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Haarausfall : Wie... jetzt schon?

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Die alte Faustregel stimmt

Enk nimmt mir allerdings gleich zu Beginn alle Hoffnungen: „Wenn es einen Stein der Weisen bei den Haaren gäbe, hätten Sie dichtere Haare und ich wahrscheinlich auch.“ In 90 Prozent aller Fälle leiden seine Patienten am „androgenetischen“, also erblich bedingten Haarausfall. Die Ursache dafür erklärt er so: „Bei vielen Menschen werden im Laufe des Lebens die Hormonrezeptoren in den Haarfollikeln nicht mehr mit dem nötigen Wachstumsimpuls angesprochen. Dadurch fallen die Haare dann eben aus.“

Vor allem Männer zwischen 20 und 30 Jahren seien davon betroffen. Warum das so ist, kann Enk nicht genau sagen. „Postpubertär“ finden im Körper viele Veränderungen statt, und möglicherweise lässt einfach die Empfindlichkeit der Hormonrezeptoren der Haarfollikel gerade dann nach – „richtig verstanden haben wir das aber noch nicht“, fügt er an. Andere Faktoren wie Stress oder eine schlechte Ernährung hätten damit nichts zu tun. „Die Faustregel ist: Wie sah der Vater der Mutter aus?“, sagt der Dermatologe. Der Großvaterhaarausfallmythos ist also gar keiner.

Ein Anruf bei meiner Oma. „Hallo Oma, seit wann hat Opa keine Haare mehr auf dem Kopf?“ Ich höre, wie sie meinen Großvater auffordert, den Fernseher etwas leiser zu machen, und sich beide kurz lautstark unterhalten. Meine Oma: „Ich glaube, das fing so mit Ende 20 an.“ Mein Opa meint, „viel später“. „Wirklich kahl war er aber oben nie“, gibt meine Oma mir noch mit auf den Weg.

Vorbote meiner „Quarterlifecrisis“?

Ich atme tief durch – ein Hoffnungsschimmer? Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, sind die Haare eigentlich nur das sichtbarste meiner altersbedingten Probleme: sich langsam einfrierende Stirnfalten, Augenringe, schlaffer werdende Haut. Hinzu kommt, dass ich mich gerade am Ende meines Studiums befinde, nicht weiß, ob ich in einem halben Jahr ein Dach über dem Kopf haben werde und zudem seit einiger Zeit Single bin: Da scheint jedes verlorene Haar ein Vorbote meiner persönlichen „Quarterlifecrisis“ zu sein, es steht quasi sinnbildlich für meinen eigenen menschlichen Verfall.

„Haarausfall ist so ziemlich das Katastrophalste, was man sich als junger Mensch vorstellen kann“, spricht mir Volker Faust gleich zu Beginn unseres Gesprächs aus der Seele. Er ist Arzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie in Ravensburg und hat in seinen fast 50 Jahren Praxiserfahrung immer wieder Frauen und Männer in seiner Sprechstunde, die unter ihrem fehlenden Haupthaar leiden. „Wenn Sie zum ersten Mal einem Menschen gegenüberstehen, ist das Haar nach Augen, Mund und Nase der nächste Ort, auf den es ankommt.“

Volles Haar ist nun einmal ein „Zeichen der Individualität“, eine Art „Schmuckgegenstand“, dessen Stellenwert für Männer in den letzten Jahrzehnten aber immer geringer geworden sei. Ein Grund dafür sei, dass schon nach dem Zweiten Weltkrieg viele Männer mit dünnem und schütterem Haar heimgekehrt seien, dieser Trend habe sich bis heute fortgesetzt.

Nicht einmal ein Placeboeffekt

Glatze und Kurzhaarschnitt stünden tatsächlich für „Dynamik und geistige Aktivität“, sagt der Nervenarzt. „Sie sind im Moment also gut dran.“ Ich schaue skeptisch und äußere meinen Zweifel an seinen gut gemeinten Worten. „Das liegt womöglich an Ihrer katastrophisierenden Lebensart. Sie lassen es so sehr im Kopf drehen, bis Sie daraus eine Katastrophe machen. Sie müssen raus aus diesem Teufelskreis“, erklärt Faust mir.

Ein wenig überfordert lege ich den Hörer auf und gehe erst einmal duschen.

Seit elf Wochen führe ich nun jeden Morgen mit meinem Coffein-Shampoo die wildesten Konversationen und befolge pedantisch seine Anweisungen: Nachdem ich das Shampoo aufgetragen habe, massiere ich meine Haare vorsichtig damit ein, lasse das Mittel zwei Minuten einwirken – ich stelle mir extra einen Wecker neben die Dusche – und wasche anschließend alles aus.

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