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Andy Serkis im Gespräch : „Den Ehren-Oscar würde ich ablehnen“

Der doppelte Andy Serkis: Als reale Person und als Schimpanse „Caesar“ in „Planet der Affen“ Bild: EPA

Er war Gollum, King Kong und spielt Caesar im „Planet der Affen“: Andy Serkis über Tiere, besondere Stimmen, Menschen, Außenseiter – und sein Gesicht.

          7 Min.

          Andy Serkis ist das noch recht seltene Exemplar eines Schauspielers, der zwar schon zahlreiche Hauptrollen und prägnante Nebenrollen gespielt hat, dessen Gesicht dabei aber häufig gar nicht zu sehen ist. Der Brite gilt als Großmeister des Performance-Capture-Schauspiels: Hierbei trägt der Darsteller hautenge Anzüge, die wie sein Gesicht mit punktförmigen Markern versehen sind. Diese zeichnen seine Bewegungen und Mimik auf, um damit eine digitale Figur zu täuschend echtem Leben zu erwecken. Serkis hat Tiere gespielt, Comicwesen, bizarre Gestalten, die meist zur Hauptattraktion des Films werden, darunter King Kong oder Gollum aus dem „Herrn der Ringe“. Als Schimpansen-Anführer Caesar, den er nun im Film „Planet der Affen: Survival“ zum dritten Mal spielt, wirkt er allerdings menschlicher als die dort auftretenden Exemplare des Homo sapiens. Es ist eine echte Charakterrolle.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Willkommen in Berlin, Mr. Serkis. Hatten Sie schon Gelegenheit, Fatou zu treffen?

          Fatou? Wer ist Fatou?

          Fatou lebt im Berliner Zoo und ist mit ihren sechzig Jahren einer der zwei ältesten Gorillas der Welt, möglicherweise sogar der älteste.

          Oh, großartig! Nein, ich habe sie noch nicht getroffen.

          Die Gorillas im Londoner Zoo sind Ihnen hingegen sehr vertraut. Bevor Sie 2005 für Peter Jackson King Kong spielten, hatten Sie mehrere Monate lang dort hospitiert.

          Das stimmt, und ich reiste auch nach Ruanda, um zu studieren, wie sich die Berggorillas in der Wildnis von jenen in Gefangenschaft unterscheiden. Das war eine unglaubliche Erfahrung, und mit einem der Gorillas, Zaire, entwickelte sich eine besonders enge Beziehung.

          Lebt Zaire noch, sehen Sie sich ab und zu?

          Ja, sie lebt noch. Vor etwa drei Jahren habe ich sie besucht, aber mir fehlt inzwischen leider die Zeit, das regelmäßig zu tun.

          Können Sie unseren Lesern erklären, was genau ein Affen-Camp ist?

          In den „Planet der Affen“-Filmen ändern sich die Gesellschaften der Affen, sie entwickeln sich weiter. Wir fanden es wichtig, dass vor dem Drehbeginn jedes neuen Films die unterschiedlichen Charaktere, die alten wie die neuen, zusammenkommen und ausgiebige Improvisationen vollziehen, um die Hierarchie der Gruppe und die verschiedenen Kommunikationsformen von Zeichensprache bis zu den Affenlauten verstehen zu können. Mit dabei sind auch all die Stuntleute, die trainieren mussten, sich wie Affen zu bewegen und zu kämpfen.

          Im engen Anzug und mit Markern im Gesicht: Serkis beim Dreh vom „Planet der Affen“; dank der Hilfe des Computers wird aus dem Schauspieler der Schimpansen-Anführer Caesar. Bilderstrecke

          In diesem Camp laufen und klettern dann alle Darsteller wie Affen.

          Ja, genau. Und wir üben, uns als Gruppe zu bewegen und auf die anderen achtzugeben. Das dauert ein paar Tage.

          Und Sie alle tragen dabei kleine Krücken, um die Arme zu verlängern und wie ein Affe laufen zu können.

          So ist es.

          Dass der von Ihnen gespielte Schimpansen-Anführer Caesar im neuen Film mehr und mehr aufrecht geht, dürfte die Rolle für Sie wesentlich komfortabler gemacht haben.

