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Greta Thunberg in Madrid : „Der Wandel wird kommen, ob sie es wollen oder nicht“

Demonstranten in Madrid beim Marsch zur Abschlusskundgebung. Bild: AFP

Pünktlich zur geplanten Großkundgebung erreicht Greta Thunberg Madrid – und verschafft den bereits anwesenden Klimaaktivisten Aufmerksamkeit. Auf der Abschlusskundgebung erhält sie prominente Unterstützung.

          3 Min.

          Mit jedem Tag wuchs die Unruhe. „Wo ist Greta?“ lautete ein Hashtag im Internet. Seit sie am Dienstag mit ihrem Katamaran in Lissabon landete, war die schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg verschwunden. Gefälschte Fotos tauchten auf, Gerüchte schossen ins Kraut. Am Donnerstag wollten sie dann einige auf der UN-Klimakonferenz in Madrid gesehen haben. Aber dort traf die 16 Jahre alte Schwedin erst am Freitag ein. Am Morgen verließ sie auf dem Bahnhof in Madrid-Chamartín mit ihrem Vater den Nachtzug aus Lissabon. Gut zehn Stunden hatte die Fahrt mit dem Nachtzug aus Lissabon gedauert, den zu ihrem Bedauern zum Teil eine Diesellok zog.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Ironisch teilte Greta Thunberg in einer ersten Twitter-Nachricht mit, ihr sei es gelungen, sich in die spanische Hauptstadt zu schleichen – „ich glaube, niemand hat mich gesehen...“ Es war klar, dass sie keine Chance hatte. Schon bei ihrer Abfahrt in Lissabon, im Zug und bei ihrer Ankunft war sie von Journalisten und Fotografen umlagert. Aber die Sechzehnjährige behielt die Initiative. Trotz des wachsenden Pressetrosses, der sich an ihre Fersen heftete, setzte sie ihr Katz- und Maus-Spiel fort. Auf dem Bahnhof im Madrider Norden mussten ihr Polizisten den Weg zu den beiden wartenden roten Elektroautos bahnen. Eigentlich war erst für den Nachmittag war eine erste Pressekonferenz angesetzt, bevor sie sich dann der großen „Fridays for Future“-Demonstration auf dem Castellana-Boulevard anschließen wollte. „Heute schreiben wir Geschichte“, hieß es in einer Einladung, die sie per Twitter weiterleitete.

          „Monopol der Technokraten“ gebrochen

          Die Sechzehnjährige tauchte aber schon gegen Mittag in den Messehallen am Stadtrand auf, um sich an einem Sitzprotest junger Klimaaktivisten zu beteiligen – bei ihrer Ankunft hatte sie ihr Schild mit der Aufschrift „Schulstreik fürs Klima“ unter dem Arm, das sie vor einem Jahr berühmt machte. In den Hallen der Klimakonferenz hatten es die jungen Aktivisten bis dahin schwer, Aufmerksamkeit zu finden. In den ersten Tagen dominierten die Politiker die Bühnen, nächste Woche beginnen die Verhandlungen.

          Etablierte Umweltorganisationen überließen den jungen Aktivisten einige Akkreditierungen und Räume für Pressekonferenzen. Die Bewegung werde „größer und größer“, sagte Greta Thunberg und erinnerte an die Schulstreiks, die seit eineinhalb Jahren in ihrer schwedischen Heimat stattfinden. „Unsere Stimmen werden mehr gehört, aber die Politiker handeln bisher nicht“, bedauerte sie. Die Weltführer hätten immer noch nicht die Dringlichkeit der Klimakrise begriffen: „Wir können nicht länger warten“, sagte sie. Aus Angst vor Veränderung versuchten einige, Aktivisten wie sie zum Schweigen zu bringen.

          Nachtzug aus Lissabon: Greta Thunberg erreicht Madrid, wo sie an der Großkundgebung anlässlich der Klimakonferenz teilnehmen will.

          Sichtlich genervt reagierte Greta Thunberg, darauf, dass auf der Pressekonferenz nur sie und nicht die anderen Sprecher aus Spanien und Afrika auf dem Podium gefragt wurden. Sie sei „nur ein kleiner Teil einer sehr großen Bewegung. Wir brauchen mehr Klimaaktivisten“, sagte die Schwedin. „Wir streiken seit mehr als einem Jahr und nichts ist wirklich passiert.“ Die Emissionen nähmen weiter zu.

          Dank Greta Thunberg sei das „Monopol der Technokraten“ endlich gebrochen, die auf den vergangenen COP-Konferenzen den Ton angaben, sagt die chilenische Aktivistin Estefanía González. Ursprünglich sollte die Konferenz in Santiago de Chile stattfinden, wo sie aber wegen der andauernden Proteste abgesagt und kurzfristig nach Madrid verlegt wurde. Dorthin sind auch mehr als ein Dutzend deutscher Aktivisten der „Fridays for Future“-Bewegung gereist – per Bahn oder Bus und nicht im Flugzeug. Sie folgten dabei dem Vorbild von Greta Thunberg, die auf Flugreisen verzichtet, um dem Klima nicht zu schaden.

          Klima-Marsch mit Abschlusskundgebung

          Annika Kruse aus Winsen war 22 Stunden im Zug über Paris und Barcelona nach Madrid unterwegs. In ihrer Heimatstadt war die heute 18 Jahre alte Studentin eine Mitgründerin der lokalen Klimabewegung. Sie streikte jede Woche und half, die großen Aktionen zu organisieren. Greta Thunberg kennt sie schon von einer Konferenz in Lausanne im Sommer. „Greta ist das Gesicht der Bewegung. Sie zeigt die Wahrheit auf. So drastisch, wie es Greta ausdrückt, sagt es niemand“, meint Annika Kruse. Sie ist skeptisch, dass auf der Klimakonferenz in Madrid etwas herauskommen wird. „Aber wenn ich denken würde, es gäbe keine Chance, wäre ich nicht hier“, sagt die deutsche Aktivistin.

          Zusammen mit Greta Thunberg brach sie am Abend am Madrider Atocha-Bahnhof auf, um am Prado-Museum und dem Cibeles-Brunnen vorbeizumarschieren. Die Organisatoren sprachen von einer halben Million Menschen auf dem fünf Kilometer langen Klima-Marsch. Doch auf dem Castellana-Boulevard taten sich unter den Demonstranten immer wieder Lücken auf, so dass Zweifel an der Zahl aufkamen. Für Greta Thunberg waren es schon am Anfang zu viele: Die Polizei bat sie aus Sicherheitsgründen, in ein Elektroauto umzusteigen, da die vielen Journalisten und Anhänger um sie herum verhinderten, dass sich der Zug in Gang setzte.

          Auf der Abschlusskundgebung sprach sie nach dem spanischen Schauspieler Javier Bardem und Aktivisten aus Lateinamerika zu den Demonstranten. Sie ging hart mit den Politikern ins Gericht, denen sie Verantwortungslosigkeit und Betrug vorwarf. „Ihr seid die Hoffnung“, rief sie nach einigen Worten auf Spanisch den Tausenden vor der Bühne zu; wieder hatte sie ihr „Schulstreik“-Schild in Händen. „Wir weisen den Weg. Der Wandel wird kommen, ob sie es wollen oder nicht. Wir haben keine andere Wahl“, sagte die Sechzehnjährige.

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