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Harald Schmidt im Gespräch : „Ich bin eine Charaktermaske“

Das kann man gar nicht. Denn man ist das Man-Selbst, von dem man sich erzählt, dass man es ist. Das geht auch in die Richtung Peer Steinbrück, der nach einer neuen europäischen Erzählung sucht. Oder Max Frisch: „Jeder Mensch erfindet sich eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“

Sie kennen keinen echten Menschen?

Einen vielleicht: Franz Josef Wagner von der „Bild“-Zeitung. Der hat mir mal auf dem Flughafen in Zürich erzählt, dass er neben einer Frau geflogen ist, die ihren todkranken Mann begleitet hat. Ich dachte, jetzt kommt gleich die Pointe. Aber die kam nicht. Stattdessen war Wagner den Tränen nahe.

Wie gut kennen Sie die Geschichte, die Sie nicht für Ihr Leben halten?

Jedenfalls bin ich nicht daran interessiert, wer ich wirklich bin. Ich habe mal gelesen, Elfriede Jelinek habe über mich gesagt, ich sei eine Charaktermaske. Da habe ich gleich eine Flasche Jahrgangs-Cuvée aufgemacht, so teuer, dass ihn sich Raddatz nicht leisten kann, und habe das Wort nachgeschlagen: Charaktermaske, Standardbegriff aus dem Marxismus, kann ich voll unterschreiben, denn ich denke meinen Tag genau wie folgt: So, nun bin ich in Köln im Excelsior-Hotel für ein Interview, dann geh ich raus, dann bin ich der Parkplatz-Gänger, der sein Ticket löst, und eventuell der joviale Köln-Bewohner: „Hey Schmidtchen, Du hier!“ Und dann bin ich wieder der Bahnreisende oder der Kinder-vom-Kindergarten-Abholer. Wenn Sie das jemandem erzählen, der vom Authentizitätswahn befallen ist, der sagt dann natürlich: Um Gottes Willen, wann bist Du denn einmal Du selbst? Ich finde es aber gerade anstrengend, dass so viele Leute permanent sie selbst sind oder besser: das, was sie glauben zu sein. Anstatt sich mal zu überlegen: Was erfordert der Umgang mit anderen? Das, finde ich, haben die Engländer perfektioniert. Da werden Sie ausgeraubt, aber vorher heißt es: „Excuse me!“

Sie teilen mit Jelinek das Glück und das Schicksal, von André Müller interviewt worden zu sein. Müller hatte den Anspruch, hinter die Masken seiner Gesprächspartner zu kommen, und man hatte den Eindruck, Sie wollten ihm dies ermöglichen, aber da war nichts.

Bei Müller war ich Streber, genauso bei Günter Gaus. Da brach bei mir der Voll-Kleinbürger durch, ich vergaß die Kunstfigur und bin in die Falle gegangen: Jetzt sprechen die Großen des deutschen Interview-Betriebs mit Dir. Bei Gaus war Hannah Arendt, Thomas Bernhard bei Müller. Jetzt also Harald Schmidt. Nach dem Müller-Interview, in dem es noch auf der Autofahrt zum Bahnhof permanent um Selbstmord und die Kinder in Afrika ging, habe ich zwei Tage gekotzt, so körperlich erledigt war ich. Das ist nun zehn Jahre her. Heute würde ich, wenn so ’ne Nummer kommt, sofort den Müller-Mechanismus anwerfen: Schmidt erzählt sich die Müller-Geschichte. Müller ist darin der Entlarver: Sie hassen doch auch Ihre Mutter! Die Jelinek steht oft gar nicht auf! Da würde ich heute antworten: Wenn die Jelinek einen hat, der ihr das Frühstück bringt, ist das ja okay.

Wie war es bei Gaus?

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