https://www.faz.net/-gum-77v5e

Harald Schmidt im Gespräch : „Ich bin eine Charaktermaske“

Ich werde zum Beispiel einfach so ins Hotel gehen und sagen: „Guten Tag, Herr Mosebach.“ Und dann werde ich weiter gehen. Das genügt. Warum will man mit 66 noch Bundeskanzler werden? Weil man angeblich wahnsinnige preußische Disziplin und den Wunsch hat, diesem Staat etwas zurückzugeben? Das ist mir zu sehr Henning Scherf: Arbeit im Kibbuz und mit dem Rad durch Manhattan.

Mehrgenerationenhaus.

Um Gottes Willen! Nichts für mich. Ich stehe aber weiterhin zur Verfügung, wenn es mal wieder ein bisschen Nihilismus mit Steuerzahlen sein darf, dann wendet sich die Qualitätspresse immer gerne an mich. Und ich, so sagen wir es in der Branche, deliver dann.

Roger Willemsen hat 2003, als Sie in Ihre „Kreativpause“ gingen, über Sie geschrieben: „Vielleicht hat ihn auch etwas eingeholt, das nicht mehr sendungskompatibel ist, der Ernst des Lebens zum Beispiel, wäre das nicht ein Witz?“

Damals gab es eine starke Ermüdung und natürlich auch das Gefühl, man hat alles gemacht. Ich hab’ dann aber für mich festgestellt: Auch wenn man schon alles gemacht hat, dann macht man es eben nochmal von vorn.

Haben Sie je überlegt, den Ernst des Lebens als Kunstform einzusetzen, etwa bei Interviews auf völlige Pointenlosigkeit zu achten?

Nein. Ich will solche Interviews überhaupt von niemandem lesen. Natürlich: Ein Mensch des Klima-Instituts Potsdam oder ein Verfassungsrichter antwortet nicht auf Pointe. Die Pointe entsteht da durch die Genauigkeit im jeweiligen Fachbereich. Also wie schnell sich da zehn Millionen Leute auf ein vorzeitiges Ende einstellen sollten. Oder: Souverän ist, wer über den Shitstorm ge¬bietet, so was. Was Ernsthaftigkeit in meinem Fall bedeuten sollte, wüsste ich gar nicht.

Der von Ihnen verehrte Papst Benedikt XVI. hat in seiner Amtszeit immer wieder den Relativismus gegeißelt. Carl Schmitt hatte dafür ein anderes Wort: Unernst.

Ja, Carl Schmitt. In der „Süddeutschen“ wird immer so süchtelnd vor ihm gewarnt, das ist immer so, wie wenn langjährige Junkies sagen: „Gott sei Dank bin ich weg davon“, und Sie sehen ihnen dann in die Augen. Ich finde jedenfalls nicht, dass zu viele Menschen eine unernste Haltung zur Wirklichkeit haben. Im Gegenteil: Die meisten nehmen alles wahnsinnig ernst. Und sie bekommen ja auch pro Woche vier neue Weltmodelle präsentiert: doppelte Staatsbürgerschaft, Homo-Ehe, Ehegattensplitting bei der Homo-Ehe, jetzt die Vielehe, die kürzlich in Ihrer Sonntagszeitung angeregt wurde. Ich bin vor einiger Zeit spazieren gegangen. Da hab’ ich den Notarztwagen gesehen, in dem gerade der Chef der Uni Bayreuth, der Guttenberg den Doktortitel aberkannt hat, weggefahren wurde. Tot, von der Straßenbahn überfahren. Da ist es doch sinnlos, sich mit Europas neuer Erzählung zu beschäftigen. Da sage ich lieber: „Ich nehm’ noch ’nen Cappuccino.“

Was wird von Ihnen bleiben?

Da komme ich wieder zu den Tagebüchern. Julien Green schreibt in seinen Tagebüchern, wer vor dem Urteil der Geschichte Bestand haben wird. Ich glaube, es bleiben nur Mozart und Augustinus. Alles andere: dünn, Gefasel. Ich selbst sehe mich in Sachen Nachruhm auf einer Stufe mit Hans-Joachim Kulenkampff und Heinz Schenk. Was ich mache, ist wie McDonald’s: konsumieren und weg damit. Wenn ich heute alte Sketche sehe, dann sage ich: Hoffentlich sieht die keiner, sonst ist die Nummer „Früher war die Show so toll“ auch im Eimer. Sie müssen sich mal den „Prinz von Homburg“ von der Schaubühne angucken, der das Theater verändert hat: Da fallen Ihnen heute die Fußnägel aus. Das sagt auch Peter Stein selbst. Oder „Schmidteinander“: unglaublich breites Timing aus heutiger Sicht. Rührende Humoreinfälle. Aber damals war das richtig. Deshalb: verklären, Sockel, vergessen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Holocaust-Gedenken in London am Montag

Holocaust-Gedenken : Die unerträgliche Rückkehr des Antisemitismus

Kokett kommt der Antisemitismus in unserer Gesellschaft wieder daher und entlädt sich mit mörderischem Hass. In vielen Ländern steigt die Zahl judenfeindlicher Straftaten – das ist die traurige Wahrheit.
Viel zu erzählen: Bolton, Pompeo und Trump im Oval Office im Februar 2019

Ukraine-Affäre und Impeachment : Das fehlende Bindeglied

Trumps Verteidiger fordern im Impeachment-Prozess Beweise. Da gelangen Teile von Boltons Buchmanuskript an die Öffentlichkeit und bringen Trump in Bedrängnis. Das Weiße Haus reagiert umgehend.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.