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„Glücksatlas“ 2019 : Die Deutschen sind zufrieden wie selten zuvor

  • -Aktualisiert am

Die unangefochtene Nummer eins: In Schleswig-Holstein lebt man am glücklichsten. Das soll vor allem geographische Gründe haben. Bild: dpa

Die Zufriedenheit der Deutschen erreicht einen neuen Höhepunkt. Laut „Glücksatlas“ liegt das auch am Stimmungsaufschwung in Ostdeutschland. Im Länderranking bleibt ein Bundesland unangefochten auf Platz eins.

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          Wer hätte das gedacht! Das gesellschaftliche Klima scheint von Hass und Unverständnis geprägt zu sein, und in Alltagsgesprächen wird selten ein gutes Haar an der Politik gelassen. Dabei geht es den Deutschen so gut wie lange nicht: 30 Jahre nach dem Mauerfall erreicht die Lebenszufriedenheit in diesem Land einen neuen Höhepunkt.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das geht aus dem „Glücksatlas“ 2019 der Deutschen Post hervor, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. „Ich weiß, es klingt komisch“, sagte Studienleiter Bernd Raffelhüschen angesichts der überraschenden Befunde. Gefühlt habe man schließlich zehn Jahre Krise hinter sich. „Aber wir sind seit der Wiedervereinigung die zufriedensten Menschen, die je in diesem Land gelebt haben.“ Verantwortlich für den Stimmungsaufschwung, der einen Trend aus den vergangenen Jahren fortsetzt, sei dabei ausgerechnet die positive Entwicklung in Ostdeutschland. „Den Ostdeutschen verdanken wir unser Allzeithoch“, sagte der Direktor des Forschungszentrums Generationenverträge der Universität Freiburg. Dabei sollte einem eine Beobachtung des Professors angesichts der bevorstehenden Jubiläumsfeierlichkeiten und der Frage nach dem Stand der deutschen Einheit besonders zu denken geben: „Wir können fast nicht mehr die Unterschiede messen.“

          Laut „Glücksatlas“ liegt die durchschnittliche Zufriedenheit auf einer Skala von 0 bis 10 bei 7,14 Punkten. Das ostdeutsche Niveau, das mit 7,0 Punkten zwar immer noch geringfügig darunter liegt, ist überproportional gestiegen.

          Eigentlich müsste es Zufriedenheit heißen

          Im Länderranking liegt Schleswig-Holstein unangefochten auf dem ersten Platz, was die Forscher nicht mit objektiven Kriterien erklären, sondern mit der geographischen Nähe zur Hygge-Nation Dänemark, die im europäischen Vergleich traditionell führt. Das schlechte Abschneiden von Schlusslicht Brandenburg und Ländern wie Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Berlin begründet Raffelhüschen mit der „immer noch relativ hohen Arbeitslosigkeit“. Ganze Stadtteile, in denen ein Drittel der Bevölkerung von Hartz IV lebe, seien mit dem süddeutschen Raum nicht vergleichbar.

          Eigentlich müsste der „Glücksatlas“, den die Deutsche Post nun schon zum neunten Mal erstellt hat, Zufriedenheitsatlas heißen. Denn während Glück laut Raffelhüschen eine zufällige Angelegenheit ist, gibt es für Zufriedenheit Gründe, die in diesem Fall in den Kategorien Wohnen, Familie, Freizeit, Arbeit, Gesundheit und Einkommen gemessen werden. Grundlage sind die Daten des sozioökonomischen Panels sowie eine Repräsentativbefragung des Instituts für Demoskopie Allensbach.

          Der wichtigste Faktor für die gewachsene Zufriedenheit der Deutschen lässt sich dabei überraschend eindeutig identifizieren: Es geht ums Geld. Nach Angaben von Raffelhüschen ist das Haushaltsnettoeinkommen in den vergangenen zehn Jahren um durchschnittlich 560 Euro gestiegen. Davon hätten alle Bevölkerungsschichten profitiert: In Deutschland lebten nicht nur die reichsten Vorstände, sondern auch die reichsten Armen, die es je gegeben habe.

          Gemischte Teams schaffen mehr Arbeitszufriedenheit

          Daneben haben sich auch die wichtigen Felder Gemeinschaft und Gesundheit zum noch Besseren entwickelt. Dabei ist interessant, dass Menschen – egal ob sie verwitwet, geschieden oder nur getrennt leben – in einer neuen Partnerschaft am zufriedensten sind. Gestiegen ist der Anteil an Personen, die regelmäßig Sport machen, was offenbar ebenfalls zum Glücksempfinden beiträgt.

          Als thematischen Schwerpunkt, für den noch einmal weitere 2000 Personen repräsentativ befragt wurden, setzt sich der „Glücksatlas“ mit dem Thema Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit am Arbeitsplatz auseinander. Eindeutig sind die Befunde auch hier: Gemischte Teams erhöhen die Arbeitszufriedenheit. In gemischten Teams gibt es mit 27 Prozent deutlich mehr „Top-Zufriedene“, für die Arbeit mehr ist als Geldverdienen, als in homogenen Teams (18 Prozent).

          Für zwei Drittel der Befragten ist es unwichtig, ob sie einen Chef oder eine Chefin haben. Dem steht die bekannte Wirklichkeit in den Unternehmen gegenüber, wonach nur ein Drittel der Führungsposten mit Frauen besetzt sind. Thomas Ogilvie, Personalvorstand von Deutsche Post DHL Group sagte, die klare Auswirkung auf die Arbeitszufriedenheit mache deutlich, dass Geschlechtergerechtigkeit keineswegs nur ein „softes Thema“ sei, sondern auch ein wichtiger Erfolgsfaktor.

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