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Greta Thunberg in New York : „Make America Greta Again“

Greta Thunberg geht mit noch etwas wackeligen Beinen in New York an Land. Bild: AFP

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg kommt nach zweiwöchiger Atlantiküberquerung in New York an. Dort bekommt die junge Schwedin einen lautstarken Empfang und kritisiert sofort Donald Trump.

          3 Min.

          „Land!! Die Lichter von Long Island und New York City vor uns.“ Das twittert Greta Thunberg am frühen Mittwochmorgen, begleitet von einem Foto, auf dem ein paar helle Punkte in der Dunkelheit zu sehen sind. Zu diesem Zeitpunkt ist die 16 Jahre alte schwedische Klimaaktivistin mit der Segelyacht „Malizia“, auf der sie die vergangenen beiden Wochen verbracht hat, nur noch um die fünfzig Seemeilen von ihrem Zielhafen in Manhattan entfernt. Bis sie dort ankommt, werden aber noch einige Stunden vergehen. Auf dem Weg dorthin sind noch Zoll- und Einwanderungsformalitäten zu erledigen. Und es geht an einem Empfangskomitee der Vereinten Nationen vorbei: 17 Segelboote warten auf die Klimaaktivistin und ihre Crew, als Symbol für die 17 Nachhaltigkeitsziele der Organisation. Für „frühestens um 14:45 Uhr“ kündigt Thunberg ihre Ankunft an.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Es ist noch einmal eine gute Stunde später, als sie bei leichtem Regen am „North Cove“-Hafen unweit des Ground Zero einfährt. Sie wird von lautstarken „Greta! Greta!“-Rufen empfangen, manche singen „Welcome, Greta“ nach der Melodie von „Bruder Jakob“. Mehrere hundert Menschen sind gekommen, darunter viele Kinder und Jugendliche, außerdem ein riesiges Medienaufgebot. Es ist eine stattliche Gruppe, wenn auch vielleicht kein Massenauflauf. Die Menschen halten Transparente mit Aufschriften wie „Make America Greta Again“ oder „Willkommen in New York“.

          Klimapolitik: Trump ist „in einer ganz eigenen Liga“

          Gabriel Reichelt hat sogar „Willkommen auf New York“ in Schwedisch auf sein Pappschild geschrieben. Das Schild hat der zwanzig Jahre alte New Yorker schnell in der U-Bahn fertiggestellt. Er ist selbst in einer Organisation von Jugendlichen, die gegen den Klimawandel kämpft, und er findet, die Vereinigten Staaten gehörten zu den schlimmsten Ländern, was Klimapolitik betreffe. Nicht erst seit Donald Trump Präsident sei, aber Trump sei „in einer ganz eigenen Liga“.

          Greta Thunberg ist für ihn ein Beispiel für „außerordentliche Courage“: „Sie weigert sich, zu tun, was alle ihr sagen.“ Der zwölf Jahre alte Isa Ruiz ist mit seiner Schwester und einer guten Freundin gekommen. Er sagt, Greta Thunberg habe ihn inspiriert, sich selbst mehr zu engagieren. Er habe schon an mehreren Klimademonstrationen teilgenommen und sogar einen eintägigen Hungerstreik gemacht, um ein Zeichen zu setzen.

          Viele Fans überreichen Greta Thunberg Geschenke zur Ankunft.

          Greta Thunberg winkt der versammelten Menschenmenge zu, als sie im Hafen ankommt. Mit etwas wackligen Schritten steigt sie aus dem Boot und schüttelt ihren Fans die Hände. „Das ist alles sehr überwältigend,“ sagt sie, als sie ans Mikrofon geht. Zwar fühle sich der Boden noch nicht ganz stabil an, aber der ganze Trip sei erstaunlich gut verlaufen. „Ich bin kein einziges Mal seekrank gewesen.“ Nun aber wolle sie sich erst einmal ein paar Tage ausruhen, und sie freue sich darauf, etwas Frisches zu essen anstatt der gefriergetrockneten Mahlzeiten, die es auf dem Boot gegeben habe. Sie werde aber auch den Frieden und die Ruhe auf dem Ozean vermissen. Auch einen ihrer flammenden Appelle zum Klimawandel gibt sie: Dies sei die größte Krise, die die Menschheit jemals erlebt habe. „Wir müssen alle zusammenstehen und uns unterstützen. Ansonsten ist es zu spät.“

          Erste Station einer langen Reise durch Nord- und Südamerika

          Thunberg hat eine mehr als 3700 Seemeilen lange Schiffsreise hinter sich. Sie hat sich vom Hamburger Profisegler Boris Herrmann und dessen Freund und Teamkollegen Pierre Casiraghi, dem Sohn von Prinzessin Caroline von Hannover, über den Atlantik bringen lassen. An Bord waren auch Thunbergs Vater Svante und ein Kameramann.

          Gestartet ist die Gruppe am 14. August im südenglischen Plymouth. Und New York wird nur die erste Station einer langen Reise durch Nord- und Südamerika sein, für die sie sich eine einjährige Auszeit von der Schule genommen hat. In der amerikanischen Metropole wird sie in der zweiten Septemberhälfte auf einem Klimagipfel der Vereinten Nationen auftreten und außerdem an mehreren Klimaprotesten teilnehmen. Von da an soll es über Kanada und Mexiko nach Chile weitergehen, wo im Dezember eine weitere Klimakonferenz stattfindet.

          Greta Thunberg überquert den Atlantik
          Verfolgen Sie die „Malizia II“ in Echtzeit

          Und wie nun schon bei ihrem Trip nach New York, den sie demonstrativ nicht per Flugzeug bewältigt hat, will sie sich bei ihren nächsten Reisen auf möglichst umweltfreundliche Fortbewegungsmittel beschränken, zum Beispiel Busse und Bahnen. Wie sie am Ende wieder zurück nach Europa kommt, hat sie bislang nicht verraten. Klar ist aber, dass ihre beiden Segelprofis auf dem Luftweg heimreisen werden. Das und auch der Umstand, dass eine andere Crew nach New York geflogen ist, um die „Malizia“ wieder auf dem Seeweg zurückzubringen, hat zu Kritik beigetragen, wonach Thunbergs Segeltörn nach Amerika unter dem Strich womöglich doch nicht so klimafreundlich war wie es den Anschein haben mag.

          Die Fahrt nach New York war alles andere als luxuriös. Die „Malizia“ ist zwar eine hochmoderne Yacht, aber der Komfort hält sich in Grenzen. Es gibt weder eine Dusche noch eine Toilette. Um Energie erzeugen zu können, wurde sie mit Solaranlagen und Unterwasserturbinen ausgerüstet.

          In Amerika begibt sich Greta Thunberg auf heikles Terrain. Donald Trump gilt schließlich nicht gerade als energischer Kämpfer gegen den Klimawandel, wie er spätestens mit dem Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen der ganzen Welt signalisiert hat. Thunberg hat gesagt, sie halte ein Treffen mit Trump für Zeitverschwendung. Er würde ihr ohnehin nicht zuhören. „Es ist seltsam, dass mich jeder immer nach Donald Trump fragt,“ sagt sie bei ihrer Ankunft in New York. Seine Botschaft an ihn sei, er solle der Wissenschaft zuhören. „Aber offensichtlich tut er das nicht.“

          In New York wird Greta Thunberg von jungen Fans empfangen.

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