          Körperlich auf jeden Fall. Andererseits trug ich an meinen Armen und Beinen sehr schwere Gewichte, weil ich wollte, dass er die Spannung in seinem Körper spürte und die Ermüdung, sich seit drei Jahren in einem Krieg zu befinden.

          Kann man Caesar, der immer menschlicher geworden ist, eigentlich noch als Affen betrachten?

          Er ist eine sehr interessante Mischform. Als Kind hat er ein Mittel aufgenommen, das seine Intelligenz verbessert und seine Entwicklung stark beschleunigt hat. Emotional und kognitiv ist er so intelligent wie ein menschliches Wesen. Ich habe ihn immer als einen Menschen in der Haut eines Affen gespielt. Das ist der Widerspruch seines Charakters. King Kong hingegen habe ich als puren Gorilla gespielt, als Silberrücken. „King Kong“ war Fantasy, „Planet der Affen“ ist Science Fiction. Die Filme sind Allegorien, sie benutzen die Affen als Metapher, und es passt sehr gut, dass Caesar sich selbst als Außenseiter begreift, dass er weder Affe noch Mensch ist.

          Frieden, so suggeriert der jüngste Film, ist für die Affen nur ohne die Menschen möglich. Sind wir ein Irrtum der Evolution?

          Gut, der Film ist nur ein Teil einer Reise, wenn auch das Ende dieses Kapitels. Aber wir haben gesehen, was im ersten „Affen“-Film von 1968 mit den Affen passierte: Sie waren so brutal zu den Menschen wie diese jetzt zu ihnen. Selbst wenn sie eine friedliche Gesellschaft konstruieren konnten, ist das Verhältnis der meisten Affen zu den Menschen in den Filmen nicht empathisch.

          Man kann auch zahlreiche religiöse Verweise erkennen: die Kreuzigung, den Einzug ins Gelobte Land . . .

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          Es ist in vielerlei Hinsicht ein biblisches Epos. Matt Reeves, der Regisseur, hat sich Filme wie „Die zehn Gebote“ angeschaut, er wollte eine biblische Atmosphäre, und Caesar ist ein Charakter, der an Moses erinnert.

          Die Kirche dürfte da protestieren.

          Das hoffe ich! (Lacht)

          Ihre Vorliebe für Außenseitercharaktere wie Caesar erklären Sie damit, dass auch Sie selbst in Ihrer Kindheit und Jugend in England ein Außenseiter waren. Nun sind die von Ihnen gespielten Außenseiter wie King Kong oder Gollum sehr eigentümliche, aggressive oder gar gewalttätige Typen. Was hat Sie vor einem ähnlichen Schicksal bewahrt?

          Ich habe großes Glück, ich habe eine unglaubliche Familie. Mein Vater stammt aus dem Irak, meine Mutter ist Engländerin, und wir sind oft durch den Mittleren Osten gereist. Das hat mich davon abgehalten, mich jemals komplett britisch oder irakisch zu fühlen, ich hatte je einen Fuß in beiden Welten. Viele meiner Freunde waren sehr verankert in ihrer Herkunft. Ich hingegen war nie sehr gefestigt.

          Für einen Schauspieler dürfte so etwas durchaus praktisch sein.

          Es hat mir jedenfalls nie geschadet. Und ich mag es, den Aspekt der Identität zu untersuchen. Darum wird es auch im Film „Das Dschungelbuch“ gehen, bei dem ich gerade Regie führe: Auch Mogli, der von Wölfen aufgezogen wurde, hat je einen Fuß in zwei Welten, und er kommt an einen Punkt, an dem das nicht mehr möglich ist.

          An diesem Projekt arbeiten Sie schon lange. Wie sehr haben Sie sich geärgert, als Sie von Disneys „Dschungelbuch“-Verfilmung hörten, die schon 2016 ins Kino kam?

          Wir hatten angefangen, und Disney hat uns überholt. Lange sah es so aus, als kämen beide Produktionen gleichzeitig heraus. Doch ich habe kein Problem damit, weil es zwei völlig unterschiedliche Filme sind. Jon Favreaus Film ist toll, er ist wundervoll gemacht, aber unser Film ist sehr viel dunkler, er richtet sich an ein erwachsenes Publikum. Und er nutzt Performance Capture: Er spielt in einer echten, nicht in einer computergenerierten Welt. Es ist auch mehr ein Drama, wir setzen viel stärker auf das Schauspiel – mit Christian Bale als Baghira, Cate Blanchett als Schlange und Benedict Cumberbatch als Tiger.

