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Gottfried Graf Bismarck : Tod eines Exzentrikers

Wurde in England „The Count” genannt: Gottfried Graf von Bismarck-Schönhausen Bild: AP

In London hieß er nur „The Count“. Seine wilden Partys waren stadtbekannt. Gottfried Graf Bismarck lebte auf der Überholspur - und wollte das offenbar gerade ändern. Zu spät. Der Teufel scheint am Ende doch gewonnen zu haben.

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          Er war der letzte Dandy der Londoner Partyszene, und unerwartet früh hat es ihn aus der Kurve getragen. Als die Polizei am Montag in der 7,5 Millionen Euro teuren Londoner Penthouse-Wohnung von Gottfried Graf von Bismarck-Schönhausen eintrifft, findet sie nahezu leere Zimmer vor. Auf dem Boden die Leiche des Grafen. Die Drogenutensilien um ihn herum lassen kaum einen Zweifel an der Todesursache: eine Überdosis Heroin. Die Obduktion wurde angeordnet, Scotland Yard ermittelt.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Vor acht Monaten hatte die Polizei diese Wohnung schon einmal aufgesucht. Damals bot sich ein anderes Bild: Gummimatten, Handtücher, haufenweise Sexspielzeug, aufgestellte Spiegel, Videorekorder, Pornofilme und eine Gruppe verstört aussehender Männer, allesamt aus Londons besten Kreisen. Sie konnten kaum fassen, was gerade passiert war: Einer der Gäste hatte sich von der Dachterrasse aus zwanzig Meter Höhe in die Tiefe gestürzt - einfach so, während ein Freund ein Glas Wasser aus der Küche besorgte. Die Ärzte fanden im Blut des 38 Jahre alten Mannes 5,4 Milligramm Kokain.

          Leben auf der Überholspur

          Über die Partys des 44 Jahre alten Ururenkels des Eisernen Kanzlers wurde viel getuschelt. Sein exzentrischer Lebenswandel machte ihn weit über London hinaus bekannt. „Er lebte ein Leben auf der Überholspur, und so starb er“, erinnert sich Anne McElvoy, eine Freundin des Grafen, die für den „Evening Standard“ schreibt.

          Fände die Lebensform seines Ur-Ur-Enkels vermutlich nicht so toll: Otto von Bismarck

          Bestürzt reagierte die Familie auf Schloss Friedrichsruh bei Hamburg. Nur eine Woche zuvor war der Sohn des Hauses noch vorbeigekommen und dann weitergereist mit seinem älteren Bruder, dem CDU-Bundestagsabgeordneten Carl-Eduard Bismarck: zunächst zu einem Fest in Bad Driburg bei Graf und Gräfin von Oeynhausen. „Picobello stand er da im Tweedsakko, mit türkisfarbenem Einstecktuch, Cordhosen und roten Socken - very British und sehr witzig“, erinnert sich ein Augenzeuge. Dann fuhren die Brüder weiter nach Kassel, zur Documenta.

          „The Count“

          Halb liebevoll, halb spöttisch nannte man ihn in England nur „The Count“. Böse Zungen in seiner Heimat hängten ihm das Etikett „Koks-Graf“ an. Der Deutsche vereinigte alle Merkmale eines englischen Dandys - ein Beau Brummel des 21. Jahrhunderts, jenes modeversessenen Playboys, der einst seine Schuhe mit Champagner polierte. Hätte der Aristokratenspross vor hundert Jahren gelebt, hätte er vermutlich ausschweifende Feste in seiner Villa auf Capri gegeben und sich ansonsten der Kunst der Konversation gewidmet. Bekannte beschreiben ihn als „liebenswürdigen, amüsanten, maßlos eleganten Mann, der in zwielichtigen Momenten ganz in seinem Element ist“.

          Schon der junge Bismarck machte mit seiner Vorliebe für Lippenstifte und Netzstrümpfe auf dem Universitätscampus von sich reden. Auch mit Lederhosen wusste er die auf deutsche Klischees versessenen englischen Freunde zu begeistern. Denen war es egal, dass der vermeintliche Bayer eigentlich aus Hamburg stammte. Später sah man ihn auf Festen häufig in Phantasiekostümen mit Zylinder oder Turban über der auffallend hochgewölbten Stirn.

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