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Harald Schmidt im Gespräch : „Ich bin eine Charaktermaske“

„Ich habe mal gelesen, Elfriede Jelinek habe über mich gesagt, ich sei eine Charaktermaske“, sagt Harald Schmidt. „Da habe ich gleich eine Flasche Jahrgangs-Cuvée aufgemacht und das Wort nachgeschlagen.“ Bild: Daniel Pilar

Er ist einer der letzten Heterosexuellen, die noch Kinder adoptieren würden, er fordert uneingeschränkte Solidarität mit Rainer Brüderle und würde seine Show selbst dann weitermachen, wenn niemand sie mehr sähe: Ein Gespräch mit Entertainer Harald Schmidt.

          Herr Schmidt, der Literaturkritiker Fritz J. Raddatz hat sich an dieser Stelle vor ein paar Monaten über die angebliche Unsitte meiner Generation aufgeregt, „die Jeans auf den nackten Arsch zu ziehen“. Ist Ihnen das auch schon unangenehm aufgefallen?

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Ich weiß nicht, welcher Lebensmensch das dem legitimen Erben Tucholskys erzählt hat. Ich habe das noch nicht beobachtet, aber ich bin ja auch heterosexuell, sozusagen einer der wenigen, die noch traditionell adoptieren. Oder es gleich selbst machen. Ich kann aber erahnen, wovon Fritz J. Raddatz spricht, weil ich ja im Showgeschäft bin. Mir sagen homosexuelle Mitarbeiter, man wird heutzutage gegen vier Uhr morgens im Darkroom mit dem Satz begrüßt: „Ich bin unterhalb der Nachweisgrenze, lass uns feiern.“ Wer da Jeans oder auch nur Unterhose trägt, der ist so was von Eighties, der liest auch noch Günter Grass.

          Über welche stilistischen Absonderlichkeiten regen Sie sich auf?

          Aufregen hat so etwas Bemühtes. Wenn mir einer Kirschsaft aufs Kaschmirjackett kippt, dann rege ich mich nicht auf, sondern schmeiße das Jackett weg und nehme ein anderes aus dem Schrank.

          Fanden Sie es stillos, dass sich Ihre früheren Mitarbeiter Herbert Feuerstein und Manuel Andrack vor einiger Zeit im „Spiegel“ über Sie ausgelassen haben?

          Da greift der Satz von Tocotronic: „Was Du auch machst, mach es nicht selbst.“ Das heißt in dem Fall: Das Interview führten Andrack und Feuerstein für mich, und zwar unentgeltlich. Ich hab’ nämlich gar nicht die Zeit, mit den Lohnschreibern vom „Spiegel“ zu reden, die ja eigentlich ein Interview mit mir und Gottschalk machen wollten.

          Sie sind den beiden also nicht böse?

          Überhaupt nicht. Feuerstein darf sowieso alles. Er ist sozusagen mein Mastermind, durch den ich Late Night überhaupt erst kennengelernt habe. Dass er mich in dem Interview mit afrikanischen Diktatoren verglichen hat, hat mir geschmeichelt, denn Feuerstein kennt Afrika sehr gut.

          Andrack sagte, Sie träten Leute, die auf dem Boden liegen, nicht, sondern sprängen auf sie drauf.

          Das ist, wie wenn Sie über einen Erfolgstrainer sagen: Der ist so brutal. Mich interessiert das nur, wenn es einer sagt, während er Tag für Tag mit am Tisch sitzt. Andrack saß acht Jahre mit am Tisch, er hat nur davon profitiert und nie geklagt. Er hat aber auch Pech gehabt, weil er in dem Interview quasi groß ankündigte, dass es das für mich gewesen sei, und zwei Tage später kam ich dann mit dem neuen Sky-Deal um die Ecke.

          Feuerstein sagte, Sie seien kein Mensch.

          Das kann er nur nietzscheanisch gemeint haben. Drunter würde Feuerstein nie gehen, obwohl er mir gegenüber mal die Vermutung geäußert hat, er sei der uneheliche Sohn von Hitler. Zeitlich könnte es hinkommen – und er stammt ja auch aus der Nähe des Obersalzberges.

