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Harald Schmidt im Gespräch : „Ich bin eine Charaktermaske“

Von Moral würde Harald Schmidt gern die Finger lassen: „Weil das die Leute permanent überfordert.“

Ihre Einschätzung zum Fall Brüderle?

Jeder, der mit Journalisten zu tun hat, weiß, dass uneingeschränkte, ich wiederhole: uneingeschränkte Solidarität mit Rainer Brüderle vonnöten ist. Ich jedenfalls würde meine Hand für ihn ins Dekolleté legen. Warum geht eine Journalistin, und ich hoffe, man hört die Anführungszeichen, um zehn Uhr abends in die Bar? Jedenfalls nicht, um zu fragen: „Sind die Menschenrechte in Usbekistan weit genug im liberalen Sinn?“ Sondern in der Hoffnung, der Angesoffene sagt den Satz, den er besser nicht gesagt hätte. Das wissen wir Jungen, unser Weinfest-Oldie weiß es nicht, weil er noch in so ’ner Charmewelt lebt, in der Thomas-Mann-artige Begriffe wie „Tanzkarte“ zum Einsatz kommen. Das einzige, was mich an dem Fall entsetzt hat: dass die Hotelpartei FDP im Maritim wohnen muss.

Sie selbst fallen kaum je aus der Rolle. Wenn Sie zu Hause am Klavier Ihre Etüden spielen – ist es wenigstens da vorstellbar, dass Sie das in Boxershorts tun?

Ich bin nie unkontrolliert. Auch zu Hause nicht. Das heißt: Wenn ich mit vier Tage getragener Unterhose ungeduscht Etüden spiele, dann weiß ich, dass ich das mache, und bin sozusagen immer noch mehr im Sinne von Feuerstein kein Mensch als 90 Prozent der Leute auf Deutschen Fernsehpreisen. Ich habe die Existenz des Foto-Handys sehr verinnerlicht. Auch wenn ich um halb drei Uhr nachts an einer Autobahnraststätte auf den Behindertenparkplatz kotze, weiß ich das. Wenn mich dann einer fotografiert, dann sage ich weder, „oh, wie konnte das passieren“, noch sage ich, „das ist jetzt aber rücksichtslos“, sondern ich sage: „Dafür bin ich Profi.“

Keine Sehnsucht nach ungezwungener Authentizität?

Bei René Pollesch gibt es den Begriff der authentischen Kuh. Das heißt: ein Mensch ohne jede Verfeinerung, wobei ja auch das Authentische eine gespielte Authentizität ist. Wichtiger Begriff hier: sich die Geschichte erzählen. Also: Er erzählt sich die Geschichte vom revolutionären Klassenfeind. Er erzählt sich die Geschichte vom wütenden Theatermacher. Er erzählt sich die Geschichte vom erfolgreichen Showmaster.

Sie haben sich und uns oft die Geschichte vom eingebildeten Kranken erzählt. Hätten Sie es als Stillosigkeit empfunden, wenn ich heute vergrippt zu Ihnen gekommen wäre?

Vom „Tagesspiegel“ hätte ich mich natürlich nicht vollrotzen lassen. Ein F.A.Z.-Mann darf aber auch auf der Bahre reinkommen. Das ist eine Frage des Standings. Ein F.A.Z.-Mann schneuzt sich auch anders als andere. Überhaupt hat die F.A.Z. eine ganz eigene Firmenkultur. Dazu gehört, dass man die deutsche Geschichte nicht nur negativ sieht und dass man jederzeit Autoren parat hat, die den Rauschzustand literarisch begründen können.

Und wenn ich nur ein Keimverbreiter wäre?

Im Grunde sind wir alle Keimverbreiter, alles weitere ist Selbststilisierung.

Wie sieht die aus?

Für manche Leute war es der absolute Ritterschlag, wenn sie sagen konnten: Ich wurde von Fassbinder mit der Fleischwurst verprügelt. Oder: Ich habe mir den Virus von Foucault geholt. Ich kenne eine Regieassistentin, deren Lebenskrönung war es, als ihr Hans Neuenfels nachgeschrien hat: „Du Faschistensau, geh aufs Klo und spül Dich runter.“

Da war unser Mann erleichtert: „Vom ‚Tagesspiegel‘ hätte ich mich natürlich nicht vollrotzen lassen“, sagt Schmidt, „ein F.A.Z.-Mann darf aber auch auf der Bahre reinkommen. Das ist eine Frage des Standings.“

Man sollte also doch versuchen, man selbst zu sein?

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