definitiv zu viel. So viel Bohei – und dann lassen sie sich oft gleich wieder scheiden.

          Trotz Harfe – die gilt ja als das himmlische Instrument schlechthin.

          Die Harfe ist eines der ältesten Instrumente der Menschheit, ein Kulturgut, sie kommt in vielen Kirchenliedern vor, überall findet man in Kirchen Engel mit einer Harfe in der Hand. Viele kennen die Geschichte, wie David König Saul etwas auf der Harfe vorspielt und ihn mit seiner Musik tröstet – die Harfe ist etwas Besonderes. Dafür schleppe und karre ich gerne auch die 40 Kilo durch die Gegend.

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