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Ein Betroffener berichtet : Warum für mich die Mauer schon vier Jahre früher fiel

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„35 Jahre lang hat mich diese Geschichte kaum interessiert“: Autor Stutte im Oktober vor der Leipziger Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde. Bild: Harald Stutte

1984 versuchte unser Autor im Alter von 19 Jahren aus der DDR zu fliehen. Er wurde gefasst, saß im Knast, wurde freigekauft. Erst jetzt hat er seine Stasi-Akte eingesehen.

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          Der erste Gewinner an diesem sonnigen Oktobermorgen ist schnell gefunden: meine Eitelkeit. „Ja, das ist wirklich ein beachtlicher Aktenstapel“, bestätigt mir die freundliche Mitarbeiterin der Leipziger Außenstelle des BStU, des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Und fügt hinzu: „So eine Aktenmenge ist eher die Ausnahme.“ Auf einem kleinen Rollwägelchen liegen gut neun Kilo Papier, verteilt auf acht Ordner. Meine Jugend, mehrere tausend Seiten, abgeheftet in Mappen unterschiedlicher Farbe und Dicke. Eigentlich könnte ich wieder gehen, nachdem ich erfahren habe, wie umfassend sich das paranoide System des ehemaligen Stasi-Spitzelapparats mit mir beschäftigt hat. Doch wenn ich schon mal hier bin, in der „Runden Ecke“, der ehemaligen Bezirkszentrale der Stasi meiner alten Heimatstadt Leipzig, warum nicht ein bisschen Akten schmökern. Kann ja nicht schaden – oder doch? Viel wurde berichtet, über das vergiftete Erbe der SED-Diktatur, über Akten, aus denen hervorging, dass Freunde, Familienmitglieder, sogar Ehepartner im Dienste dieses verdorbenen Systems gespitzelt und Menschen zerstört haben. Es also doch lieber sein lassen?

          35 Jahre lang hat mich diese Geschichte kaum interessiert. Weil ich die Gegenwart in dieser bunten Republik, in Europa und der Welt viel spannender fand als das Wühlen in der tristen Vergangenheit dieser farblosen, spaßbefreiten DDR. Weil diese 19 Jahre, die ich bis 1984 in der DDR zugebracht habe, in meinem heutigen Leben eigentlich keine Rolle spielen. Zuguterletzt: weil ich die Beschäftigung mit der DDR insgesamt irgendwie unsexy fand. Doch heißt es nicht, dass Menschen mit zunehmendem Alter dazu neigen, sich auf mentale Zeitreise zu begeben, zurück zu den Wurzeln des eigenen Ichs? Tatsächlich habe ich einen Antrag auf Akteneinsicht erst gestellt, als die Diskussion um die Abwicklung der Stasi-Unterlagenbehörde Fahrt aufnahm und die Befürchtung im Raum stand, die Akten könnten in ominösen Bundesarchiven verschwinden – unauffindbar für den einzigen Menschen, den sie je wirklich interessieren könnten: mich. Und so erreichte mich im Zuge des Antrags ein Anruf der Stasi-Unterlagenbehörde ausgerechnet im Vorfeld dieses omnipräsenten Mauerfall-Jubiläums. Er klang wie: Hallo, ich bin es, deine Vergangenheit.

          Kein Hindernis mehr: mit dem Fall der Berliner Mauer war Ostdeutschen der Weg nach Westen offen; oder Westdeutschen der Weg nach Osten.

          Was diese Vergangenheit so spannend machte – für das damalige Ministerium für Staatssicherheit zumindest –, war allein die Tatsache, dass ich, wie man das im DDR-Sprech nannte, „rübermachen“ wollte, in den Westen gehen, flüchten – zu einer Zeit, als „Flucht“ oder „Flüchtling“ noch eine komplett andere Bedeutung hatten als heute. Wir waren damals eine renitente Schulklasse, hatten gerade das Abitur gemacht – zusammen mit drei Freunden wollte ich in den Sommerferien 1984 nur noch weg. Während es einer der Freunde über Ungarn in die Bundesrepublik schaffte, scheiterten wir anderen an Bulgariens Südgrenze zur Türkei. Fünfeinhalb Monate Untersuchungshaft im Leipziger Stasi-Knast schlossen sich an, anschließend acht Monate im Strafvollzug in Naumburg inklusive Möbelproduktion für Ikea.

          Eigentlich ein simpler Vorgang – zwei Teenager wollten weg. Doch für das auf Misstrauen gegen jedermann basierende Spitzelsystem des damaligen Stasi-Ministers Erich Mielke war selbst der dilettantische Fluchtversuch von Halbwüchsigen eine Art Staatsaffäre. Vier Monate Dauerverhör, Hunderte Seiten Verhörprotokolle, Hausdurchsuchungen und Recherchen im Verwandten- und Freundeskreis.

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