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Harald Schmidt zum 60. : Seitdem ist uns das Lachen vergangen

Harald Schmidt beim Interview mit unserem Autor 2013 Bild: Daniel Pilar

Harald Schmidt wird heute 60 Jahre alt. Ohne seine legendäre Late-Night-Show ist der späte Abend nicht mehr viel wert.

          3 Min.

          Von Harald Schmidt sind wir im Grunde nur einmal enttäuscht worden. Es muss 1996 gewesen sein, wir waren damals in der elften Klasse, und Schmidt hatte schon seine Late-Night-Show auf Sat.1. Er legte einen Wettbewerb auf: Wer das lustigste Video zur Fußball-EM in England einsende, der dürfe für die Show von dort berichten. Wir holten sofort zusammen mit einem Freund die Kamera von dessen Vater raus und drehten am heimischen Esszimmertisch einen Film, der – zumindest in der Erinnerung – wirklich superlustig war. Doch am Tag der Bekanntgabe der Sieger saßen plötzlich zwei sehr hübsche Mädels auf den Sesseln neben Schmidts Tisch, damals noch im Kölner Capitol, und wir hatten zu Hause vor dem Fernseher irgendwie den Eindruck, dass es ihm gar nicht um die Qualität der eingesandten Humorarbeiten gegangen war.

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Natürlich hat Schmidt trotzdem weiter den Rhythmus unserer Wochentage bestimmt: nie ins Bett vor 0.15 Uhr, dem Ende der Show. Man kann es sich heute kaum mehr vorstellen – aber auch damals balancierte die Welt schon am Abgrund: zu hohe Lohnnebenkosten, Rinderwahn, schlechte Musiktexte, dicke Kinder und dann noch der ganze Kommerz. Schmidt hat die Dinge geordnet und geerdet, man konnte ohne Verspannungen im Nacken und mit einem Lächeln auf dem Gesicht einschlafen.

          Später, als er immer kürzer trat und irgendwann verschwand, meldeten sich frühere Weggefährten und Sherpas wie Herbert Feuerstein, Manuel Andrack oder Benjamin von Stuckrad-Barre kritisch zu Wort. Schmidts angebliche menschliche Schwächen wurden ausgebreitet, wobei unter den Exegeten Uneinigkeit herrschte, ob sie seine Kunst eher befördert oder begrenzt hätten. Wie Schmidt „als Mensch“ ist, können wir nicht beurteilen. Aber die beiden Male, die wir ihn zum Interview getroffen haben, war er höflich, unprätentiös und wahnsinnig unterhaltsam – fast noch besser als in seiner Show.

          Frühere Weggefährten: Harald Schmidt und Herbert Feuerstein bei „Schmidteinander“ 1991 Bilderstrecke
          Frühere Weggefährten: Harald Schmidt und Herbert Feuerstein bei „Schmidteinander“ 1991 :

          Schmidt ist erklärtermaßen nicht besonders fleißig. Es war klar, dass er keine Lust haben würde, die Interviews aufwendig zu autorisieren. Dass er dann aber in gut 1000 Zeilen Text, also bei mehr als 40.000 Zeichen, nur einen einzigen Buchstaben änderte, könnte entweder ein guter Witz gewesen sein oder aber ein Hinweis darauf, dass er sich selbst nicht auf die Goldwaage legt, geschweige denn jedes seiner Worte.

          Es gibt die Auffassung, dass nicht nur er selbst unmenschlich, nicht von dieser Welt sein könnte, sondern auch seine Kunst. Das Gegenteil ist der Fall: In Schmidts programmatischem Verzicht auf jeden moralischen Anspruch schlummert das Wissen um dessen Lächerlichkeit und Gefährlichkeit. Das intensive Studium der anderen und wohl auch seiner selbst hat ihn zu der sehr menschlichen Erkenntnis gebracht, dass noch im Allergrößten ein kleines Menschlein wohnt, das sich morgens seiner Nasenhaare schämt, abends seiner Blähungen und irgendwann tot ist.

          Dabei ist die Banalität des Daseins für Schmidt weniger bedrohlich als tröstlich: „Ich bin vor einiger Zeit spazieren gegangen“, sagte er uns 2013, „da hab’ ich den Notarztwagen gesehen, in dem gerade der Chef der Uni Bayreuth, der Guttenberg den Doktortitel aberkannt hat, weggefahren wurde. Tot, von der Straßenbahn überfahren. Da ist es doch sinnlos, sich mit Europas neuer Erzählung zu beschäftigen. Da sage ich lieber: ,Ich nehm’ noch ’nen Cappuccino.‘“

          Böhmermann ist kein adäquater Ersatz

          Das Verglühen auf offener Bühne war nicht immer leicht mitanzusehen. Wenn er seine Show im Dunkeln moderierte, konnte man das sofort als Avantgarde begreifen. Lustlosigkeit jedoch weist irgendwann nicht mehr über sich selbst hinaus. Heute, da man Schmidt noch ab und an im „Traumschiff“ sehen kann, gibt es Jan Böhmermann. Während Schmidts Kosmos bevölkert war von Leuten wie Peter Stein, Alkibiades oder den Brüdern Goncourt, arbeitet sich Böhmermann an Max Giesinger ab. Dem Nachgeborenen ist zweifellos schon mancher schöne Streich gelungen – so schafft er es, von seinem drittklassigen Stand-up-Intro abzulenken. Aber Böhmermann ist kein adäquater Ersatz. Das zeigen auch die großartigen Amerikaner, die jeden Abend Donald Trump in seine Einzelteile zerlegen. Stephen Colbert erinnert schmerzlich an Schmidts beste Zeiten.

          Als Harald Schmidt 2003 seine „kreative Pause“ ankündigte, schrieb Roger Willemsen einen sehr schönen Text über ihn. „Vielleicht hat ihn etwas eingeholt, das nicht mehr sendungskompatibel ist, der Ernst des Lebens zum Beispiel, wäre das nicht ein Witz?“ Wir haben Schmidt später mal gefragt, ob es nicht witzig sein könnte, ein komplett ernstes Interview mit ihm zu machen, ohne jede Pointe. Da sagte er: „Was Ernsthaftigkeit in meinem Fall bedeuten sollte, wüsste ich gar nicht.“ An diesem Freitag wird Schmidt 60 Jahre alt. Ernst Jünger hatte da noch 42 Jahre vor sich.

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