https://www.faz.net/-gum-134gt

Hannelore-Kohl-Stiftung : „Unfreundliche Übernahme“

Im Jahr 2002 standen Helmut Kohl und ZNS-Präsidentin Ohoven noch Seite an Seite Bild: AP

Zwischen Helmut Kohl und der Hannelore-Kohl-Stiftung ist ein heftiger Streit entbrannt. Beide Seiten werfen sich gegenseitig vor, die Stiftung für ihre Zwecke zu missbrauchen. Kohl legte alle Ämter bei der Stiftung nieder.

          6 Min.

          Der Juni nahm in der Hannelore-Kohl-Stiftung ein unerwartetes Ende. Am Monatsletzten ging bei Vorstand und Kuratorium in Bonn ein drei Seiten langer Brief des Altkanzlers ein, der es in sich hatte. Helmut Kohl legte „mit sofortiger Wirkung“ alle Ämter bei der Stiftung nieder und verband diesen Schritt „mit der ausdrücklichen Bitte, den Namen meiner verstorbenen Frau Hannelore als Stiftungsnamen nicht fortzuführen“.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Kohl, seit dem Tod seiner Frau im Jahr 2001 Ehrenvorsitzender des Kuratoriums, protestiert in seinem Schreiben gegen eine „unfreundliche Übernahme der Stiftung durch Personen, die mir zum Teil nicht einmal bekannt sind und in keiner Beziehung zu meiner verstorbenen Frau standen“. Während seiner schweren Krankheit im vergangenen Jahr sei unabgestimmt das Kuratorium um Mediziner erweitert worden, von ihm vorgeschlagene Spender und Wegbegleiter der Familie seien jedoch ebenso abgelehnt worden wie seine neue Satzung. Hinzu kämen ein „deutliches Unbehagen“ über die Entwicklung der Stiftung seit dem Tod Hannelore Kohls sowie „zunehmend interne Konflikte“, die ihr Lebenswerk bedrohten.

          „Nicht immer nachvollziehbar, wohin das Geld ging“

          Der Ärger darüber scheint bei Kohl so groß zu sein, dass er sich wie einst zu einem Machtwort entschloss. Er werde die Stiftung „künftig nicht mehr unterstützen und darauf hinweisen, dass sie in ihrer derzeitigen Verfassung nicht mehr die Interessen meiner verstorbenen Frau Hannelore repräsentiert“. Eine Kopie des Schreibens ging an die „Bild“-Zeitung, die tags darauf bereits das Ende der 1983 von der Kanzlergattin gegründeten Institution einläutete: „ZNS-Hannelore Kohl Stiftung: Der Name war ein Markenzeichen für eine äußerst erfolgreiche private Organisation, die sich um Unfallopfer mit Schädel-Hirn-Verletzungen kümmert.“

          Die Gründerin Hannelore Kohl, 1983
          Die Gründerin Hannelore Kohl, 1983 : Bild: AP

          Damit ist die Stiftung nun tatsächlich in Gefahr. Einen Tag später ließ sich, ebenfalls in „Bild“, die CDU-Bundestagsabgeordnete Michaela Noll als Präsidentin des ZNS-Förderkreises Langenfeld (Nordrhein-Westfalen) mit dem für eine Spendenorganisation tödlichen Satz zitieren: „Für uns war nicht immer nachvollziehbar, wohin das Geld ging.“ In der ZNS-Zentrale war man zunächst fassungslos. „Die operative Arbeit der Stiftung, ihre Mittelverwendung und das Engagement ihrer Mitarbeiter sind über jede Kritik erhaben“, erklärte schließlich Stiftungspräsidentin Ute-Henriette Ohoven. „Die renommiertesten Mediziner halten unsere Arbeit für unverzichtbar.“ Zudem attestierten unabhängige Wirtschaftsprüfer der Organisation regelmäßig eine „vorbildliche, tadellose Buchführung und Mittelverwendung“.

          Für Professor Klaus Mayer kommt der Rückzug Helmut Kohls indes nicht überraschend. „Ich habe einen solchen Schritt erwartet“, sagt der zweiundachtzigjährige Neurologe, der ein Vertrauter der Kanzlergattin war und Gründungs- sowie Kuratoriumsmitglied ihrer Organisation ist. Auf der Kuratoriumssitzung am 2. April hatte eine von Kohl vorgeschlagene neue Stiftungssatzung keine Mehrheit gefunden. Kohl, der sich aufgrund seiner schweren Krankheit vertreten ließ, begründete den Vorstoß mit einer „zukunftsorientierten Verschlankung der Strukturen und einer Neuverteilung der Verantwortlichkeiten“. Laut Mayer wäre es dadurch jedoch zu einer Abschaffung des Kuratoriums und der Präsidentin sowie zu einer Entmachtung des Vorstandes gekommen.

          Weitere Themen

          Im Saarland brennt die Hütte

          Stahlindustrie in der Krise : Im Saarland brennt die Hütte

          Tim Hartmann war mit so viel Macht ausgestattet worden wie bislang kein anderer Stahlmanager an der Saar. Nach seinem Rücktritt soll es nun der ehemalige Thyssen-Manager Karl-Ulrich Köhler richten.

          Topmeldungen

          Mit dem Zeltlager am Platz der Republik in Paris wollte ein Flüchtlingshilfeverein am Montag auf die ungelöste Unterbringungsfrage für Asylbewerber und illegal eingereiste Migranten aufmerksam machen.

          Abgelehnte Asylbewerber : Letzte Hoffnung Frankreich

          Viele in Deutschland und anderen EU-Staaten abgelehnte Asylbewerber fliehen nach Frankreich. Hier werden die Anträge weniger streng geprüft. Die französische Migrationsbehörde sieht sich als Opfer der europäischen Asylpolitik.

          Am Tag des Corona-Gipfels : RKI meldet Rekordzahl an Todesfällen

          Zum ersten Mal starben an einem Tag mehr als 400 mit dem Coronavirus infizierte Menschen in Deutschland. Auch die Zahl der Neuinfektionen ist weiterhin ein Anlass zur Sorge. Heute wollen Bund und Länder sich auf neue Maßnahmen einigen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.