          Ihren früheren Partner Oliver Pocher haben Sie als „adipöses Ex-Talent“ bezeichnet, auch Gottschalk haben Sie in letzter Zeit nicht immer nett behandelt. Ist das nicht unter Ihrem Niveau?

          Man kann nicht permanent auf dem eigenen unerreichbaren Level sein. Was Gottschalk betrifft: Er kennt die Spielregeln des Gebens und Nehmens sehr genau. Und wenn der populärste Entertainer der letzten 30 Jahre so ans Netz geht, tennismäßig gesprochen, wie er das mit seiner Vorabend-Sendung gemacht hat, habe ich als Late-Night-Moderator die Pflicht, einen Gegenangriff zu starten. Das ist in seiner Gage inbegriffen, so wie es auch in meiner Gage inbegriffen ist, dass eigentlich jeder im Grunde alles sagen kann. Ich habe noch nie darauf reagiert, juristisch schon gar nicht. Bei Pocher war es anders, da hatte ich mich in den Rhythmus meiner Formulierung verliebt. Wolf Schneider würde aber wahrscheinlich sagen, sie war zu gesucht.

          Zum Gegenangriff starten: „Gottschalk kennt die Spielregeln des Gebens und Nehmens sehr genau.“

          Adipös bedeutet fettleibig. Hat Stil aus Ihrer Sicht auch etwas mit Aussehen zu tun?

          Stil nicht, aber Intelligenz. Zumindest ist Professor Bazon Brock dieser Meinung, den ich kürzlich an der London School of Economics getroffen habe. Die deutschen Studenten dort hatten uns eingeladen, Thema: Quo vadis Kultur in Deutschland? Greatest Bazon hielt die Keynote-Speech, fing an beim Thema Paulus, weiter bei Heinrich Mann, Pythagoras, Märkte, Marx, Mickey Mouse. Ich rief dann mittendrin rein: „J’accuse!“ und sagte danach: „guter Vortrag, aber etwas oberflächlich“. Daraufhin Bazon: „Das reicht jetzt, Schluss mit dem Gewitzel, kann mal einer diesen Mann stoppen und ihm erklären, was Märkte sind?“ Darauf ich: „Sie sind doch nur neidisch, dass ich schöner bin als Sie!“ Gejohle im Publikum, worauf wiederum Bazon sagte: „Schönheit hat mit Intelligenz zu tun. Und intellektuell bin ich Ihnen dreifach überlegen!“

          Immerhin sind Sie Träger des Medienpreises für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache. Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Lage auf diesem Gebiet?

          Mein Standardsatz dazu: Als wir noch Gedichte konnten, war Opa in Stalingrad.

          Sie spielen auf unsere Vergangenheit an. Daher die Frage: Können Qualität und Stil charakterliche oder biographische Defizite ausgleichen?

          Wenn einer richtig gut ist, dann interessiert mich nicht, was der sonst so macht oder gemacht hat. Es gibt aber auch so ’ne Attitüde, dass zum Beispiel der Faschist der bessere Schriftsteller sei. Klassiker auf dem Gebiet: Louis-Ferdinand Céline. An dem richten sich alle auf, die selbst auch ihre Frau schlagen, wobei ich gar nicht weiß, ob Céline seine Frau geschlagen hat, im Zweifel hatte der gar keine. Trotzdem glauben manche, die ihre Frau schlagen, sie seien Céline. Das ist falsch.

          Können Sie mit der Kategorie Moral irgendetwas anfangen?

          Moral? Da kann ich nur Markus Söder zitieren, der zu mir nach einer Sendung beim Bier sagte: „Moral ist in der Politik selbstverständlich keine Kategorie, außer wir wollen jemandem schaden.“ Ich würde überhaupt von Moral die Finger lassen, weil das die Leute permanent überfordert. Der eine soll kein Geld für Vorträge bekommen, der andere soll einer „Stern“-Journalistin nicht ins Dirndl schauen, der nächste will die Hälfte seines Vermögens spenden, und dann ist es auch wieder nicht recht. Aus meiner Sicht soll man Gesetze machen, damit die Schwächsten nicht umfallen können. Ansonsten hat man mit der Beachtung der Straßenverkehrsordnung schon genug zu tun.

          Von Moral würde Harald Schmidt gern die Finger lassen: „Weil das die Leute permanent überfordert.“

          Ihre Einschätzung zum Fall Brüderle?

