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Buschfeuer in Australien : „Wenn Sie fliehen können, müssen Sie fliehen“

Viele Australier werfen Ministerpräsident Scott Morrison vor, dass die Regierung nicht genug für die Feuerwehrleute tue, die ihr Leben riskieren. Bild: dpa

Bei Temperaturen von bis zu 45 Grad wüten die Buschbrände in Australien weiter. Tausende Anwohner sind auf der Flucht. Am Freitag ist die größte Evakuierung in Friedenszeiten der australischen Geschichte angelaufen.

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          Der Pilot warnt die Passagiere vorsorglich beim Anflug auf Melbourne: „Wenn Sie Rauch in der Kabine riechen, dann liegt das an den Buschfeuern!“, sagt er kurz vor der Landung über die Sprechanlage. Tatsächlich ist Australiens zweitgrößte Metropole am Freitag in weiten Teilen in dichten Rauch gehüllt. Anwohner berichten, dass sie so eine Luftverschmutzung bisher noch nicht erlebt hätten.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Die Umweltbehörde warnt vor schlechten bis sehr schlechten Luftwerten, die gefährlich für anfällige Personengruppen wie Kinder, Alte und Kranke sein können. Der Rauch ist mittlerweile sogar so stark, dass das mehr als 1300 Kilometer entfernte Nachbarland Neuseeland betroffen ist. Premierministerin Jacinda Ardern veröffentlichte am Freitag ein Foto, das Bäume in bräunlichem Dunst zeigte.

          Auch einige neuseeländische Gletscher sind inzwischen von Asche aus Australien bedeckt. Das lässt sie nach Angaben des Klimafachmanns Andrew Mackintosh von der Monash-Universität in Melbourne schneller schmelzen, weil ihre Oberfläche dunkler ist. „Steigt die Häufigkeit der Feuer, nimmt der Ascheflug zu, gibt es ein Risiko, dass sie das Verschwinden der Gletscher in Neuseeland beschleunigen.“

          17 Menschen sind bereits gestorben

          Der Qualm über Melbourne verstärkt das apokalyptische Empfinden, das sich im Bundesstaat Victoria und anderen Gegenden im Südosten des Kontinents breitgemacht hat. Die Behörden hatten eindringlich dazu aufgefordert, die Brandgebiete noch vor dem Wochenende zu verlassen. Dann sollen die Temperaturen auf 40 bis 45 Grad ansteigen. Dazu kommen voraussichtlich starke Winde. Besonders dieser Samstag soll ein „sehr gefährlicher Tag werden“. Die Brandkatastrophe könnte damit noch schlimmer werden als am Neujahrstag, als Tausende Touristen und Anwohner an der Südostküste vor dem Feuer an die Strände flüchten mussten.

          Zum ersten Mal überhaupt hat deshalb auch der Bundesstaat Victoria einen Katastrophennotstand ausgerufen. Der Ministerpräsident von Victoria, Daniel Andrews, verhängte ihn über sechs Bezirke. Zuvor hatte New South Wales abermals den Notstand ausgerufen – schon zum dritten Mal seit Oktober, als die ersten Brände ausgebrochen waren. In New South Wales wüten derzeit mehr als 130 Brände.

          Allein in dem Bundesstaat sind mehr als 1365 Häuser niedergebrannt. Mittlerweile sind 17 Personen ums Leben gekommen, davon acht in dieser Woche. Ein Feuerwehrmann starb, als sich sein Wagen überschlug, ein Mann wurde in einem ausgebrannten Auto gefunden. Ein 63 Jahre alter Mann und sein 29 Jahre alter Sohn kamen bei dem Versuch ums Leben, ihr Haus und ihr Habe zu retten.

