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Autor Günter Franzen schaut in den Badezimmerspiegel in der Wicker-Klinik in Bad Homburg November 2017. Bild: Victor Hedwig

Die Liebe der Senioren, Teil 3 : Weiße Rosen aus Eutin

  • -Aktualisiert am

Autor Günter Franzen erzählt in unserer Reihe von seiner Online-Suche nach der letzten großen Liebe. Im letzten Teil begibt er sich auf eine Reise quer durch Deutschland. Kommt es zum Happy End?

          Was bisher geschah: Von Ewigbinden konnte bei Herrn Franzen morbiditätsbedingt schwerlich die Rede sein, aber immerhin. Er prüfte allerlei Damen in Deutschland, die engere Wahl von FinalDate. Doch dann ging immer irgendwas schief. Eine wollte ihn sogar essen. Nur vier waren noch übrig. Wenige Tage blieben Franzen bis siebzig, dann hieß es Schicht im Schacht.

          Im ICE von Frankfurt nach Wismar saß mir am Vierertisch ein dicklicher junger Mann mit Dobrindt-Brille gegenüber, der einen Duplo-Riegel nach dem anderen einwarf und unter Einbeziehung der Mitreisenden auf Youtube den Geräuschemissionen seines Altersgenossen Philipp Dittberner lauschte. In dem in weinerlichem Ton vorgetragenen Sprechgesang bittet der Barde, der von sich behauptet, dass er mit einer anderen Frau schon einmal auf Wolke 7 gewesen sei, die neben ihm hockende Nachfolgerin inständig, sich mit ihm dauerhaft auf Wolke 4 einzurichten, weil er sich beim Fall von der drei Etagen höher gelegenen Himmelserscheinung schwer verletzt habe und zudem beim Aufschlag sein kleines Herz zerbombt worden sei. Frei nach Wilhelm Busch: Lieber Wolke vier mit dir, als unten gänzlich ohne ihr. Abgesehen davon, dass das Abspielen dieses Liedes in Gegenwart einer Frau, die auf sich hält, einen von jedem Scheidungsrichter anerkannten Trennungsgrund darstellt, lässt die Popularität des Songs auf einen allgemeinen Vitalitätsverlust unserer männlichen Ersatzleute mit weitreichenden Folgen für deren Liebes- und Fortpflanzungsfähigkeit und die demographische Entwicklung unseres Heimatlandes schließen. Zugespitzt: Ein Volk, das sich von solchen Liedern sedieren lässt, ist zum Aussterben verurteilt.

          Als blutjunger Mensch hatte ich mich in der italienischen Eisdiele meines Vaterstädtchens einmal dazu hinreißen lassen, der Jukebox einen Schlager von Peter Kraus zu entlocken, dessen hormongesättigter Refrain mich im Licht der aufgeklärten Gegenwart noch heute schaudern lässt: „Ein richtger Mann muss immer wie ein Tiger sein, dann wird er bei den Frauen immer Sieger sein.“ Das erste Mädchen, dem ich den Hof machte, die sehr anmutige und sehr scheue Tochter meines Deutschlehrers, verließ den anrüchigen Jugendtreffpunkt vor dem Verklingen des letzten Akkords und ward nicht mehr gesehen. Will sagen: Früher war durchweg alles primitiver, aber manches vielleicht weniger verschwurbelt.

          Vier von ursprünglich 509 Kandidatinnen

          Danach wandte ich mich von dem mampfenden Youtuber und meinen kulturpessimistischen Reflexionen ab und dem Kerngeschäft als reisender Troubadour der alten Schule zu. In der ostdeutschen Hansestadt wartete eine Buchhändlerin auf mich, die sich über deren Tod hinaus für Hermann Kant und Johannes R. Becher begeisterte, im bayerischen Zwiesel lebte eine resch gebliebene Bio-Bäuerin, die gerne Bäume umarmte und in einem Preisausschreiben der „Hörzu“ ein Meet & Greet mit dem Dalai Lama gewonnen hatte, in Eutin würde ich die nähere Bekanntschaft einer Dame machen, die eine Kanzlei als Steuerberaterin unterhielt und mit überwiegend berechnenden Männern bislang viel Pech gehabt hatte. In Königs Wusterhausen war das Wochenenddomizil einer Redakteurin der „Apotheken-Umschau“ zu besichtigen, die an die lebensverlängernde Wirkung energetisierten Wassers glaubte und ehrenamtlich einen Gnadenhof für freigesetzte landwirtschaftliche Nutztiere unterhielt.

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