          Jeder, der mit Journalisten zu tun hat, weiß, dass uneingeschränkte, ich wiederhole: uneingeschränkte Solidarität mit Rainer Brüderle vonnöten ist. Ich jedenfalls würde meine Hand für ihn ins Dekolleté legen. Warum geht eine Journalistin, und ich hoffe, man hört die Anführungszeichen, um zehn Uhr abends in die Bar? Jedenfalls nicht, um zu fragen: „Sind die Menschenrechte in Usbekistan weit genug im liberalen Sinn?“ Sondern in der Hoffnung, der Angesoffene sagt den Satz, den er besser nicht gesagt hätte. Das wissen wir Jungen, unser Weinfest-Oldie weiß es nicht, weil er noch in so ’ner Charmewelt lebt, in der Thomas-Mann-artige Begriffe wie „Tanzkarte“ zum Einsatz kommen. Das einzige, was mich an dem Fall entsetzt hat: dass die Hotelpartei FDP im Maritim wohnen muss.

          Sie selbst fallen kaum je aus der Rolle. Wenn Sie zu Hause am Klavier Ihre Etüden spielen – ist es wenigstens da vorstellbar, dass Sie das in Boxershorts tun?

          Ich bin nie unkontrolliert. Auch zu Hause nicht. Das heißt: Wenn ich mit vier Tage getragener Unterhose ungeduscht Etüden spiele, dann weiß ich, dass ich das mache, und bin sozusagen immer noch mehr im Sinne von Feuerstein kein Mensch als 90 Prozent der Leute auf Deutschen Fernsehpreisen. Ich habe die Existenz des Foto-Handys sehr verinnerlicht. Auch wenn ich um halb drei Uhr nachts an einer Autobahnraststätte auf den Behindertenparkplatz kotze, weiß ich das. Wenn mich dann einer fotografiert, dann sage ich weder, „oh, wie konnte das passieren“, noch sage ich, „das ist jetzt aber rücksichtslos“, sondern ich sage: „Dafür bin ich Profi.“

          Keine Sehnsucht nach ungezwungener Authentizität?

          Bei René Pollesch gibt es den Begriff der authentischen Kuh. Das heißt: ein Mensch ohne jede Verfeinerung, wobei ja auch das Authentische eine gespielte Authentizität ist. Wichtiger Begriff hier: sich die Geschichte erzählen. Also: Er erzählt sich die Geschichte vom revolutionären Klassenfeind. Er erzählt sich die Geschichte vom wütenden Theatermacher. Er erzählt sich die Geschichte vom erfolgreichen Showmaster.

          Sie haben sich und uns oft die Geschichte vom eingebildeten Kranken erzählt. Hätten Sie es als Stillosigkeit empfunden, wenn ich heute vergrippt zu Ihnen gekommen wäre?

          Vom „Tagesspiegel“ hätte ich mich natürlich nicht vollrotzen lassen. Ein F.A.Z.-Mann darf aber auch auf der Bahre reinkommen. Das ist eine Frage des Standings. Ein F.A.Z.-Mann schneuzt sich auch anders als andere. Überhaupt hat die F.A.Z. eine ganz eigene Firmenkultur. Dazu gehört, dass man die deutsche Geschichte nicht nur negativ sieht und dass man jederzeit Autoren parat hat, die den Rauschzustand literarisch begründen können.

          Und wenn ich nur ein Keimverbreiter wäre?

          Im Grunde sind wir alle Keimverbreiter, alles weitere ist Selbststilisierung.

          Wie sieht die aus?

          Für manche Leute war es der absolute Ritterschlag, wenn sie sagen konnten: Ich wurde von Fassbinder mit der Fleischwurst verprügelt. Oder: Ich habe mir den Virus von Foucault geholt. Ich kenne eine Regieassistentin, deren Lebenskrönung war es, als ihr Hans Neuenfels nachgeschrien hat: „Du Faschistensau, geh aufs Klo und spül Dich runter.“

          Da war unser Mann erleichtert: „Vom ‚Tagesspiegel‘ hätte ich mich natürlich nicht vollrotzen lassen“, sagt Schmidt, „ein F.A.Z.-Mann darf aber auch auf der Bahre reinkommen. Das ist eine Frage des Standings.“

          Man sollte also doch versuchen, man selbst zu sein?

