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Harald Schmidt im Gespräch : „Ich bin eine Charaktermaske“

Der sagte vor dem Interview zu mir: „Es darf aber nicht nur spaßig werden.“ Und er erzählte mir, dass die Freundinnen seiner Frau, mit denen sie Bridge spielt, ihm die Pappen ihrer Strumpfhosenpackungen überlassen, da schreibt er dann die Fragen drauf, weil die Pappen beim Umblättern nicht so rascheln. Ich war damals natürlich voller Ehrfurcht vor Gaus. Pappen, unglaublich! Eigentlich hätte ich zu ihm sagen müssen: „Übrigens, Herr Gaus, habe gerade 1200 Late-Night-Shows moderiert, brauche keine Pappen.“

Kommen wir zu Martin Mosebach, bei unserem Thema unvermeidlich. Wie finden Sie ihn?

Ich habe mal 50 Seiten von einem Mosebach-Roman gelesen, dann hab ich’s bleiben lassen, weil, wichtiger Satz von Ihrem ehemaligen Herausgeber Joachim Fest, zu mir gesagt bei der Jurysitzung des Hildegard-von-Bingen-Preises: „Als ich so alt war wie Sie, habe ich angefangen, meine Zeit sehr genau einzuteilen.“ In einer Arthur-Koestler-Biographie habe ich mal gelesen, sein Lektor aus Paris habe ihm alles Wissende rausgestrichen. Fand ich toll. Mosebach fehlt so einer.

Ich komme deshalb auf ihn, weil er vor einiger Zeit in einem Interview einen Satz des Naturwissenschaftlers Buffon zitiert hat: „Le style, c’est l’homme même.“ Der Stil ergibt sich laut Mosebach „beim viel schreibenden Menschen, wenn er die Unfähigkeit erreicht, weiter zu lügen. Immer mehr zur Offenbarung der eigenen Person zu gelangen, die aber kein aufdringliches Bekenntnis ist, Selbstdarstellung, Beichte, sondern so etwas wie ein Fingerabdruck. Über Hunderte von Seiten kann man keine Verstellung mehr aufrechterhalten. Es kommt dann raus, wer einer ist.“

Den Satz würde ich gar nicht zu Ende lesen, viel zu stilisiert. Die Allergrößten haben ja gar keinen Stil: Georges Simenon, der von der Zeitung her kommt, Charles Dickens, kommt von der Fortsetzungsgeschichte. Ich weiß nicht, ob Simenon am Stil gebastelt hat, aber er musste einfach jede Woche ’ne Geschichte fertig haben. Bei anderen merkt man die Absicht und ist verstimmt.

Wen außer den beiden Genannten finden Sie noch lesenswert?

Meine Erfahrung mit vielen Autoren: Das Werk wird mit der Zeit blasser, ihr Lebensstil tritt in den Vordergrund. Deswegen: Tagebücher. Thomas Mann zum Beispiel. Das Werk, sagt man, okay, war ein Großer, „Buddenbrooks“, viel Spaß. Was aber wirklich interessiert: die Pudelmaniküre, das Tabletten-Gefresse, die eingewachsenen Zehennägel. Auch Sloterdijk. Immer dann am besten, wenn er drüber jammert, dass ihm Stanford keine Business-Class zahlt, oder wenn er seine Begeisterung darüber ausdrückt, zum Essen eingeladen worden zu sein: Unglaublich, 500 Leute sind schon da, als ich komme. Und dann natürlich Raddatz: Wieder mal kein Dankeskärtchen. Teuerste Butter habe ich aufgefahren. Dass ich Rosen schicke, wird nicht bemerkt. Man nimmt nur.

Was begeistert Sie daran?

Mir gefällt das gnadenlose Zwingen in den Arbeitsrhythmus. Und die Banalität. Wie gehe ich damit um, wenn der künstlerische Shitstorm kommt? Da ist ja nicht das Künstlergenie, das sagt: So, ich bin ja Thomas Mann, und morgen schreibe ich den „Zauberberg“. Es ist auch ein Irrtum zu glauben, unsere Geistesgrößen würden den ganzen Tag nur Kant überprüfen. Nehmen Sie die Gespräche zwischen Ernst Jünger und Heiner Müller, da ging es eigentlich nur darum: Wo ist mein Schokoladeneis?

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