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Prinz Philip geht in Ruhestand : Freude gemacht hat ihm die Rolle des Statisten nie

Es war ihm eine Ehre: Prinz Philip am Donnerstag in London Bild: Reuters

Seit ihrer Hochzeit im November 1947 ist die Queen fast immer an der Seite ihres Ehemannes aufgetreten, oder vielmehr: dieser an der Seite seiner Frau. Das ist bald vorbei. Für Prinz Philip ist es auch eine Befreiung.

          Als in der Nacht bekannt wurde, dass der königlichen Hofstaat zu einer Sondersitzung im Buckingham Palace zusammengerufen wurde, befürchteten manche schon das Schlimmste. „Prinz Philip stirbt mit 95“ hieß es kurzzeitig in der Online-Ausgabe der „Sun“, bevor die Redakteure der Boulevard-Zeitung die Falschmeldung nebst Nachruf wieder von der Seite nahmen. Es bedarf wenig Phantasie, sich den galligen Kommentar des für tot erklärten Prinzgemahls auszumalen.

          Bye bye: Prinz Philip geht in den Ruhestand
          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Philip lebt. Er will sich aber vom Herbst an von seinen öffentlichen Verpflichtungen zurückziehen. Der Prinz habe dies so entschieden und genieße die volle Unterstützung der Königin, hieß es in einer Mitteilung des Buckingham Palace, die nach der Sondersitzung herausgegeben wurde. Für die Unterrichtung waren die Bediensteten des Hofes aus dem ganzen Land zusammengerufen worden. Die Mitteilung stellte auch klar, dass Königin Elisabeth II. ihr „volles Programm“ unverändert fortsetzen werde. Und auch ihr Mann „könnte sich hin und wieder entscheiden, einem öffentlichen Ereignis beizuwohnen“.

          Philip wird im kommenden Monat 96 Jahre alt, und doch kam die Nachricht seines Rückzugs überraschend. Noch am Tag zuvor hatte er, in bester Form, die neue Tribüne eines Londoner Kricketclubs eröffnet und sich dabei wieder einmal als den „erfahrensten Plaketten-Enthüller der Welt“ bezeichnet. Schon am Dienstag wird Philip wieder öffentlich auftreten, wenn er dem Pangbourne College in Berkshire zu dessen 100. Geburtstag einen Besuch abstattet. Wann genau Schluss sein wird, teilte der Palast nicht mit. Aber auch nach dem Stichtag „wird der Herzog von Edinburgh den 780 Organisationen, deren Präsident oder Mitglied er ist, verbunden bleiben, auch wenn er nicht länger eine aktive Rolle spielt und an Veranstaltungen teilnimmt“.

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          Über die genaue Zahl seiner öffentlichen Auftritte bei Eröffnungen, Wohltätigkeitsveranstaltungen oder Jubiläen herrschte am Donnerstag zunächst Uneinigkeit. Die BBC zählte 110 allein im vergangenen Jahr. Die in solchen Angelegenheiten oft gut informierte „Daily Mail“ bezifferte sie sogar auf 219 und hielt fest, dass er damit fleißiger war „als Prinz William, die Herzogin von Cambridge und Prinz Harry zusammen“. Wie viele Auftritte er in den vergangenen sieben Jahrzehnten hingelegt hat, das wusste nur der Buckingham-Palast zu berichten. Seit der Thronbesteigung seiner Frau im Jahr 1952 habe der Herzog von Edinburgh 22191 Einzelauftritte gehabt, hieß es auf dem royalen Twitter-Account.

          „Wohlverdienter Ruhestand“

          Da konnte sich niemand wundern, als Labour-Chef Jeremy Corbyn am Donnerstag von einem „wohlverdienten Ruhestand“ sprach. Eher überraschte es, dass Corbyn, der überzeugter Republikaner ist, sich überhaupt zu Philip äußerte. Aber schließlich ist Wahlkampf, und da wollte er Premierministerin Theresa May vermutlich nicht nachstehen.

          Sie übermittelte dem Prinzgemahl „im Namen des ganzen Volkes unsere tiefe Dankbarkeit und guten Wünsche“. Sie würdigte Philips „standfeste Unterstützung“ der Queen und seine zahlreichen Schirmherrschaften und sagte: „Sein Beitrag wird für das Vereinigte Königreich, das Commonwealth und die weitere Welt noch für Jahre von riesigem Nutzen für uns alle sein.“ Erst am Tag zuvor hatte May die Queen im Buckingham Palace getroffen, um sie über die Auflösung des Parlaments zu informieren. Womöglich haben die beiden bei dem Anlass auch schon darüber gesprochen, ob die Queen im Juni das neu gewählte Parlament zum ersten mal ohne die Begleitung ihres Mannes eröffnen wird.

          Freude gemacht hat ihm die Rolle des Statisten nie

          Seit ihrer Hochzeit im November 1947 ist die Königin fast immer an der Seite ihres Ehemannes aufgetreten, oder vielmehr: dieser an der Seite seiner Frau. Freude gemacht hat ihm die Rolle des Statisten nie. Lange Jahre soll er darunter gelitten haben. Dafür spricht nicht zuletzt seine berühmte Selbstbeschreibung als „Amöbe“. Seinem Pflichtbewusstsein stand das nicht im Wege. Er kam seiner Aufgabe mit knorrig-eleganter Distanziertheit und kaum merklicher Selbstironie nach.

          Den Briten, und nicht nur ihnen, werden nicht zuletzt die respektlosen Bemerkungen des Prinzgemahls fehlen, die gelegentlich Empörung oder Irritation, oft aber auch Heiterkeit hervorgerufen haben. In den sechziger Jahren stellte der Herzog von Edinburgh trocken fest: „Britische Frauen können nicht kochen.“ Bei einem Besuch in Deutschland begrüßte er den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl als „Reichskanzler“. Vor 15 Jahren fragte er eine Delegation von Aborigines während eines Staatsbesuchs in Australien, ob sie sich eigentlich immer noch mit Speeren bewerfen würden. Den Habit des nigerianischen Präsidenten kommentierte er mit den Worten: „Sie sehen aus, als wollten Sie gleich ins Bett gehen.“

          Gewissermaßen zur Gravur seines Lebenswerks ist ein Satz geworden, der auf einer Reise durch Kanada fiel: „Hiermit erkläre ich dieses Ding für eröffnet, was immer es ist.“ Wenn er Selbstkritik geäußert hat, dann verschlüsselt: „Ich würde die Fehler, die ich mache, lieber nicht machen“, sagte er zu seinem 90. Geburtstag einem Fernsehsender, um sogleich hinzuzufügen: „Welche es sind, werde ich nicht verraten.“

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