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Google-Ranking : „Was ist Brexit?“

Wer er ist, wissen die Deutschen ohne Google. Bei der Frage, was Boris Johnson mit dem Brexit zu tun hat, wird aber gerne die Suchmaschine bemüht. Bild: dpa

Wissen Sie, was Kappa ist oder wer nochmal Evelyn Burdecki war? Das Google-Ranking offenbart so einiges darüber, was die Leute dieses Jahr bewegt hat.

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          Wenn man wissen will, was die Menschen bewegt, müsste die größte Antworten-Maschine der Welt doch weiterhelfen können. Dumme Fragen gibt es bekanntlich nicht. Googelt man also: „Was bewegt die Menschen?“ führen einen die ersten drei Ergebnisse zu einem Motivationscoach, einem ökologischen Wirtschaftsforschungsinstitut und einem Blog über die Kabbala und den Sinn des Lebens. Vielleicht gibt es doch dumme Fragen.

          Sinnvoller ist es, einen Schritt zurückzugehen und sich zu fragen, was andere (also „die Menschen“) sich (also Google), so gefragt haben. Der Konzern selbst gibt jedes Jahr eine Liste mit den meistgesuchten Begriffen, Nachrichten, Persönlichkeiten und Fragen heraus. Google veröffentlicht keine absoluten Zahlen, sondern einen relativen Wert des Suchinteresses. An jedem Tag und in jeder Region kann ein Begriff einen Suchwert zwischen null und 100 annehmen. Am Ende stehen nach Kategorien geordnete Listen mit den wichtigsten Suchbegriffen. In gewisser Weise ist es also ein Spiegel dessen, was die Leute 2019 tatsächlich bewegt hat.

          In Deutschland waren das vor allem  Nachrichten. Eine bewegte am Anfang des Jahres die Öffentlichkeit: der Fall der Rebecca Reusch. Seit Februar ist die Schülerin aus Brandenburg verschwunden und bis jetzt nicht gefunden worden. Ebenso griffen die Leute auf die Suchmaschine zurück, als die Kirche Notre-Dame de Paris brannte. Weltweit gehörte Notre-Dame zu den fünf meist gesuchten Begriffen. In Deutschland schaffte es zudem die Handball-WM in die Liste. Das deutsche Team musste zwar ohne Medaille nach Hause fahren, versetzte die Anhänger aber offenbar in ausreichend große Begeisterung, dass es für Platz drei der meistgesuchten Begriffe reichte.

          Sport verbindet

          Ohnehin lässt sich sagen: Wenn etwas die googelnde Weltbevölkerung verbindet, dann ist es wohl der Sport. Bei den News besetzen die Plätze eins, drei und fünf Suchanfragen zu Sportereignissen. Allen voran das Fußball-Turnier Copa America, gefolgt von der Cricket-Weltmeisterschaft und der Rugby-Weltmeisterschaft. Der weltweit meistgesuchte Begriff lautete übrigens: „India vs. South Africa“. Damit jetzt niemand googeln muss: gemeint ist eine Cricket-Begegnung.

          Der Jahresrückblick der Suchmaschine erinnert zugleich an diejenigen, die seit diesem Jahr nicht mehr da sind. Weltweit bewegte der Tod von Karl Lagerfeld. In Deutschland suchten in der Kategorie „Abschied“ so viele Personen nach ihm, wie im ganzen Jahr nach niemandem sonst.

          Auf Platz zehn der meistgesuchten Begriffe protestierte sich Greta Thunberg, was sie keinesfalls verärgern sollte. Denn in der Kategorie „Persönlichkeiten“ war sie die meistgesuchte. Auf Platz eins steht also die Beschützerin der Natur; auf Platz zwei gewissermaßen die Bezwingerin der Natur: Dschungelcamp-Gewinnerin Evelyn Burdecki. Und Apropos Dschungelcamp: Mit Königin Burdecki tummeln sich insgesamt sechs Prominente in dem Ranking, die bei der diesjährigen Ausgabe der RTL-Sendung dabei waren – von Peter Orloff bis Doreen Dietel. Ob das mehr über die ungeschönte Interessenslage der Deutschen aussagt oder darüber, dass der Begriff „Star“ im Titel der Sendung nun bewiesenermaßen euphemistisch ist, bleibt offen. Und vermutlich zu komplex zum Googeln.

          Politische Fragen bewegen

          Kulturpessimistische Verzweiflung ist trotzdem fehl am Platz. Auch dank der Suchmaschine wissen jetzt wohl mehr Leute als vorher, wer eigentlich Saskia Esken ist. Die neue Parteivorsitzende der SPD belegt unter den Persönlichkeiten Platz neun. Aber auch sonst suchten die Leute Antworten auf politische Fragen –über die Europawahl, Sri Lanka und den Artikel 13, über den nicht nur das europäische Parlament im Zuge der Urheberrechtsreform lange diskutierte. Auch bei den Google-Fragen, die mit „Was“ beginnen, dominiert politisches Interesse: „Was ist Artikel 13?“ war die meistgestellte Frage. Dahinter folgt „Was ist Brexit?“, was bei genauerer Betrachtung nicht überrascht. Je länger der Brexit dauert, desto weniger scheint man zu wissen, um was es bei dem britischen Spektakel nochmal ging.

          Was die Google-Such-Trends sonst noch zeigen: Das Internet wird offenbar immer wichtiger darin, sich selbst zu erklären. In Deutschland beispielsweise wollten Nutzer unter den „Wie-Fragen“ unbedingt wissen, wie der Floss Dance geht, ein Tanz aus dem Computerspiel Fortnite. Bei den „Was-Fragen“ findet sich eine nach der Bedeutung von Kappa, einem Meme, das ursprünglich auf der Streamingplattform Twitch kursierte und Ironie oder Sarkasmus anzeigt. Unter den Nutzern in den Vereinigten Staaten ist das noch ausgeprägter. Unter den Top-Fünf-Suchanfragen, die mit „Was“ beginnen, beziehen sich drei auf Phänomene aus dem Netz – VSCO-Mädchen, Momo (Challenge) und Boomer. Für alte Sprache statt für Slang interessierten sich dann aber doch noch ein paar: „Was ist quid pro quo“ liegt auf Platz fünf in den Vereinigten Staaten.   

          Eine Suchanfrage zeigt schließlich auch Googles Grenzen auf: „Was ist die Area 51?“ An der Antwort  – ein militärisches Sperrgebiet in Nevada – müssen Google und Politiker anscheinend noch arbeiten. Die Frage taucht zuverlässig seit Jahren im Trend-Ranking auf, in Deutschland, wie in Googles Heimat Amerika. Das bewegt die Menschen also, solange bis es eine befriedigende Antwort gibt.

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