          Das kann man gar nicht. Denn man ist das Man-Selbst, von dem man sich erzählt, dass man es ist. Das geht auch in die Richtung Peer Steinbrück, der nach einer neuen europäischen Erzählung sucht. Oder Max Frisch: „Jeder Mensch erfindet sich eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“

          Sie kennen keinen echten Menschen?

          Einen vielleicht: Franz Josef Wagner von der „Bild“-Zeitung. Der hat mir mal auf dem Flughafen in Zürich erzählt, dass er neben einer Frau geflogen ist, die ihren todkranken Mann begleitet hat. Ich dachte, jetzt kommt gleich die Pointe. Aber die kam nicht. Stattdessen war Wagner den Tränen nahe.

          Wie gut kennen Sie die Geschichte, die Sie nicht für Ihr Leben halten?

          Jedenfalls bin ich nicht daran interessiert, wer ich wirklich bin. Ich habe mal gelesen, Elfriede Jelinek habe über mich gesagt, ich sei eine Charaktermaske. Da habe ich gleich eine Flasche Jahrgangs-Cuvée aufgemacht, so teuer, dass ihn sich Raddatz nicht leisten kann, und habe das Wort nachgeschlagen: Charaktermaske, Standardbegriff aus dem Marxismus, kann ich voll unterschreiben, denn ich denke meinen Tag genau wie folgt: So, nun bin ich in Köln im Excelsior-Hotel für ein Interview, dann geh ich raus, dann bin ich der Parkplatz-Gänger, der sein Ticket löst, und eventuell der joviale Köln-Bewohner: „Hey Schmidtchen, Du hier!“ Und dann bin ich wieder der Bahnreisende oder der Kinder-vom-Kindergarten-Abholer. Wenn Sie das jemandem erzählen, der vom Authentizitätswahn befallen ist, der sagt dann natürlich: Um Gottes Willen, wann bist Du denn einmal Du selbst? Ich finde es aber gerade anstrengend, dass so viele Leute permanent sie selbst sind oder besser: das, was sie glauben zu sein. Anstatt sich mal zu überlegen: Was erfordert der Umgang mit anderen? Das, finde ich, haben die Engländer perfektioniert. Da werden Sie ausgeraubt, aber vorher heißt es: „Excuse me!“

          Sie teilen mit Jelinek das Glück und das Schicksal, von André Müller interviewt worden zu sein. Müller hatte den Anspruch, hinter die Masken seiner Gesprächspartner zu kommen, und man hatte den Eindruck, Sie wollten ihm dies ermöglichen, aber da war nichts.

          Bei Müller war ich Streber, genauso bei Günter Gaus. Da brach bei mir der Voll-Kleinbürger durch, ich vergaß die Kunstfigur und bin in die Falle gegangen: Jetzt sprechen die Großen des deutschen Interview-Betriebs mit Dir. Bei Gaus war Hannah Arendt, Thomas Bernhard bei Müller. Jetzt also Harald Schmidt. Nach dem Müller-Interview, in dem es noch auf der Autofahrt zum Bahnhof permanent um Selbstmord und die Kinder in Afrika ging, habe ich zwei Tage gekotzt, so körperlich erledigt war ich. Das ist nun zehn Jahre her. Heute würde ich, wenn so ’ne Nummer kommt, sofort den Müller-Mechanismus anwerfen: Schmidt erzählt sich die Müller-Geschichte. Müller ist darin der Entlarver: Sie hassen doch auch Ihre Mutter! Die Jelinek steht oft gar nicht auf! Da würde ich heute antworten: Wenn die Jelinek einen hat, der ihr das Frühstück bringt, ist das ja okay.

          Wie war es bei Gaus?

          Der sagte vor dem Interview zu mir: „Es darf aber nicht nur spaßig werden.“ Und er erzählte mir, dass die Freundinnen seiner Frau, mit denen sie Bridge spielt, ihm die Pappen ihrer Strumpfhosenpackungen überlassen, da schreibt er dann die Fragen drauf, weil die Pappen beim Umblättern nicht so rascheln. Ich war damals natürlich voller Ehrfurcht vor Gaus. Pappen, unglaublich! Eigentlich hätte ich zu ihm sagen müssen: „Übrigens, Herr Gaus, habe gerade 1200 Late-Night-Shows moderiert, brauche keine Pappen.“

          Kommen wir zu Martin Mosebach, bei unserem Thema unvermeidlich. Wie finden Sie ihn?