          Anders als es der Originaltitel „War for the Planet of the Apes“ suggeriert, ist auch „Planet der Affen: Survival“ viel mehr ein Drama als ein Kriegsfilm. Für mich ist es eher ein Film über Unterdrückung und Befreiung, und Caesar erinnert an die klassischen Filmhelden wie Spartacus.

          Das ist wahr. Natürlich gibt es einen Krieg, auch einen Kampf in Caesars Seele zwischen Hass und Empathie, aber es ist ein psychologisches Drama.

          Als Sie 2001 im „Herrn der Ringe“ erstmals Gollum spielten, bekamen Sie da eigentlich weniger Geld als die anderen Schauspieler, weil Sie noch kein großer Star waren, oder sogar mehr, weil Sie wesentlich mehr Arbeit hatten?

          Wir bekamen alle das Gleiche.

          Aber Sie mussten am meisten tun.

          Ich musste mehrfach zurück ans Set reisen und Nachdrehs mit den Zeichnern machen. Aber das musste nicht nur ich allein.

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          Ich habe gelesen, dass Sie an dem Tag, vor dem Sie erstmals als Gollum vor die Kamera getreten sind, auf Ihren Ellenbogen und Knien zu Ihrem Hotel in Neuseeland gerobbt sind. Gibt es dafür Zeugen?

          Das Hotel war mitten im Niemandsland, und ich hatte nicht erwartet, dass da jemand sein würde. Ich war ganz im Gollum-Modus, kroch über den Weg und schüttelte meinen Kopf hin und her – und plötzlich lief ein Mann mit seinem Hund vorbei. Er sah mich an wie irgendeinen verrückten Typen. Ich bemühte mich, ihn zu ignorieren.

          Mögen Sie eigentlich Ihr Gesicht?

          Mein Gesicht? Ich habe nichts daran auszusetzen. Es ist okay, es ist das einzige, das ich habe – abgesehen von den Charakteren, die ich spiele. Aber ich nehme an, Ihre Frage zielt darauf ab, warum ich so viel Zeit damit verbringe, in einer Art digitaler Verkleidung aufzutreten. Was mich am Schauspielen am meisten fasziniert, ist die Möglichkeit der Transformation, dass man sich in alles verwandeln kann. Ich liebe es, dass man jedwede Kreatur zum Leben erwecken kann, mit einer großen Bandbreite an Emotionen. Dank der Technik kann man alles anthropomorphisieren. Daher betrachte ich Performance Capture als das größte Werkzeug eines Schauspielers im 21. Jahrhundert. Du machst nicht mehr einen Film nach dem anderen und siehst dabei immer gleich aus.

          Sie haben vom Ende des „Type-Casting“ gesprochen: Man werde nicht mehr auf sein Alter oder auf sein Geschlecht beschränkt. Andererseits haben Sie bislang kein kleines Mädchen oder eine Großmutter gespielt.

          Wir haben noch Zeit!

          Und doch scheint es auch bei Ihren Rollen ein gewisses Type-Casting zu geben: Sie sind sehr oft als das am bizarrsten aussehende Geschöpf des ganzen Films zu sehen.

          Also, ich finde Caesar sehr attraktiv. Und King Kong war natürlich in seinem Film der leading man. Er kriegt das Mädchen!

          Als Sie erstmals als Gollum am Set erschienen, mit ihrem, wie Sie es mal ausdrückten, Fetisch-Anzug und mit Markern im Gesicht, wusste kaum jemand so recht, was vor sich ging; selbst die Crew hat gekichert. Seitdem dürfte sich viel geändert haben.

          Selbstverständlich. Es ist zum industriellen Standard beim Filmemachen geworden.

          Ist auch der Anzug heute bequemer?

          Ja, in Wirklichkeit sind die Anzüge sehr bequem, man spürt sie kaum. Sie sind auf eine Art wie eine zweite Haut.

