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Hannelore Kohl : „Das war nicht auszuhalten“

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Hinter dem reglosen Gesicht verbarg Hannelore Kohl ihre Verletzungen Bild: dpa

Hannelore Kohl starb 2001 durch Selbstmord. In den letzten Jahren vertraute sie sich dem Journalisten Heribert Schwan an, der jetzt ihre Geschichte erzählt - die Geschichte einer einsamen und verletzlichen Frau.

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          Herr Schwan, wenn Sie sich an Hannelore Kohl erinnern: Wie sehen Sie sie vor sich?

          Gepflegt. Glatte Haut, die Haare immer gleich. Etwas altmodische und dennoch teure Kleidung von besten internationalen Designern. Oft habe ich sie allerdings auch traurig erlebt.

          Ich verbinde mit ihr vor allem dieses maskenhafte Gesicht und ein aufgesetztes Lächeln.

          Das ist auch richtig. Die Perücke, die sie seit 1993 trug, und ihr immergleiches Lächeln legte sie morgens wie einen Panzer an, der sie auch innerlich schützte. So ging sie in den Kampf des Tages. Journalisten und Fotografen waren für sie Feinde. Aber sie wusste, in der Öffentlichkeit musste sie lächeln, für ihren Mann, für das Land. Das Maskenhafte legte sie ab, sobald sie die Tür hinter sich zumachte.

          Für Politik interessierte sich Hannelore nicht. Das Leben mit Helmut war oft nicht leicht für sie.
          Für Politik interessierte sich Hannelore nicht. Das Leben mit Helmut war oft nicht leicht für sie. : Bild: ddp

          Und dann?

          Dann konnte sie offen und schlagfertig sein und auch mal auf Sächsisch Witze erzählen. Viele Menschen schwärmen bis heute von ihrer mütterlichen Fürsorge und ihrem Sachverstand. Und von den vielen Politikergattinnen, die ich kennen gelernt habe, war niemand so eloquent wie sie. Niemand konnte auf Französisch Interviews geben und sich so für Musik und Filme begeistern. Sie war alles andere als eine „Barbie aus der Pfalz“.

          Man kann sich das heute kaum noch vorstellen: Hannelore Kohl hat 41 Jahre lang an der Seite ihres Mannes ihre eigenen Bedürfnisse komplett untergeordnet. War das typisch für diese Generation?

          Das war eine Frage der Erziehung. Hannelores Vater war Direktor eines NS-Musterbetriebes in Leipzig, und seine Frau gab Partys, sorgte für Gemütlichkeit und war immer schick und schön. Sie hat ihr diese Rolle vorgelebt.

          Und der Tochter eiserne Disziplin und Pflichtbewusstsein eingeimpft?

          Hannelores Mutter war eine distanzierte, kühle Frau, die im Gegensatz zu ihrem Mann niemals richtig Liebe zu ihrem Kind zeigen konnte. Die hatte die Erziehungsmaximen der Nationalsozialisten 1:1 übernommen. Als Hannelore am Blinddarm operiert wurde, notierte die Mutter, das Mädchen habe nicht geweint. Tapferkeit. Sauberkeit. Pünktlichkeit. Leistungsfähigkeit. Und bloß keine Gefühle zeigen. Diese Prinzipien hat Hannelore unbewusst auch an ihre Söhne weitergegeben.

          Hat Frau Kohl sich mit der Nazi-Gesinnung ihrer Eltern je auseinandergesetzt?

          Sie hat mir nie erzählt, was ihr Vater im Dritten Reich gemacht hat. Vielleicht wusste sie es gar nicht, was ich zu ihren Gunsten annehmen will. Sie war durch die vorbelasteten Eltern dazu erzogen worden, unpolitisch zu sein. Politik war für sie ein schmutziges Geschäft, sie litt unter den Intrigen, Kämpfen und Diffamierungen. Deshalb hat sie alles Politische von ihren Kindern ferngehalten. Wenn ihr Sohn Walter heute schreibt, dass er den Beruf seines Vater nicht kannte, aber wusste, dass der Nachbar Sohn eines Fernfahrers war, dann ist das das Werk der Hannelore Kohl.

          Warum sucht sich eine Frau, die sich für Politik nicht interessiert, so einen Mann?

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