          Ich habe mal 50 Seiten von einem Mosebach-Roman gelesen, dann hab ich’s bleiben lassen, weil, wichtiger Satz von Ihrem ehemaligen Herausgeber Joachim Fest, zu mir gesagt bei der Jurysitzung des Hildegard-von-Bingen-Preises: „Als ich so alt war wie Sie, habe ich angefangen, meine Zeit sehr genau einzuteilen.“ In einer Arthur-Koestler-Biographie habe ich mal gelesen, sein Lektor aus Paris habe ihm alles Wissende rausgestrichen. Fand ich toll. Mosebach fehlt so einer.

          Ich komme deshalb auf ihn, weil er vor einiger Zeit in einem Interview einen Satz des Naturwissenschaftlers Buffon zitiert hat: „Le style, c’est l’homme même.“ Der Stil ergibt sich laut Mosebach „beim viel schreibenden Menschen, wenn er die Unfähigkeit erreicht, weiter zu lügen. Immer mehr zur Offenbarung der eigenen Person zu gelangen, die aber kein aufdringliches Bekenntnis ist, Selbstdarstellung, Beichte, sondern so etwas wie ein Fingerabdruck. Über Hunderte von Seiten kann man keine Verstellung mehr aufrechterhalten. Es kommt dann raus, wer einer ist.“

          Den Satz würde ich gar nicht zu Ende lesen, viel zu stilisiert. Die Allergrößten haben ja gar keinen Stil: Georges Simenon, der von der Zeitung her kommt, Charles Dickens, kommt von der Fortsetzungsgeschichte. Ich weiß nicht, ob Simenon am Stil gebastelt hat, aber er musste einfach jede Woche ’ne Geschichte fertig haben. Bei anderen merkt man die Absicht und ist verstimmt.

          Wen außer den beiden Genannten finden Sie noch lesenswert?

          Meine Erfahrung mit vielen Autoren: Das Werk wird mit der Zeit blasser, ihr Lebensstil tritt in den Vordergrund. Deswegen: Tagebücher. Thomas Mann zum Beispiel. Das Werk, sagt man, okay, war ein Großer, „Buddenbrooks“, viel Spaß. Was aber wirklich interessiert: die Pudelmaniküre, das Tabletten-Gefresse, die eingewachsenen Zehennägel. Auch Sloterdijk. Immer dann am besten, wenn er drüber jammert, dass ihm Stanford keine Business-Class zahlt, oder wenn er seine Begeisterung darüber ausdrückt, zum Essen eingeladen worden zu sein: Unglaublich, 500 Leute sind schon da, als ich komme. Und dann natürlich Raddatz: Wieder mal kein Dankeskärtchen. Teuerste Butter habe ich aufgefahren. Dass ich Rosen schicke, wird nicht bemerkt. Man nimmt nur.

          Was begeistert Sie daran?

          Mir gefällt das gnadenlose Zwingen in den Arbeitsrhythmus. Und die Banalität. Wie gehe ich damit um, wenn der künstlerische Shitstorm kommt? Da ist ja nicht das Künstlergenie, das sagt: So, ich bin ja Thomas Mann, und morgen schreibe ich den „Zauberberg“. Es ist auch ein Irrtum zu glauben, unsere Geistesgrößen würden den ganzen Tag nur Kant überprüfen. Nehmen Sie die Gespräche zwischen Ernst Jünger und Heiner Müller, da ging es eigentlich nur darum: Wo ist mein Schokoladeneis?

          Mit André Müller ging es noch auf der Autofahrt zum Bahnhof permanent um Selbstmord und die Kinder in Afrika: „Danach habe ich zwei Tage gekotzt, so körperlich erledigt war ich.“

          Mosebach bezieht sich nicht nur aufs Schreiben, sondern aufs Leben. Dass man da aufhört zu täuschen und man selbst ist.

          Wer soll man denn sein? Wer ist denn schon wer?

          Sie, hieß es oft, seien ein Zyniker.

