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Glastonbury : Ein Festival sucht den politischen Diskurs

Klimaaktivistin Greta Thunberg hält beim Glastonbury Festival eine Rede. Bild: EPA

Das Glastonbury-Festival ist in diesem Jahr politisch wie eh und je: Wolodymyr Selenskyj hält eine Rede per Video, Phoebe Bridgers kritisiert den US-Abtreibungsentscheid und Greta Thunberg mahnt, dass starre Systeme mehr Klimaschutz verhindern.

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          „Free personality test“, heißt es auf den Bildschirmen der großen Bühnen auf dem Glastonbury Festival in Somerset, „kostenloser Persönlichkeitstest“. Erste Frage: „Magst du Pinguine?“

          Johanna Dürrholz
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Was im ersten Moment wie Werbung erscheint (noch dazu eine ziemlich doofe), entpuppt sich kurz darauf, gepaart mit herzzerreißenden Pinguinbildern, als Kampagne von Greenpeace. Sowieso läuft keine Produktwerbung auf dem Festival, von dem es heißt, dass es den Musikerinnen und Musikern bedeutend weniger Gage zahlt als andere große Musikevents. Stattdessen sieht man Videos von Greenpeace, Oxfam, der EU, die aufrufen zu einer besseren Zukunft, in der der Planet noch gerettet werden kann.

          Auch auf den Stoffbeuteln des Festivals wird dazu aufgerufen, sich ökologisch rücksichtsvoll zu verhalten: „Climate Action, the Time is now“ steht da, „Klimaschutz, die Zeit dafür ist jetzt“. Und: „Du gestaltest den Wandel“. An der Bühne „The Park“ prangen riesige Banner, die für Recycling werben – und dafür, den Plastikverbrauch zu reduzieren. Oder sie warnen vor dem Bienensterben.

          Ein wenig seltsam mutet das zuweilen an, wenn man vor den Bildschirmen sitzt und die Greenpeace-Einspieler schaut, inmitten von weggeworfenen Bierdosen und Pappbechern, Essensresten und Holzbesteck. Der Müll, den mehr als 200.000 Festivalbesucher so erzeugen, liegt zum Teil einfach so auf dem Boden des Geländes herum.

          Schon die diesjährige Festival-Eröffnung war eine ungewöhnliche: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hielt eine Rede, per Videoübertragung auf der „The Other Stage“. Er wünschte den Festivalbesuchern eine schöne Zeit, erklärte aber zugleich, auch die Ukrainer würden gerne wieder ihr Leben, den Sommer, genießen. Das Glastonbury Festival sei, so Selenskyj, dieser Tage die „größte Konzentration von Freiheit“. Er bat daher die Besucher darum, Informationen über den Krieg zu teilen, zu spenden und Geflüchteten aus der Ukraine zu helfen.

          2016 wurde der Brexit debattiert

          Dass ein Festival wie das Glastonbury vor politischen Entwicklungen nicht abgeschirmt werden kann (und will), zeigte sich schon 2016. Damals stimmten die Briten einen Tag vor dem Festival für den Brexit. Die Stimmung war entsprechend aufgeheizt, wie sich viele Besucherinnen und Besucher in diesem Jahr erinnern.

          Und auch in diesem Jahr gibt es wieder einen Schock: Das Gesetz Roe vs. Wade, das in den USA seit 1973 staatenübergreifend das Recht auf Abtreibung gewährleistete, wurde abgeschafft. Amerikanische Künstlerinnen wie Phoebe Bridgers und Billie Eilish äußerten sich besorgt und wütend über den Beschluss des Supreme Court. Bridgers nannte die Richter „irrelevante alte Mistkerle“, und Eilish sprach von einem „traurigen Tag für alle Frauen“.

          Auch in diesem Jahr ist das Glastonbury Festival politisch wie eh und je. Noch eine Persönlichkeit meldet sich dort am Samstag zu Wort. Klimaaktivistin Greta Thunberg reiste persönlich an, um auf der „Pyramid Stage“ eine Rede zu halten, passend zu den vielen Einspielern auf den Bildschirmen der Hauptbühne. In drastischen Worten schildert sie, wie sich der Zustand der Erde in den vergangenen Jahren weiter verschlimmert habe.

          „Manche sagen, wir tun nicht genug – das ist falsch, weil es suggeriert, dass wir überhaupt etwas tun“, so Thunberg in ihrer Rede. „Wir sollten für Menschen und Natur kämpfen, stattdessen müssen wir gegen diejenigen kämpfen, die genau das zerstören.“ Die Anführer der Welt würden das eine sagen und oft das andere tun. Thunberg schlägt in ihrer Rede den großen Bogen zur kolonialen Vergangenheit vieler Länder und zur globalen Ausbeutung der Ärmsten: „Diejenigen, die am wenigsten dafür können, werden am meisten leiden“, so Thunberg. Die Krise weise auf ein noch viel größeres Problem hin: Dass manche Menschen meinten, ihr Leben sei mehr wert als das Leben von anderen.

          Thunberg macht am Ende aber auch Hoffnung: „Wenn ein Haufen Schüler so viel erreicht hat, stellt euch erst vor, wie viel wir erreichen können, wenn wir alle zusammen arbeiten.“ Das führt die Neunzehnjährige zur Systemkritik: „Wir sind nicht das Problem. Das Problem sind Systeme, die das alles erlauben und sogar dazu ermutigen.“

          Die Stimmung an der „Pyramid Stage“, bierselig und bei für englische Verhältnisse hervorragendem Wetter, ist auch nach Thunbergs durchaus deprimierender Rede ungebrochen gut. Als Thunberg das Glastonbury Festival anspricht, jubeln alle. Am Ende stimmt die Menge in Thunbergs Aufruf ein: „When I say climate, you say justice.“ „Climate!“, ruft Thunberg – „justice!“, skandiert die Menge. Thunberg verlässt die Bühne und wenige Minuten später spielt Danielle Haim von der US-amerikanischen Band Haim die ersten Akkorde auf ihrer E-Gitarre. Noch mehr Jubel.

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