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Harald Schmidt im Gespräch : „Ich bin eine Charaktermaske“

Mit André Müller ging es noch auf der Autofahrt zum Bahnhof permanent um Selbstmord und die Kinder in Afrika: „Danach habe ich zwei Tage gekotzt, so körperlich erledigt war ich.“

Mosebach bezieht sich nicht nur aufs Schreiben, sondern aufs Leben. Dass man da aufhört zu täuschen und man selbst ist.

Wer soll man denn sein? Wer ist denn schon wer?

Sie, hieß es oft, seien ein Zyniker.

Zumindest bin ich einer, der immer der Meinung ist, dass der Zyniker dafür sorgt, dass der Nebenmann ’ne warme Suppe hat. Damit er seine Ruhe hat. Während der Weltverbesserer sagt: Jetzt ham’ wir zwar keine Suppe, aber wir wissen auch, warum nicht.

Die Zyniker halten also die Welt am Laufen?

Und die Kleinbürger. Große Gestalter und radikale Reformer haben wir schon genug. Was wir brauchen, sind die Milliarden von Deutschen, die jeden Tag pünktlich zur Straßenbahn rennen, ein Reihenhaus abbezahlen und sich für ein neues Auto verschulden.

Sie sind aus kleinen Verhältnissen. Werden Sie immer ein Emporkömmling bleiben?

Durch vereinzelte Kontakte zum Adel habe ich festgestellt, dass da eine Sicherheit über Generationen da ist, die man sich nicht so einfach aneignen kann. Wenn Sie in so eine Gesellschaft eingeladen sind, dann ist ganz klar, worüber geredet wird und vor allem, worüber nicht. Man gibt sich da betont unwissend, sagt Sachen wie: „Meine Frau und ich cremen uns eine Stunde bevor wir zum Strand gehen ein.“ Dieses mittelständische „Sofort den IWF belehren“, das findet dort nicht statt.

Ihnen ist es immerhin gelungen, sich aus der Masse der Kleinbürger zu erheben. Seit einiger Zeit scheint Ihnen allerdings daran gelegen, wieder in der Masse aufzugehen.

Als ich bei Sky anfing, war ein Dutzend Journalisten da, die mich im Halb-Stunden-Rhythmus fragten, wie es eigentlich ist, in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Da sagte ich: „Sehen Sie ja.“

Sie haben vorher von der Nachweisgrenze gesprochen. Auch die Einschaltquote Ihrer Show liegt bisweilen darunter. Warum machen Sie die Show nicht gleich in Ihrem Wohnzimmer?

Ich mache die Sendung gerne. Bei mir im Wohnzimmer bekäme ich sie leider nicht bezahlt. Ich brauche ja die Band, ich brauche Autoren, ich brauche Beleuchter.

Angenommen, jemand würde Ihnen das alles zur Verfügung stellen – aber die Show würde weder gesendet noch gesehen werden.

Das wäre für mich absolut okay. Wär’ dann vielleicht auch was für den Pavillon in Venedig.

Ist das Verschwinden Ihr Ziel – oder nehmen Sie es nur in Kauf?

Es ist das Einstellen auf den, Professor Bazon Brock wird jetzt böse sein, ich muss das Wort aber sagen: Markt. Der Markt ermöglicht mir die Sendung bei Sky. Alles andere ist Überbau und eine Show-Denke, die gar nicht mehr dem Zeitalter der Smartphones entspricht. Ich stelle meine Arbeit hin und freue mich, wenn ich davon leben kann. Ich hoffe, noch lange. Aber darüber mach’ ich mir gar keine Gedanken. I had it all. Im Übrigen sind das doch alles Phasen. Daniel Day-Lewis hat fünf Jahre lang Schuhmacher in Florenz gelernt, jetzt hat er den dritten Oscar. Vielleicht bin ich gerade in der Wolfgang-Koeppen-Phase. Der hat seinem Verleger über Jahre gesagt: „Ja, ja, ich schreibe, ich schreibe.“ Aber da kam eben nie ein Manuskript.

He had it all: Der Markt ermögliche ihm die Sendung bei Sky, sagt Schmidt. „Alles andere ist Überbau und eine Show-Denke, die gar nicht mehr dem Zeitalter der Smartphones entspricht.“

Was können wir von Ihnen noch erwarten?

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