          Zumindest bin ich einer, der immer der Meinung ist, dass der Zyniker dafür sorgt, dass der Nebenmann ’ne warme Suppe hat. Damit er seine Ruhe hat. Während der Weltverbesserer sagt: Jetzt ham’ wir zwar keine Suppe, aber wir wissen auch, warum nicht.

          Die Zyniker halten also die Welt am Laufen?

          Und die Kleinbürger. Große Gestalter und radikale Reformer haben wir schon genug. Was wir brauchen, sind die Milliarden von Deutschen, die jeden Tag pünktlich zur Straßenbahn rennen, ein Reihenhaus abbezahlen und sich für ein neues Auto verschulden.

          Sie sind aus kleinen Verhältnissen. Werden Sie immer ein Emporkömmling bleiben?

          Durch vereinzelte Kontakte zum Adel habe ich festgestellt, dass da eine Sicherheit über Generationen da ist, die man sich nicht so einfach aneignen kann. Wenn Sie in so eine Gesellschaft eingeladen sind, dann ist ganz klar, worüber geredet wird und vor allem, worüber nicht. Man gibt sich da betont unwissend, sagt Sachen wie: „Meine Frau und ich cremen uns eine Stunde bevor wir zum Strand gehen ein.“ Dieses mittelständische „Sofort den IWF belehren“, das findet dort nicht statt.

          Ihnen ist es immerhin gelungen, sich aus der Masse der Kleinbürger zu erheben. Seit einiger Zeit scheint Ihnen allerdings daran gelegen, wieder in der Masse aufzugehen.

          Als ich bei Sky anfing, war ein Dutzend Journalisten da, die mich im Halb-Stunden-Rhythmus fragten, wie es eigentlich ist, in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Da sagte ich: „Sehen Sie ja.“

          Sie haben vorher von der Nachweisgrenze gesprochen. Auch die Einschaltquote Ihrer Show liegt bisweilen darunter. Warum machen Sie die Show nicht gleich in Ihrem Wohnzimmer?

          Ich mache die Sendung gerne. Bei mir im Wohnzimmer bekäme ich sie leider nicht bezahlt. Ich brauche ja die Band, ich brauche Autoren, ich brauche Beleuchter.

          Angenommen, jemand würde Ihnen das alles zur Verfügung stellen – aber die Show würde weder gesendet noch gesehen werden.

          Das wäre für mich absolut okay. Wär’ dann vielleicht auch was für den Pavillon in Venedig.

          Ist das Verschwinden Ihr Ziel – oder nehmen Sie es nur in Kauf?

          Es ist das Einstellen auf den, Professor Bazon Brock wird jetzt böse sein, ich muss das Wort aber sagen: Markt. Der Markt ermöglicht mir die Sendung bei Sky. Alles andere ist Überbau und eine Show-Denke, die gar nicht mehr dem Zeitalter der Smartphones entspricht. Ich stelle meine Arbeit hin und freue mich, wenn ich davon leben kann. Ich hoffe, noch lange. Aber darüber mach’ ich mir gar keine Gedanken. I had it all. Im Übrigen sind das doch alles Phasen. Daniel Day-Lewis hat fünf Jahre lang Schuhmacher in Florenz gelernt, jetzt hat er den dritten Oscar. Vielleicht bin ich gerade in der Wolfgang-Koeppen-Phase. Der hat seinem Verleger über Jahre gesagt: „Ja, ja, ich schreibe, ich schreibe.“ Aber da kam eben nie ein Manuskript.

          He had it all: Der Markt ermögliche ihm die Sendung bei Sky, sagt Schmidt. „Alles andere ist Überbau und eine Show-Denke, die gar nicht mehr dem Zeitalter der Smartphones entspricht.“

          Was können wir von Ihnen noch erwarten?

          Ich werde zum Beispiel einfach so ins Hotel gehen und sagen: „Guten Tag, Herr Mosebach.“ Und dann werde ich weiter gehen. Das genügt. Warum will man mit 66 noch Bundeskanzler werden? Weil man angeblich wahnsinnige preußische Disziplin und den Wunsch hat, diesem Staat etwas zurückzugeben? Das ist mir zu sehr Henning Scherf: Arbeit im Kibbuz und mit dem Rad durch Manhattan.

