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Helfer am Ground Zero : „Das große Ganze wird wichtiger als das eigene Leben“

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Was für Männer waren das, die nach den Anschlägen zum Ground Zero eilten? Stéphane Sednaoui wollte es herausfinden Bild: Stéphane Sednaoui

Stéphane Sednaoui lebte als Modefotograf in New York. Dann kam der 11. September. Der Franzose eilte zum Ground Zero, um zu helfen – und machte beeindruckende Fotos, die er jetzt erstmals zeigt. Ein Gespräch über die Tage, an denen sie entstanden.

          Monsieur Sednaoui, Sie gingen nach den Anschlägen des 11. September 2001 als freiwilliger Helfer zum Ground Zero. Hat die Möglichkeit, Fotos zu schießen, dabei eine Rolle gespielt?

          Ich sage das nicht, um als guter Kerl dazustehen, aber ich hätte meine Kamera fast nicht mitgenommen, einfach weil ich nicht missverstanden werden wollte. Weil ich dann aber doch nicht ganz ohne losziehen mochte, nahm ich am Ende meine kleine Ricoh-Kamera mit. Die braucht nicht viel Platz.

          In welchen Momenten haben Sie die Kamera ausgepackt?

          In der ersten Nacht wollte ich sie eigentlich gar nicht rausholen. Aber als ich nach acht Stunden Arbeit meine Arme nicht mehr heben konnte, habe ich es dann doch gemacht. Erst traute ich mich nicht, die Arbeiter zu fotografieren, und habe an einem abgeschiedenen Ort ein paar Bilder geschossen. Es war so unwirklich, schrecklich schön. Erst später habe ich dann mein Team fotografiert, immer wenn wir Pause machten und ganz ruhig sein mussten, damit Spezialisten horchen konnten, ob unter uns Überlebende eingeschlossen sind. Ich habe schnell gemerkt, dass das überhaupt nicht anstößig oder so war; selbst die Feuerwehrmänner schossen in diesen Momenten Fotos.

          Wie hat der 11. September für Sie begonnen?

          Ich war in meiner Wohnung in Manhattan und habe geschlafen, als mich das Geräusch eines Flugzeugs weckte. Es hörte sich an, als flöge die Maschine direkt über das Haus, und dann war da dieser Knall, sehr matt, wie eine gedämpfte Explosion. Ich dachte, Scheiße, was ist das, sprang zum Fenster und sah ein Loch in einem der Türme des World Trade Centers. Ich dachte, ein kleines Flugzeug ist hineingeflogen, ein Unfall. Ich bin dann auf meine Dachterrasse, um einen besseren Blick zu haben, sah, wie ein Feuer ausbrach, größer und größer und größer wurde, und dachte instinktiv: Ich muss Bilder davon machen.

          Eine Berufskrankheit?

          Die Kamera ist für mich wie ein Filter für krasse Ereignisse. Mein Hirn konnte nicht verarbeiten, was da passierte. Ich stand nur auf dem Dach und schrie: Was ist hier los? Milliarden von Ratten, die über die Straßen von New York einfallen, wären dasselbe gewesen, komplett surreal, wie ein Horrorfilm. Ich glaube, in solchen Momenten macht jeder automatisch das, was er am besten kann, um irgendwie nützlich zu sein. Ein Feuerwehrmann holt seine Stiefel, ein Fotograf seine Kamera.

          Stéphane Sednaoui

          Sie haben beschlossen, dass Sie noch nützlicher sind, wenn Sie zum Ground Zero gehen. Aber am ersten Tag ließ man sie wie alle anderen nicht aufs Gelände; als Sie es nach einigem Hin und Her am zweiten Tag geschafft hatten - was war Ihre Aufgabe?

          Die meisten Freiwilligen haben Eimer voll Schutt weitergereicht, aber ich wollte Überlebende finden, also kniete ich auf dem Boden, schaufelte mit bloßen Händen Dreck und Schutt beiseite, Stückchen für Stückchen. Irgendwann um zwei Uhr morgens war ich so müde, dass ich nicht mehr buddeln konnte. Und ich begriff allmählich, dass wir nicht nur nach Überlebenden suchten, sondern ebenso nach Toten.

          Vor allem nach Toten. Am Ground Zero wurden nur 18 Überlebende gefunden, der letzte am Mittag des 12. September.

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