          Erste Kritiken zu „Planet der Affen: Survival“ sind in Amerika enthusiastisch ausgefallen, es wurde schon gefordert, Ihnen einen Ehren-Oscar zu verleihen. Doch wären Sie damit zufrieden – mit einem Ehren-Oscar?

          Ich begreife nicht so recht, was das bedeuten soll. Ich sehe in dem, was ich tue, keinen Unterschied zur Schauspielerei. Eine eigene Kategorie dafür zu schaffen wäre eine Fehlinformation. Ich möchte, dass die Leute wirklich verstehen, was wir tun. Es ist nur eine Technologie, die dein Schauspiel auf eine andere Art filmt. Das Aussehen des Charakters wird hinterher als digitale Maske hinzugefügt. Im Grunde, denke ich, sollte es überhaupt keine Spezialkategorien geben. Entweder wirst du von einem Charakter bewegt und fühlst dich ihm nahe oder nicht.

          Einen Ehren-Oscar würden Sie also ablehnen?

          Ja, das würde ich.

          Bemerken Sie eine Skepsis gegenüber der Performance Capture auch noch unter Ihren Kollegen?

          Es wird weniger. Je mehr Schauspieler der A-Klasse sich daran beteiligen und je größer die Rollen werden, desto besser wird es. Schauspiel bleibt Schauspiel, und es wird hervorgebracht von den Schauspielern – und von niemandem sonst.

          Wäre es für die endgültige Akzeptanz dieser Technik notwendig, dass, sagen wir, Leonardo DiCaprio oder Robert De Niro einen Bären spielten?

          Vermutlich. Obwohl schon Christian Bale ein großer Star ist.

          Und wenn DiCaprio oder DeNiro einen Oscar für ihre Bären-Performance bekämen – wären Sie froh darüber oder verärgert, dass nicht Sie selbst ausgezeichnet wurden?

          Ich würde mich freuen, zu hundert Prozent. Aber letztlich sind Preise nur Preise, sie bedeuten mir nicht viel. Meine Belohnung ist es, diese phantastischen Rollen spielen zu können.

          Sie selbst, der Sie so viele Tiere gespielt haben, sollen als Kind zu Tieren ziemlich grausam gewesen sein.

          Ich weiß gar nicht, warum ich das irgendjemandem gegenüber mal zugegeben habe. Ja, mein Bruder und ich haben in Bagdad Eidechsen gejagt und ihnen mit Bambusstöcken die Schwänze abgeschnitten, schrecklich. Wir waren sehr jung.

          Dann wären Ihre späteren Filmauftritte eine Art Wiedergutmachung.

          Ja, Karma! Alles kommt zurück.

          Haben Sie nach wie vor Katzen zu Hause?

          Ja, aber die Katze, die mich zu Gollums Stimme inspirierte, indem sie Fellknäuel hervorwürgte, ist leider nicht mehr unter uns.

          Und haben Sie nach all Ihren Expeditionen ins Tierreich das Gefühl, auch Ihre Katzen besser zu verstehen?

          Sicher betrachte ich Tiere nun anders. Ich schaue sie an und frage mich nach ihrem Bewusstsein, danach, wie viel sie wahrnehmen. Und was unsere Katzen betrifft, so weiß ich ganz genau, was sie denken: Meistens dreht es sich ums Essen.

          Die Fragen stellte Jörg Thomann.

          Zur Person

          Geboren 1964 in Middlesex, England, als Sohn einer Britin und eines Irakers mit armenischen Wurzeln. Erste Karriereschritte Ende der achtziger Jahre am Theater und im britischen Fernsehen.

          Den Durchbruch im Kino brachte 2001 Serkis’ Auftritt als Gollum im ersten „Herr der Ringe“-Film. Es folgten Rollen als King Kong (2005), als Kapitan Haddock in Spielbergs „Tim und Struppi“-Film (2011), als Snoke in „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ (2015).

          Den Affen Caesar spielt Serkis jetzt zum dritten Mal im Film „Planet der Affen: Survival“, der am 3. August anläuft.

          Verheiratet mit der Schauspielerin Lorraine Ashbourne, drei Kinder.

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