          Mehrgenerationenhaus.

          Um Gottes Willen! Nichts für mich. Ich stehe aber weiterhin zur Verfügung, wenn es mal wieder ein bisschen Nihilismus mit Steuerzahlen sein darf, dann wendet sich die Qualitätspresse immer gerne an mich. Und ich, so sagen wir es in der Branche, deliver dann.

          Roger Willemsen hat 2003, als Sie in Ihre „Kreativpause“ gingen, über Sie geschrieben: „Vielleicht hat ihn auch etwas eingeholt, das nicht mehr sendungskompatibel ist, der Ernst des Lebens zum Beispiel, wäre das nicht ein Witz?“

          Damals gab es eine starke Ermüdung und natürlich auch das Gefühl, man hat alles gemacht. Ich hab’ dann aber für mich festgestellt: Auch wenn man schon alles gemacht hat, dann macht man es eben nochmal von vorn.

          Haben Sie je überlegt, den Ernst des Lebens als Kunstform einzusetzen, etwa bei Interviews auf völlige Pointenlosigkeit zu achten?

          Nein. Ich will solche Interviews überhaupt von niemandem lesen. Natürlich: Ein Mensch des Klima-Instituts Potsdam oder ein Verfassungsrichter antwortet nicht auf Pointe. Die Pointe entsteht da durch die Genauigkeit im jeweiligen Fachbereich. Also wie schnell sich da zehn Millionen Leute auf ein vorzeitiges Ende einstellen sollten. Oder: Souverän ist, wer über den Shitstorm ge¬bietet, so was. Was Ernsthaftigkeit in meinem Fall bedeuten sollte, wüsste ich gar nicht.

          Der von Ihnen verehrte Papst Benedikt XVI. hat in seiner Amtszeit immer wieder den Relativismus gegeißelt. Carl Schmitt hatte dafür ein anderes Wort: Unernst.

          Ja, Carl Schmitt. In der „Süddeutschen“ wird immer so süchtelnd vor ihm gewarnt, das ist immer so, wie wenn langjährige Junkies sagen: „Gott sei Dank bin ich weg davon“, und Sie sehen ihnen dann in die Augen. Ich finde jedenfalls nicht, dass zu viele Menschen eine unernste Haltung zur Wirklichkeit haben. Im Gegenteil: Die meisten nehmen alles wahnsinnig ernst. Und sie bekommen ja auch pro Woche vier neue Weltmodelle präsentiert: doppelte Staatsbürgerschaft, Homo-Ehe, Ehegattensplitting bei der Homo-Ehe, jetzt die Vielehe, die kürzlich in Ihrer Sonntagszeitung angeregt wurde. Ich bin vor einiger Zeit spazieren gegangen. Da hab’ ich den Notarztwagen gesehen, in dem gerade der Chef der Uni Bayreuth, der Guttenberg den Doktortitel aberkannt hat, weggefahren wurde. Tot, von der Straßenbahn überfahren. Da ist es doch sinnlos, sich mit Europas neuer Erzählung zu beschäftigen. Da sage ich lieber: „Ich nehm’ noch ’nen Cappuccino.“

          Was wird von Ihnen bleiben?

          Da komme ich wieder zu den Tagebüchern. Julien Green schreibt in seinen Tagebüchern, wer vor dem Urteil der Geschichte Bestand haben wird. Ich glaube, es bleiben nur Mozart und Augustinus. Alles andere: dünn, Gefasel. Ich selbst sehe mich in Sachen Nachruhm auf einer Stufe mit Hans-Joachim Kulenkampff und Heinz Schenk. Was ich mache, ist wie McDonald’s: konsumieren und weg damit. Wenn ich heute alte Sketche sehe, dann sage ich: Hoffentlich sieht die keiner, sonst ist die Nummer „Früher war die Show so toll“ auch im Eimer. Sie müssen sich mal den „Prinz von Homburg“ von der Schaubühne angucken, der das Theater verändert hat: Da fallen Ihnen heute die Fußnägel aus. Das sagt auch Peter Stein selbst. Oder „Schmidteinander“: unglaublich breites Timing aus heutiger Sicht. Rührende Humoreinfälle. Aber damals war das richtig. Deshalb: verklären, Sockel, vergessen.

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