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Gisele Bündchen im Interivew : „Es gab diesen Bäng“

„Vielleicht ist Perfektion in Wahrheit ein Gefängnis. Ich will jedenfalls nicht darin leben.“ Bild: AP

Sie hat das Modeldasein geprägt wie kaum eine andere – und dabei mehr Geld verdient als die meisten. Gisele Bündchen über Ängste, den Druck von damals und ihr Glück im Ruhestand mit 38.

          7 Min.

          Eine halbe Stunde mit Gisele Bündchen. Wäre es möglich, beim Treffen in Hamburg, ganz oben im Hotel Atlantic, in der Präsidentensuite, für einen Moment auf stumm zu schalten, würde man ausschließlich die Gisele Bündchen wahrnehmen, die weltberühmt geworden ist. Die leicht gebräunte, wild gestikulierende Gisele Bündchen. Die Brasilianerin, die als Model Ende der Neunziger mit ihrem Temperament und den Kurven mit dem Heroin-Chic der Zeit brach. Als sie anfing, waren Models blass und fragil, das Vorbild hieß Kate Moss. Bündchen änderte das. Sie trat eine beispiellose Karriere an. Ihr zweiter Name: „The Body“.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ohne zu zögern, begrüßt sie einen mit Küsschen, Küsschen. Sie fragt, ob man Tee trinken möge. Oder vielleicht Wasser? Sie, die eine Zwillingsschwester und vier weitere Schwestern hat, ist die Kümmerin. Bündchen ist nun 38 Jahre alt und mit dem NFL-Footballstar Tom Brady verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder, einen Sohn, 9, und eine Tochter, 6, aber sie macht kein Geheimnis daraus, dass sie auch Bradys ältesten Sohn aus einer früheren Beziehung als ihren eigenen sieht. Sie ist jetzt in einer Phase, die man unter Models Ruhestand nennen kann, sie tritt seltener öffentlich auf, wie zum Beispiel nun anlässlich der Vorstellung ihres Buches. Darin, und wenn sie jetzt im Interview spricht, in Jeans, gelbem Kaschmirpullover und weißen Turnschuhen, zeigt die Frau, die den Beruf des Models so stark geprägt hat, eine andere Seite von sich.

          Frau Bündchen, Sie waren lange das bestbezahlte Model der Welt und hatten immer das Image, die Natürliche und Gesunde zu sein. Und dann ist da Ihr Buch mit dem Titel: „Lessons: Mein Weg zu einem sinnerfüllten Leben“. Wie passt das zusammen?

          Ich habe früher häufiger Briefe bekommen, meistens von Teenagern, die ich nicht kannte, und sie erzählten mir ihre Geschichten. Einige waren an einer Essstörung erkrankt, andere wurden in der Schule gemobbt. Das sind nicht meine Erfahrungen, ich habe meine eigenen gemacht, wir alle besuchen die Schule des Lebens, und da bekommt gewiss niemand eine Freifahrt. Nur können sich das viele Menschen mit Blick auf mein Leben nicht vorstellen, sie haben eine bestimmte Vorstellung davon und fragen sich: Warum habe ich solche Probleme und alle anderen ein tolles Leben?

          Ihr Image ist auch nur Fassade?

          In meinen Briefen war es mir wichtig, dieses Bild geradezurücken. Wenn ich von Herausforderungen spreche, dann kann der andere vielleicht sagen: Stimmt, bei mir ist das genauso. Allerdings habe ich mit den Briefen nur wenige erreicht, so entstand die Idee eines offenen Briefes. Ich sehe es so: Wir alle haben Momente, das sind unsere Jahreszeiten. So wie auch die Natur darauf reagiert, so wie die Bäume ihre Blätter verlieren, wenn es kälter wird, und in sich ruhen und im Frühjahr dann wieder Blüten tragen, geht es uns auch.

          Menschen in einer Krise würden Sie sagen: Es ist nicht für immer Winter?

