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Haarausfall : Wie... jetzt schon?

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Nach jedem Auftragen läuft für gewöhnlich allerdings ein wenig Haarwaschmittel in meine Augen, worauf sofort ein erheblicher Juckreiz entsteht. Nur mit zugekniffenen Augenlidern kann ich dann den Duschgang fortsetzen. Regelmäßig erschrecke ich beim Abtrocknen und dem Blick in den Spiegel nicht nur vor meinen beängstigenden Geheimratsecken, sondern auch vor meinen roten Augen. Es scheint die gerechte Strafe, denn das Shampoo taugt nichts, noch nicht einmal ein Placeboeffekt stellt sich ein.

„Nehmen Sie es nicht so tragisch“

„Sie helfen dem Hersteller“, hat Hautmediziner Alexander Enk mir schmunzelnd gesagt, als ich ihm von meinem Selbstversuch erzählte. Nahezu alle Haarprodukte auf dem Markt könne ich getrost vergessen. Fast alle. Enk nimmt in seiner Haarsprechstunde von jedem Patienten eine Blutprobe und ein Haarbüschel. Wenn die Untersuchungen einen androgenetischen Haarausfall ergeben, dann empfiehlt er zwei Produkte: eine Lösung, die auf einem Arzneistoff beruht, und einen Enzymblocker in Tablettenform.

Beides, so zeigen jedenfalls Studien, kann zum Erfolg führen, jedoch nicht ohne einen Preis: Die Lösung ist für schlappe 50 Euro im Internet erhältlich, und bei Einnahme der Tabletten können ernsthafte Nebenwirkungen auftreten: abnehmende sexuelle Lust, und in seltenen Fällen wachsen Männern sogar Brüste. Das ist also auch keine Option. Bliebe jetzt nur noch der Weg der Haartransplantation, in Deutschland mit Kosten von bis zu 8000 Euro verbunden. Enk rät von alledem ab – „Es ist letztlich nur eine Wellnessfrage.“ Früher seien die Menschen doch auch gelassener damit umgegangen. „Nehmen Sie es nicht so tragisch“, sagt er mir zum Abschied.

Nicht so tragisch – was soll denn das bitte? Das Tragische an der Sache ist doch, dass mich niemand ernst nimmt! So bleibt mir nur der Gang zu jemandem, der dies allein schon von Berufs wegen tun muss: Roland Gress ist 27 Jahre alt, also kaum älter als ich, und nicht nur Inhaber eines Friseurladens im Frankfurt, sondern seit vier Jahren ebenfalls Besitzer einer spärlich bestückten Kopfhaut. Auch er leidet unter erblich bedingtem Haarausfall, so berichtet er, und als es bei ihm auf einmal immer schneller ging, rasierte sich Gress einfach alles ab. Er plaziert mich in seinem zweckmäßig eingerichteten Friseursalon ans Fenster und beginnt zu schneiden.

Der Friseur schafft Abhilfe

Sein Laden ist unweit der Frankfurter Universität gelegen, gleich nebenan befindet sich eine Schule und, ja, es kämen in letzter Zeit auch vermehrt junge Leute zu ihm, die unter Geheimratsecken und Haarausfall litten. Vielleicht sei das so ein „Evolutionsmechanismus“, mutmaßt Gress. Einen bestimmten Schnitt habe er für diese Leute nicht, es komme halt auf die Kopfform an. Er versuche dann immer ein „dezentes Styling“, die „Seiten und vorne“ nicht zu kurz zu schneiden, aber auch nicht zu lang, dann könnten gewisse Scheitelpartien zu schwer geraten und „rausfallen“.

Nach zwanzig Minuten und einem geistreichen Gespräch über Haarausfall ist es passiert: „Ich habe etwas Struktur reingebracht, die Längen ungleichmäßig gelassen“, erklärt Gress, alles sei jetzt etwas „lockerer“. Ich sehe eine passable Frisur im Spiegel, der Einblick in meine Geheimratsecken ist verschlossen. Ich zahle etwas mehr als bei meinem üblichen preis- und zeitorientierten Friseurladen, immerhin scheint es das wert zu sein. „Du kannst dir keinen Vorwurf machen“, sagt mir Roland Gress zum Schluss. Das ist zwar wieder eine Durchhalteparole, aber eine nette.

Kann es so einfach sein? Ein guter Schnitt, und alle Probleme sind gelöst? Zumindest ist die Angelegenheit vertagt, und ich habe Zeit, mir Gedanken über ein neues Problem zu machen: Vor zwei Wochen rief mich mein Bruder während eines Spaziergangs besorgt zu sich, zupfte an meinem Hinterkopf und hielt in der Hand ein graues Haar.

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