          Schiff der Marine bringt Menschen in Sicherheit

          Nach Angaben von Ministerpräsident Andrews ist außerdem die Zahl der Vermissten in Victoria auf 28 Personen gestiegen. „Unsere Herzen sind schwer. Aber wir müssen uns darauf konzentrieren, die Leute zu finden und alle in Sicherheit zu bringen“, schrieb er auf Twitter. Und weiter: „Wenn Sie fliehen können, müssen Sie fliehen.“ Am Freitag ist deshalb auch die größte Evakuierung in Friedenszeiten der australischen Geschichte angelaufen.

          Das 176 Meter lange Schiff „HMAS Choules“ von der Royal Australian Navy holte mehr als 900 Personen aus dem Ort Mallacoota im Osten des Bundesstaats an Bord. Die „MV Sycamore“ verließ den Ort mit weiteren 57 Personen. Das Fernsehen zeigte Bilder von Anwohnern und Touristen, die sichtlich von den Erlebnissen gezeichnet waren. Sie wurden mit Taschen bepackt von Soldaten auf Boote und Amphibienfahrzeuge und die Schiffe geleitet.

          Manche trugen Kissen, Decken und sogar Haustiere mit sich. Einige von ihnen umarmten einander, bevor sie in die Boote stiegen. Sie haben etwas hinter sich, was einige Anwohner zuvor als „Hölle auf Erden“ beschrieben hatten. Der Himmel war in dem Ort Mallacoota am Neujahrstag komplett verdunkelt gewesen und hatte dann in einem tiefen Blutrot geleuchtet. Rund 4000 Menschen hatten sich am ersten Tag des Jahres vor den Flammen an den Strand gerettet. Nun lassen viele von ihnen Häuser, Autos und Wohnmobile zurück.

          Premierminister gerät weiter unter Druck

          Die Reise bis zum Western Port in Hastings, südlich von Melbourne, soll für sie mindestens 17 Stunden dauern. Von dort werden sie in verschiedene Evakuierungszentren gebracht. Nick Ritar, einer der Anwohner, sagte vor der Abfahrt, die rauchfreie Luft auf dem Meer habe sofort gut getan. Er habe in seinem Leben schon mehrere Buschfeuer erlebt. „Leider ist es etwas, an das wir uns gewöhnen müssen“, sagte er dem Fernsehsender ABC.

          Die Behörden in New South Wales haben eine Zone entlang der Küste bis zur Grenze nach Victoria ausgerufen, in der die Menschen zur Flucht aufgefordert werden. Nicht alle sind dazu bereit. Aber der Notstand gibt den Behörden zusätzliche Befugnisse. Sie können Anwohner zur Evakuierung zwingen und Straßen komplett sperren. Auch am Freitag kam es auf den Straßen zu langen Staus mit Tausenden Autos, Wohnwagen und Lastwagen. Vor den Tankstellen und auch vor Supermärkten bildeten sich Schlangen.

          Im Angesicht der Krise gerät der schon in die Kritik geratene Premierminister Scott Morrison weiter unter Druck. Viele Australier werfen ihm vor, dass die Regierung nicht genug für die Feuerwehrleute tue, die seit Wochen ihr Leben riskieren. Oft sind es Farmer, die freiwillig den Dienst bei der Feuerwehr übernehmen. Morrison wird außerdem für seine Haltung in Bezug auf den Klimawandel kritisiert.

          Die Opposition regt sich

          Einige Anwohner ließen ihrer Wut freien Lauf, als der Premierminister ihre Gemeinden besuchte, und verweigerten ihm den Handschlag. In dem Ort Cobargo war Morrison als „Idiot“ beschimpft worden. Morrison äußerte am Freitag Verständnis. Er nehme es „nicht persönlich“, dass die Menschen so reagierten.

          Oppositionsführer Anthony Albanese, der sich angesichts des Infernos bislang auffällig zurückgehalten hatte, sprach vom Widerspruch in der Darstellung der Regierung. „Sie sagen, wir stehen nur für 1,3 Prozent der Emissionen auf der Welt, deswegen brauchen wir nichts zu tun, denn das mache keinen Unterschied. Die Wahrheit aber ist, das sich nichts ändert, wenn das jeder sagt.“

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