          Der Frühling kommt irgendwann! Aber wenn man zu lange auf den Gedanken fixiert ist, dass man einen schlechten Tag hat, dann gibt man ihm nur die Kraft, um größer zu werden. Ich meditiere seit meinen frühen Zwanzigern, seit ich unter Panikattacken gelitten habe, das ist für mich wirklich ein Geschenk, da allein für mich zu sitzen und zu verstehen: Du bist nicht deine Wahrnehmung. Wenn man als Beobachter danebensitzt, kann man einen schlechten Tag wie einen Besucher sehen.

          Es gab eine Zeit im Leben, als Sie viel unerwünschten Besuch hatten. Mit 23 hatten Sie Panikattacken.

          Das kam, weil ich überarbeitet war, weil ich über eine lange Zeit 365 Tage im Jahr gearbeitet habe. Ich habe mir überhaupt keinen Raum gelassen, einfach zu sein. Um das durchzustehen, habe ich mich anstelle dessen selbst betäubt, indem ich getrunken und geraucht habe. Mit Kaffee am Morgen, um wach zu werden, und Wein am Abend, um einzuschlafen. Es war Selbstmedikation. Aber das Leben gibt dir Zeichen, vielleicht tippt es dich nur an (Bündchen stupst einem ans Knie), aber wenn du nicht aufpasst, schubst es stärker. In meinem Fall war das ein Bäng (simuliert mit ihren Händen einen Aufprall). Es war ein wunderbares Geschenk.

          Sie haben überlegt, vom Balkon Ihrer New Yorker Wohnung zu springen.

          Aber ohne die Panikattacken wäre ich heute nicht an dem Punkt, an dem ich jetzt bin. Ich habe damals alles dafür getan, mit meinem Leben Schritt zu halten, und das war von Anfang an kein gesundes Tempo.

          Es war die Zeit, als Gisele Bündchen für vieles zu haben war. Das traf sich gut, denn Bündchen legte los, als es noch cool war, weibliche Models möglichst sexualisiert darzustellen. Auch Bündchen hat auf den allermeisten Bildern aus jener Zeit nicht viel an. Sie war überall, beispielsweise in der Kampagne der amerikanischen Milchwirtschaft, nur in ein Laken gehüllt, aber dafür mit Milchbart über den Lippen; im Zeitraum von 1998 bis 2003 war sie auf Dolce&Gabbana-Kampagnen abonniert, seit 2000 auch über sechs Jahre lang auf den Laufstegen von Victoria’s Secret unterwegs, in Unterwäsche und mit Engelsflügeln. Sie gab in der Zeit ihr Kino-Debüt in „New York Taxi“ – ein Flop – und war mit Leonardo DiCaprio liiert. Das Paar trennte sich, kam wieder zusammen, trennte sich wieder. Vor allem aber schien die Welt damals nicht darüber hinwegzukommen, wie viel Geld Bündchen verdiente, 5 Millionen Dollar im Jahr bekam sie allein von Victoria’s Secret überwiesen. Noch heute, im „Ruhestand“, gehört sie zu den Großverdienerinnen der Branche. Aber eine jüngere Generation, namentlich Gigi Hadid und Kendall Jenner, hat auf- und sie beim Jahresgehalt sogar überholt. Klar, Bündchen war nicht das erste Model mit hohen Gagen; die Supermodels, zum Beispiel Claudia Schiffer und Linda Evangelista, hatten zehn Jahre zuvor dafür die Grundlagen gelegt („We don’t wake up for less than 10.000 Dollar a day“). Aber Bündchen verhandelte noch härter und wurde zum Inbegriff eines Models. Angeblich flossen 128.000 Dollar am Tag auf ihre Konten. Den Unternehmen war sie lieb und teuer; dass sie über deren Erfolg bestimmte, zeigte der Ökonom Fred Fuld anhand des „Gisele Index“, der die Börsenentwicklung der Firmen darstellte, für die sie tätig war. Es lief.

          Victoria Secret Models vereint: Hier auf einer Ladenveranstaltung des Dessou-Herstellers im Jahr 2004. Adriana Lima, Alessandra Ambrosio, Gisele Bündchen, Tyra Banks und Heidi Klum.
          Victoria Secret Models vereint: Hier auf einer Ladenveranstaltung des Dessou-Herstellers im Jahr 2004. Adriana Lima, Alessandra Ambrosio, Gisele Bündchen, Tyra Banks und Heidi Klum. : Bild: dpa

          Mit 14 haben Sie mit dem Modeln angefangen. Skandalös jung, oder?

