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Harald Schmidt im Gespräch : „Ich bin eine Charaktermaske“

Man kann nicht permanent auf dem eigenen unerreichbaren Level sein. Was Gottschalk betrifft: Er kennt die Spielregeln des Gebens und Nehmens sehr genau. Und wenn der populärste Entertainer der letzten 30 Jahre so ans Netz geht, tennismäßig gesprochen, wie er das mit seiner Vorabend-Sendung gemacht hat, habe ich als Late-Night-Moderator die Pflicht, einen Gegenangriff zu starten. Das ist in seiner Gage inbegriffen, so wie es auch in meiner Gage inbegriffen ist, dass eigentlich jeder im Grunde alles sagen kann. Ich habe noch nie darauf reagiert, juristisch schon gar nicht. Bei Pocher war es anders, da hatte ich mich in den Rhythmus meiner Formulierung verliebt. Wolf Schneider würde aber wahrscheinlich sagen, sie war zu gesucht.

Zum Gegenangriff starten: „Gottschalk kennt die Spielregeln des Gebens und Nehmens sehr genau.“

Adipös bedeutet fettleibig. Hat Stil aus Ihrer Sicht auch etwas mit Aussehen zu tun?

Stil nicht, aber Intelligenz. Zumindest ist Professor Bazon Brock dieser Meinung, den ich kürzlich an der London School of Economics getroffen habe. Die deutschen Studenten dort hatten uns eingeladen, Thema: Quo vadis Kultur in Deutschland? Greatest Bazon hielt die Keynote-Speech, fing an beim Thema Paulus, weiter bei Heinrich Mann, Pythagoras, Märkte, Marx, Mickey Mouse. Ich rief dann mittendrin rein: „J’accuse!“ und sagte danach: „guter Vortrag, aber etwas oberflächlich“. Daraufhin Bazon: „Das reicht jetzt, Schluss mit dem Gewitzel, kann mal einer diesen Mann stoppen und ihm erklären, was Märkte sind?“ Darauf ich: „Sie sind doch nur neidisch, dass ich schöner bin als Sie!“ Gejohle im Publikum, worauf wiederum Bazon sagte: „Schönheit hat mit Intelligenz zu tun. Und intellektuell bin ich Ihnen dreifach überlegen!“

Immerhin sind Sie Träger des Medienpreises für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache. Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Lage auf diesem Gebiet?

Mein Standardsatz dazu: Als wir noch Gedichte konnten, war Opa in Stalingrad.

Sie spielen auf unsere Vergangenheit an. Daher die Frage: Können Qualität und Stil charakterliche oder biographische Defizite ausgleichen?

Wenn einer richtig gut ist, dann interessiert mich nicht, was der sonst so macht oder gemacht hat. Es gibt aber auch so ’ne Attitüde, dass zum Beispiel der Faschist der bessere Schriftsteller sei. Klassiker auf dem Gebiet: Louis-Ferdinand Céline. An dem richten sich alle auf, die selbst auch ihre Frau schlagen, wobei ich gar nicht weiß, ob Céline seine Frau geschlagen hat, im Zweifel hatte der gar keine. Trotzdem glauben manche, die ihre Frau schlagen, sie seien Céline. Das ist falsch.

Können Sie mit der Kategorie Moral irgendetwas anfangen?

Moral? Da kann ich nur Markus Söder zitieren, der zu mir nach einer Sendung beim Bier sagte: „Moral ist in der Politik selbstverständlich keine Kategorie, außer wir wollen jemandem schaden.“ Ich würde überhaupt von Moral die Finger lassen, weil das die Leute permanent überfordert. Der eine soll kein Geld für Vorträge bekommen, der andere soll einer „Stern“-Journalistin nicht ins Dirndl schauen, der nächste will die Hälfte seines Vermögens spenden, und dann ist es auch wieder nicht recht. Aus meiner Sicht soll man Gesetze machen, damit die Schwächsten nicht umfallen können. Ansonsten hat man mit der Beachtung der Straßenverkehrsordnung schon genug zu tun.

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