          Ich komme aus einer Kleinstadt in Südbrasilien und bin allein in eine Stadt mit 15 Millionen Einwohnern gezogen, nach São Paulo. Und noch im selben Jahr nach Japan, ohne dort ein Wort zu verstehen. Aber was ich gelernt habe: Wenn man unter normalen Umständen jung ist und sich unverantwortlich verhält, ist das keine große Sache, die Familie ist ja da. Aber wenn man sich auf der anderen Seite der Welt aufhält, passt man besser auf, welche Entscheidungen man trifft. Für mich war das gut, so bin ich schnell erwachsen geworden, und ich habe gelernt, überlegt zu sein. Ich habe viele schlimme Dinge gesehen, andere Models, die auch jung waren und sich dessen nicht so bewusst waren. Aber in diesem Sinne hat mir meine Mutter einen Rat mit auf den Weg gegeben, und es ist auch der einzige, den ich meinen Kindern geben würde. Sie müssen ihre eigenen Erfahrungen machen, und man kann sie nicht in Luftpolsterfolie verpacken. Aber als ich von zu Hause weggezogen bin, sagte meine Mutter mir: „Gisele, nimm niemals etwas von Fremden an, vor allem kein Getränk.“ Das habe ich befolgt. So war ich sicher.

          War der Gruppenzwang, Party zu machen, dafür nicht zu groß?

          In dem Alter ist es wichtig, wer deine Freunde sind. In Japan hatte ich eine tolle Zimmergenossin, sie war auch Model und 16 Jahre alt. Ich war ja 14 und sowieso immer die Jüngste in den Model-WGs. Aber Gleich und Gleich gesellt sich gerne, und ausgehen war nicht so mein Ding. Ich bin gerne spazieren gegangen, ich mag die Natur.

          Also war es der Rat Ihrer Mutter, die Freundin und Ihr Desinteresse am Nachtleben, was Ihnen geholfen hat. Und es war später das Pensum, mit dem Sie dem Image des gesunden Models gerecht werden wollten, unter dem Sie zusammengebrochen sind?

          Die Belastung – und überlegen Sie mal, wie dehydriert ich war, von nichts außer Kaffee und Zigaretten am Tag. Wenn ich darüber nachdenke, kommt mir das wie das Leben eines anderen Menschen vor. Aber ich musste da durch, um zu erkennen, dass das nichts für mich war.

          Einige sagen jetzt offen: Es geht mir nicht gut. Oder: Damals ging es mir nicht gut. Miley Cyrus etwa, Cara Delevingne oder Kendall Jenner.

          Vielleicht liegt das daran, dass Perfektion in Wahrheit ein Gefängnis ist. Ich will jedenfalls nicht darin leben, und ich glaube, dass das auf Dauer ein Rezept für Unglück ist. Ich glaube, wir müssen netter mit uns selbst sein.

          Kannten Sie Perfektionsdruck schon als Kind?

          Man nannte mich „Olive Oyl“, wie die schlaksige Frau von Popeye. Ich war 30 Zentimeter größer als alle anderen in meiner Klasse, und wenn man anders ist, machen sich die Leute lustig. Als Kind musste ich lernen, damit umzugehen, und dafür ist es wichtig, etwas zu finden, worin man gut ist. Bei mir war das Volleyball, ich war Mannschaftskapitänin und jeden Tag beim Training. Das hat mir Selbstvertrauen gegeben. Ich habe das auch meinem Mann gesagt, dass wir den Kindern helfen müssten, eine Sache zu finden, in der sie gut sind. Einer meine Söhne liebt es zu zeichnen, bei meiner Tochter sind es die Pferde und überhaupt alle Tiere, mein Ältester ist von Sport besessen. Jeder macht sein Ding, das ist wichtig, denn wir sind alle einzigartig. Die Leute haben früher über meine Nase gelacht; als ich mit dem Modeln anfing, sagten sie, meine Nase sei zu groß. Aber meine Nase ist heute eines meiner Alleinstellungsmerkmale, und sie hat mir wohl auch geholfen, ein besseres Model zu werden, denn so habe ich viel über Licht und Winkel gelernt. Die Kritik hat mich auch dazu gebracht, noch härter zu arbeiten, und das ist gut.

          Ihr Glück: Mann Tom Brady und Tochter Vivian im Februar nach dem Super Bowl.
          Ihr Glück: Mann Tom Brady und Tochter Vivian im Februar nach dem Super Bowl. : Bild: AFP

          Ironischerweise wäre Gisele Bündchen ohne Kritik an ihrem Körper vielleicht nie Model geworden. Ihre Mutter fand es gar nicht gut, dass die Tochter wegen der Hänseleien ständig krumm stand, und schickte sie in einen Modelkurs, nur zur Verbesserung der Haltung. Zum Finale ging es nach São Paulo; dort kam in einer Shoppingmall ein Scout auf sie zu: Ob sie schon mal darüber nachgedacht habe zu modeln.

          Sie sind Deutsch-Brasilianerin. Ihr ganzer Name lautet Gisele Caroline Nonnenmacher Bündchen. Was ist an Ihnen deutsch?

          Meine Familien leben in fünfter Generation in Brasilien, beide Seiten kommen aus Deutschland. Meine Eltern sprechen Deutsch. (Bündchen wechselt für einen Satz ins Deutsche:) Ich spreche nicht Deutsch. Aber ich denke, deutsch an mir ist meine Disziplin.

          Für die Karriere nicht von Nachteil.

          Als ich in den Neunzigern angefangen habe, schlugen die anderen Models gegen Mittag auf. Ich hingegen war um sechs Uhr da und rief: „Hallo, hier bin ich.“ Und dieser Pünktlichkeit mussten sich die anderen irgendwann fügen. Es wurde dann gesagt: „Wenn Gisele es schafft, da zu sein...“ Ich habe also dafür gesorgt, dass es in der Mode heute ein bisschen professioneller zugeht.

          Was sich seitdem auch verändert hat, zeigt sich an der Tatsache, dass Alexander McQueen Sie 1997 ohne Top über den Laufsteg schicken wollte.

          Und er hat es getan. Damals lief das nach dem Prinzip: Mach mit oder geh!

          War Ihnen das peinlich?

          Oh, absolut sehr sogar. Ich war nur froh, dass die Visagistin Val Garland backstage zur Stelle war und mir schnell ein weißes Top auf meinen nackten Körper gemalt hat. Und ich habe geweint, aber auf dem Laufsteg hat es zur Schau geregnet. Ich wurde also zweimal gerettet: von der Visagistin und vom Regen. Können Sie sich vorstellen, was die Leute sonst gedacht hätten? Ein weinendes Model. Zuvor war das für Models die Zeit des Heroin-Chics. Ich aber hatte Rundungen. Bei der Schau entschied sich Anna Wintour dann, dass die Zeit für Kurven gekommen sei, und mit 18 war ich auf dem Cover der amerikanischen „Vogue“.

          So sind Sie reich und berühmt geworden. Apropos Geld und Glück: Wie glücklich macht Sie Geld?

          Überhaupt nicht. Geld sorgt für einen gewissen Komfort im Leben; wenn dir dein Körper weh tut, kannst du zur Massage gehen. Man kann sich Bio-Essen leisten. Aber ich komme aus einer einfachen Familie. Wir haben zu acht in einem Haus gelebt, das Kinderzimmer habe ich mir mit meinen fünf Schwestern geteilt, wenn ich duschen wollte, musste ich mich hinten anstellen, und dabei war ich glücklich. Ich hatte nie das Gefühl, dass mir etwas fehlen würde. Glück ist, denke ich, ein Zustand des Seins. Ich komme aus einem Land, in dem viele Menschen sehr wenig haben, und ich habe viele Menschen getroffen, die so viel haben. Und dann merkt man, es geht nicht darum, was man an Materiellem besitzt, sondern darum, wie reich man an spirituellen Erfahrungen und Verbindungen ist. Wie bewusst man lebt. Das macht glücklicher als alles andere.

          „Lessons: Mein Weg zu einem sinnerfüllten Leben“ von Gisele Bündchen, Knaur Balance, 288 Seiten, 19,99 Euro

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